Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1868)
- Date
- 1868-06-16
- Page
- Seite 507 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudcnthums. FemUetm-Leilage M Ar. 25. Leipzig, den'16. Juni 1868. Der Abend, ui. Die Schnecke trägt ihr festes Haus einher, Das selbstgebaute, eingefugt dem Rücken, Und mühsam schleppt ste's alle ihre Pfade. Sie hat gedacht, zum Schutz es sich zu schaffen, Und schuf sich nur die untrennbare Last. Dir wölbte leichter, Mensch, ein blaues Dach, Ein luftig Haus des Schöpfers Liebeshand; Wohin Du gehst, wallt dieser Azurbogen, Der lichte Kreis mit Dir und Deinem Haupt — Nicht weit gespannt, in Stunden zu durchschreiten, Mit jedem Schritt dringt's vor und schließt sich hinten — Nennst Du Gefängnis diesen Horizont, Dem Du auf Erden nicht entrinnen kannst, Schwingt sich Dein Geist zum höchsten Flug auch auf? Und dennoch faßt er Sonn' und Mond und Sterne Mit ungemeffnen Fernen Dir zusammen. Nein, nein! zu weit noch scheint er Dir, zu hoch. Von Wolk und Wetter viel zu sehr durchstürmt — Auf denn, ein Haus zum Schutz will ich mir bauen, Ein festes Haus mit eng geschloffnem Dach, Daß Regen nicht, der Thau nicht »seine Tropfen, Der Wind nicht seine Wellen dräng' hinein, Zum Schutz vor Phöbos' allzu heißen Pfeilen, Wie vor dem starren Trotz des Boreas — Bau Dir ein Haus, bau's mühsam, prächtig auf — Nicht trägst Du es auf eignem Rücken hin, Und eilst mit Lust von seiner Schwelle fort. Doch wie? Du kannst nicht? Kehrst zurück zu ihm? Ward's Dir zur Fessel, hält es Dich gefangen, Dich dieses Haus, das Du Dir selbst gebaut, Wie einen Vogel hält die Schlinge fest? Und immer schaffst Du in dies Haus hinein, Und nimmer ruhst Du, dahinein zu rollen, Was Deine Hand, was Dir der Geist geschaffen; Du füllst es an bis an des Giebels Höhe, Und suchst begierig doch nach neuen Schätzen. Und um das Haus baust Du Dir Dorf und Stadt, Um diese dann des Staates Kunstgebäu, Den großen Kreis der Staaten dann zusammen, Sie alle schließen Feffeln Dir und Bande Um Fuß und Hand, nicht eine kannst Du sprengen — Du feilst und hämmerst täglich dran herum, Schmückst sie mit Farben, dunklen bald, Bald hellen — was Dir noch übrig bleibt An freiem Gang, das giebst Du der Gesellschaft, Dem engen Bann der Sitte und des Brauchs, Der jeden Athemzug Dir zählt und mißt, Wie stark er sei, wie lang, von welchem Klang, Ein schwerer Gürtel um die Brust geschlungen! Da weilt das Kind, da haust der wilde Knabe Und rasselt oft an der verschlossnen Pforte, Der Jüngling dringt hinaus, da faßt ihn schnell Der Sturm der Leidenschaft und reißt ihn fort — Ein Wirbelwind ist's nur, im Kreise schleudernd, In Höh' und Tiefe ihn, der ringt und weicht — Legt sich der Sturm, so steht er vor der Pforte Und ziehet freudig in das Haus hinein . . . Der Abend kommt — wonach greift Deine Hand, Die zitternde? Nach Werkstein noch und Mörtel, Nach Färb' und Schmuck und Schatz für dieses Haus? Du baust und schaffst, als ob in Ewigkeit Du hier wirst wohnen, schaffen und genießen. Die Kraft läßt wohl, doch nimmer das Verlangen, Dein Wille, nicht die schwachen Arme sinken — Die Sonne fällt zum Schooß der Nacht hinab, Und noch ihr letzter Strahl beleuchtet Dir Nichts als Dein Bauwerk und was dran zu thun — Und rückwärts schaut das Aug', das brechende, Und rückwärts denkt der Geist, der scheidende, Die Enden seiner Lebensfäden flattern Mit Schmerz zurück — bis sie verflattert sind. Vergleichende Studien über dm Talmud. Bon Rabb. D. Oppenheim in Gr. Becskerek. VIIL Der Habe und sein Nest. Es giebt viele Sprüchwörter, die sich im Munde des Volkes erhalten haben, obschon die Fabel, die dem Sprüchworte zum Ursprünge dient, längst vergeffen war.