Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1868)
- Date
- 1868-06-23
- Page
- Seite 518 (sequence 8)
- Language
- German
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518 die Religion wohl als wesentliches Hinderniß nicht entgegenstehen. Wenn es trotzdem bisher auch dort keine jüdischen Ordinarien der Medicin giebt, so sehe ich den Hauptgrund dafür in dem Umstand, daß man den Juden die Hauptpflanzschulen der Medicin und damit die Möglichkeit ihrer Heranbildung zu Lehrern verschlossen hat. Auf welchem Wege ist es denn möglich, frage ich Herrn Virchow, den Juden den Zutritt zur ordentlichen Professur auch in Preußen zu erkämpfen? Ich will es ihm sagen: dadurch daß freisinnige Professoren befähigten Juden Gelegenheit zu ihrer Ausbildung geben und an diesen der Welt zeigen, wie nützliche Dienste diese Männer ihr zu leisten im Stande sind. Oder sollte Herr Virchow nicht soviel Vertrauen auf den Sieg des Rechtes und der Wahrheit haben? Der unvergeßliche Schönlein wenigstens faßte seine Aufgabe in dieser Beziehung so auf: er eröffnete den Juden den Zutritt zu klinischen Stellen und zur außerordentlichen Professur dadurch, daß er Männer wie Franke, Jos. Unger, Remak, unter seinen einflußreichen Schutz nahm und zwar zu einer Zeit, wo die Verhältnisse für die Juden noch viel ungünstiger lagen als heute. Seinem rühmlichen Beispiel schlossen sich Joh. Müller und Dubois-Rehmond an. Und von Herrn Virchow, der der geistige Führer der Nation sein will, wäre es z3 viel verlangt, mit gleicher Initiative voranzugehen? Versuche er es doch einmal in der Berliner medic. Facultät für Traube die ordentl. Professur durchzusetzen. Aber was verlange ich? Erfahre ich doch aus zuverlässiger Quelle, daß eine dahin gehende Anregung eines hervorragenden Facultätsmitgliedes bei Herrn Virchow auf Widerstand stößt! Es liegt mir selbstverständlich fern, gegen Herrn Virchow den Vorwurf bewußter und absichtlicher Proselhtenmacherei zu erheben, zu einer solchen Auffassung lag auch wohl in meinem Artikel kein gegründeter Anlaß vor. Daß er aber thassächlich dem Proselytenthum Vorschub leistet, das beweist der von mir angeführte Fall. Wenn Herr Virchow schließlich aus Anlaß dieser- Besprechung die Agitation für die Gleichberechtigung der Confessionen in Fluß kommen zu sehen wünscht, so werden Sie gewiß, Hochgeehrter Herr, sowie alle Glaubensgenossen mit mir den Wunsch theilen, daß Herr Virchow auch seinerseits die Erreichung dieses Zieles nicht bloß mit Worten, sondern auch in der That fördern helfen möge. Aus der Provinz Posen, Ende Mai. (Privatmitth.) Die jüngste Correspondenz aus Schwersenz in d. Blist ein Zeichen, daß es in unserer Provinz doch auch noch jüdische Gemeinden giebt, in welchen man sich für die Schule interessirt, was leiver sehr wenig der Fall ist. Man sollte zwar zu der Voraussetzung berechtigt sein, daß es den Eltern nicht gleichgiltig sein dürfte, die Fortschritte ihrer Kinder durch eigne Anschauung kennen zu lernen und von Jahr zu Jahr zu verfolgen. Fragt man nach der Ursache dieser wenig erfreulichen Erscheinung, so kann man kaum annehmen, daß die sonst wohl nicht grundlose Voraussetzung das Interesse der Eltern von der Schule fern hält, daß dem Publikum bei den öffentlichen Prüfungen nur Sand in die Augen gestreut wird. Man muß wohl zugeben, daß dies hier und da stattfindet, eben so auch, daß man in vielen Schulen bei den öffentlichen Prüfungen immer die alten Histörchen neu auffrischen hört; es ist aber jedenfalls als eine Ausnahme zu betrachten, denn unter den Lehrern erfüllen sicher die allermeisten ihre Pflichten mit der größten Gewissenhaftigkeit. Wo im Publikum eine rege Theilnahme für die Schule vorhanden ist, da fühlt sich der gewissenhafte Lehrer durch die Anerkennung von Seiten der Eltern seiner Schüler gehoben und dieses Gefühl giebt ihm neue Kräfte zur ferneren ersprießlichen Wirksamkeit in seinem kleinen Kreise. Wenn wir bei den öffentlichen Prüfungen und Schulfeierlichkeiten die traurige Wahrnehmung machen, daß die Eltern sich sehr wenig für die Schule interessiren, so müssen wir leider auch bemerken, daß selbst die Schulvorsteher bei solchen Gelegenheiten meistens durch ihre Abwesenheit glänzen. Aus Polen wird der „P. Z." geschrieben: Die Regierung beabsichtigt eine Anzahl der hier befindlichen kleineren Städte aufzuheben und in Dörfer umzuwandeln. Schlimm wird die in diesen Städtchen meist sehr stark vertretene Judenschaft daran sein, da diese wegen der dann ausfallenden Wochen- und Jahrmärkte keine Existenz mehr haben werden und als Ackersleute wegen der ihnen in diesem Zweige entgegenstehenden Schwierigkeiten, sowie auch wegen Mangel an Gelegenheit hierzu keine Aussicht auf Begründung einer solchen haben dürften. Wie man hört, sind über 100 kleine Städte zur Umwandlung in Dörfer designirt. Man spricht davon, daß Allen, die nicht zur griechisch-orthodoxen Kirche gehören, die höheren Staatsämter fortan grundsätzlich verschlossen sein sollen. vr. Meilitz.