Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 26 (23.6.1868)
- Date
- 1868-06-23
- Page
- Seite 517 (sequence 7)
- Language
- German
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517 kannt, sondern es vorgezogen, eine Assistentenstelle in einem Krankenhause, für welche ich ihn früher empfohlen hatte, anzunehmen. Ich kann unmöglich jeden einzelnen Punkt des Angriffes des Dr. Meilitz ebenso eingehend besprechen. Hätte er die von mir in Vorschlag gebrachten Personen bemängelt, so würde ich es versuchen, meine Wahl zu rechtfertigen. Ich kann jedoch versichern, daß ich meine Entschließung erst nach langer und eingehender Prüfung getroffen habe und ich denke, die Geschichte des von mir geleiteten Instituts bürgt dafür, daß ich bemüht bin, die objektiv beste Wahl vorzunehmen. Nur einen Punkt muß ich entschieden zurückweisen. Di'. Meilitz entblödet sich nicht, zu sagen, ich hätte einen meiner Assistenten erst dann in Vorschlag gebracht, nachdem „das Taufwasser seine Wirkung geübt." Niemand kann die Stelle anders verstehen, als so, daß ich ein Proselytenmacher sei und eine Einwirkung auf das religiöse Bekenntniß der Personen meiner Umgebung ausübe. Nichts liegt mir ferner, und am wenigsten habe ich in dem fraglichen Falle einen Druck ausgeübt. Die Religion ist für mich eine Angelegenheit, welche jeder mit sich selbst auszumachen hat, und schon aus diesem Grunde erscheint es mir höchst unangemessen, wenn Dr. Meilitz diesen letzteren Fall zum Gegenstand einer öffentlichen Erörterung gemacht hat. Im Uebrigen mag die Besprechung dieser Verhältnisse einen neuen Anstoß geben, daß mit erneuter Kraft auf die Gleichstellung der Confessionen hingedrängt werde. Ich habe die Verhältnisse, soweit sie mich betreffen, offen dargelegt, weil gerade eine solche Darlegung zeigt, wie ohnmächtig der Einzelne trotz guten Willens ist." — (Wir überlassen es den Lesern, sich ein Urtheil über diese Rechtfertigung des Prof. Virchow zu bilden. Uns bedünkt es, daß, wer so unerschütterlich in der Fortschrittspartei ein Princip auf der Rednerbühne verficht, und in allgemein politischen Fragen diejenigen „Diener des Erfolgs" nennt, welche den Verhältnissen Rechnung tragen, dies auch in der Praxis thun sollte, um mit gutem Beispiel voranzugehen. Gerade weil sein Institut nur ein Durchgangspunkt, nur eine Pflanzstätte junger Physiologen ist, und, wie er selbst bemerkt, in der Schweiz und Holland, wir fügen hinzu, in Frankreich, Oesterreich, Weimar, Baden, Italien u. s. w. auch Juden als ordentliche Lehrer an Universitäten angestellt werden, könnte aus persönlicher Fürsorge nur Der einem Juden eine Anstellung versagen, welcher glaubt, mit den Grenzen Preußens sei die Welt zu Ende und Preußen selbst sei mit dem Fortschritt zu Ende, und es könne daselbst niemals anders werden. Prof. Virchow ruft uns zu: Ich bin kein Proselytenmacher, sondern der Staat ist es — aber er stellt doch nur einen getauften Juden an, und was thut der Staat anders? . . . Wir müssen die Betrübniß über diese Angelegenheit beseitigen, aber wir können daraus abermals die traurige Ueberzeugung schöpfen, daß die Intoleranz gegen die Juden sich nicht blos auf die reaktionären Kreise beschränkt, sondern noch ein allgemeines Uebel ist, und die jüdische Jugend, die sich in der Begeisterung für Wissenschaft und Kunst so leicht den Hoffnungen erschließt, daß es nächstens besser werden würde, nachdrücklich warnen. Red. d. A. Z. d. I., Berlin, 15. Juni. iPrivatrnitth.) Sie kennen die Entgegnung des Herrn Prof. Virchow auf meinen Artikel in Ihrer geschätzten Zeitung und gestatten mir, dieselbe noch mit einem kurzen Commentar zu beleuchten. Herr Virchow giebt also zu, was ich behauptet: er sucht die Juden, soweit sein Einfluß reicht, vom Betreten der 'wissenschaftlichen academischen Laufbahn zurückzuhalten. Und aus welchem Grunde? Weil bisher in Deutschland noch kein Jude Ordinarius in der medicinischen Facultät geworden ist! Es ist mir bisher noch nicht gelungen, Jemanden ausfindig zu machen, der eine so monströse Argumentation von einem Mann wie Virchow für möglich gehalten hätte. Jndeß Herr Virchow ist ein logischer, consequenter Mann, und vermuthlich haben wir in der nächsten Bundessession einen Antrag von ihm zu erwarten, die Regierung möge keine jüdischen Assessoren mehr anstellen, — weil noch kein Jude in Preußen Minister geworden! Ich will versuchen, jenen Grund auf seinen wahren, thatsächlichen und moralischen Werth zurückzusühren. Es ist allerdings richtig, daß bisher kein Jude ordentl. Professor d. Med. in Deutschland geworden ist. Wenn aber in Heidelberg, Prag, Göttingen, Jena Juden als ordentliche Professoren in der juristischen resp. philosophischen Facultät angestellt sind, so dürfte ihrer Anstellung an denselben Universitäten in einer Facultät, die mit dem Glaubensbekenntniß ebensowenig oder noch viel 'weniger zu schaffen hat, als die erstgenannten,