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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-06-23 · Heft 26 (23.6.1868) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 26 (23.6.1868)
Date
1868-06-23
Page
Seite 512 (sequence 2)
Language
German
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für die Nachbarn bleiben. Dazu kommt aber, daß der Süden Deutschlands dem Norden noch immer feindlich gesinnt gegenüber steht, politisch und confesstonell entgegengesetzte Interessen hegt, auf seine Selbständigkeit um so eifersüchtiger ist, je schwächer er sich in seiner Widerstandskraft fühlt; hierzu kommt endlich, daß dem Süden Oesterreich zur Seite steht, das, in seiner Wiederverjüngung rasch und kräftig fortschreitend, sich binnen weniger Jahre von seiner Niederlage erholt haben wird, und dann gewiß nicht ansteht, noch einmal den Kampf gegen die Präponderanz Preußens aufzunehmen. So unmöglich es sein wird, die Mainlinie dem Einheitstreben der deutschen Nation, der Nothwendigkeit für den norddeutschen Bund, sich durch die Aufnahme von ganz Deutschland zu consolidiren, gegenüber aufrecht zu erhalten: so schwierig und voll Zündstoffes erscheint noch immer diese staatliche Vereinigung aller deutschen Stämme. Wir haben es freilich erfahren, daß eine solche innere Unmöglichkeit lange Zeiten hindurch bestehen kann, ohne zum Ausbruch zu kommen. Es war unmöglich, vaß der preußische Staat in den ihn vom Wiener Congreß angewiesenen Grenzen verbleiben könne; man war sich dieser Unmöglichkeit von Beginn an bewußt, schon aus den Motiven, welche die an diesem Acte betheiligten Mächte zu dieser Gestalt Preußens geleitet hatten; aber es währte doch gerade ein halbes Jahrhundert, bis diese Verhältnisse unerträglich wurden und den Kampf unausbleiblich machten. Diese Erfahrung kann uns daher lehren, daß diese innere deutsche Frage bis zu ihrem weiteren Austrag eine lange Zeit anstehen könnte, und dahin scheinen mir die Verhältnisse und Stimmungen stark zu neigen. Der norddeutsche Bund ebenso wie Oesterreich bedarf der Ruhe, um sich innerlich auszubauen, und wieder zu consolidiren; Preußen bedarf der Ruhe, um die annektirten Provinzen sich ebenso organisch anzueignen, wie es mit der Rheinprovinz und den 1815 erworbenen Theilen von Sachsen geschehen ist; die anderen Theile des norddeutschen Bundes, um sich in die neuen Verhältnisse ganz hineinzuleben, daß sie ihnen unlösbar erscheinen; Oesterreich, um den Dualismus zu befestigen, seine slavischen Völkerschaften zu beruhigen, das constitutionelle Leben durchzuführen und seine Finanzen zu ordnen — letzteres vermag es aber nur durch die Verminderung seines Militairetats. Außer dem deutschen Süden und Oesterreich nimmt Frankreich das nächste Interesse an dieser Neugestaltung Deutschlands. Denn England kann dieselbe nur gern sehen, und Rußland denkt jetzt nicht an Erweiterung seiner Grenzen nach Westen: sein Hauptinteresse liegt in der Aufzehrung des polnischen Elementes und in der orientalischen Fragen. Es ist aber nicht zu verkennen, daß Frankreich gegenwärtig den Schwerpunkt seiner Interessen in seinem Innern, nicht außen hat. In Frankreich ist bis jetzt keine einzige innere Frage gelöst, ja auch nur zeitweise der Lösung nahe gebracht: nicht seine Dynastie, nicht seine Verfassung, nicht das Verhältniß von Staat und Kirche — ich meine nicht das gesetzliche, sondern das faktische, denn in keinem Staate hat der Klerus noch so großen Einfluß auf das Verhalten des Volkes bei dessen politischen Akten — nicht die Frage um das Princip der industriellen Bewegung, nicht die Schulfrage, nicht, das Wehrsystem, und hierbei nun noch das immense Staatsschulden- und Steuerwesen! In Frankreich steht alles in Frage, die persönliche Freiheit, das Preß-, Versammlungs- und Vereinsrecht u. s. w. Die Ursache ist nicht schwer zu finden: sie liegt in der Neigung der französischen Nation , die Strömungen des politischen Lebens über das Ziel hinauszutreiben. Die Zustände vor 1789 waren für ein Culturvolk zur Unerträglichkeit getrieben worden: die Revolution eilte schnell eben dahin, und brachte deshalb eine ebenso energische Reaktion hervor. Dies ist der Schlüssel zu allen Erscheinungen in Frankreich. Wäre man bei der Constitution von 1792 stehen geblieben, so hätte auf Grund derselben eine sehr gesunde Entwickelung anheben können; in den übrigen Staaten Europas ist man überall dabei stehen geblieben- Dieser innere Kampf, verbunden mit der ausschweifenden Finanzwirthschaft, macht es für Frankreich nothwendig sich von äußeren Kämpfen, besonders gefährlicher Art fern zu halten. Eine Niederlage würde ohnfehlbar Frankreich in einen vulkanischen Krater stürzen. Es ist zwar eine banale Phrase, daß die französischen Herrscher, um die inneren Parteien zum Stillstand zu bringen, nur einen Krieg zu beginnen und die Franzosen so zu beschäftigen brauchen. Dieses Motiv ist aber völlig abgenutzt und so oberflächlich, daß es dem gegenwärtigen Kaiser schwerlich zuzumuthen ist. Es wäre ein Act der Verzweiflung, und soweit ist die französische Staatsregierung noch lange nicht gekommen. Die soeben ausgeführten Rüstungen waren dem Kaiser ein Bedürfniß, um seine Wehrkraft so weit zu bringen, daß sie der preußischen mindestens gleichstehe, und Frankreich in seinem politischen Ansehen nicht zu schwächen. Die während dieser Rüstungen ausgesprengten Kriegsbefürchtungen waren

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