Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 25 (16.6.1868)
- Date
- 1868-06-16
- Page
- Seite 493 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sehen wir einmal faktisch nach. Der jüdische Redner betritt die Kanzel. Leset die gedruckten Predigten aus allen Weltgegenden nach, und Ihr werdet finden, daß dieser Redner, der die Kanzel bestieg, zn Euch spricht im Allgemeinen und in Einzelheiten von dem Judenthume als der Religion des Lichtes, des vernunftgemäßen Glaubens, der Uebereinstimmung von Herz, Verstand und Geschichte; er zeigt Euch, daß das Judenthum die Religion der Wahrheit, des Rechtes und der Liebe sei, ohne Geheimnisse und Mysterien; er erweist Euch, daß das Judenthum eine Religion der That sei, in welcher Lehre und Leben sich entsprechen, sich einigen müssen, daß hier keine Lehre, kein Dogma, sondern allein die der Lehre entsprechende That sühnt und versöhnt; er belehrt Euch über die weltgeschichtliche Mission des Judenthums, was es der Welt gegeben und was es der Welt noch zu geben hat. Ihr fühlt Euch erhoben, veredelt, geläutert, Euer Herz ist von erhabenen Empfindungen geschwellt. Sein Amen ist verhallt, und nun beginnt der Gebetdienst wieder mit einer Menge wörtlich vorgeschriebener, dem größten Theile der Gemeinde leider unverständlicher, in manchen Stücken den eben gehörten Meinungen widersprechender, mit Hast und in Wirre hergesagter Gebete; diese Formen sollen unveränderlich, ihre Modifizirung und Verkürzung irreligiös sein, und es gar nicht darauf ankommen, ob Ihr sie versteht, ob Wahrheit zwischen ihnen und Euch ist, wenn sie nur so hergesagt werden, wie dies seit Jahrhunderten geschehen, wie es geschehen, als Ihr noch in den Ghettis wohntet, als Ihr noch ab- und ausgeschlossen von dem allgemeinen Geistesleben, von der Cultur und Bildung wäret, welche die Völker im Schweiße der Arbeit von Jahrtausenden errangen; und dieselben Rabbinen, welche mit so großem Pathos von der Wahrheit, der Vernunftgemäßheit, dem Lichte, der weltgeschichtlichen Mission unserer Religion gesprochen, sagen Euch, daß Ihr von den überkommenen Formen des Gottesdienstes nicht die kleinste verändern, nicht das geringste Wort beseitigen dürfet. Wie? habet Ihr nicht selbst nachgewiesen, oder doch nachgewiesen bekommen und als richtig anerkennen müssen, daß unsere Liturgie eine Arbeit von zwölf Jahrhunderten nach einander ist? daß selbst die Thephillah (Schemone Esre) drei Jahrhunderte bedurfte, um so allmälig zu entstehen und festgestellt zu werden, wie wir sie jetzt haben? Daß Gebete und Gebetformeln immer wieder verändert und zugesetzt wurden? Daß an diesem Werke Hunderte von Rabbinen und Vorsängern arbeiteten, von deren Mehrzahl die Namen vergessen worden? Wie könnt Ihr diese daher für unveränderlich ausgeben, was doch nur das sein kann, was göttlichen Ursprungs ist? Ja, liegen denn dem größten Theile unserer Liturgie etwa Sanhedrin- oder Synodalbeschlüsse zu Grunde? Nein! im Gottesdienste muß Wahrheit und Wahrhaftigkeit bestehen; das religiöse Verhalten jedes Einzelnen hat Niemand zu untersuchen, das ist die Sache Gottes und des Gewissens; aber was das Verhalten und Verhältniß der Gesammtheit betrifft, sind wir allesammt berufen, zu untersuchen und daran zu arbeiten. Dies ist es, was gegenwärtig von Neuem zur Cultusfrage treibt. Es ist das innerste und heiligste Motiv. Die von den Kanzeln und in den Schulen und in unserer Literatur gepredigte, gelehrte und entwickelte Anschauung des Judenthums mit dem Gottesdienst in Uebereinstimmung und in ihm zum Ausdruck zu bringen. Und wer kann nun noch das Bedürfniß, die Nothwendigkeit bezweifeln? Wer, daß hierin eines der höchsten Interessen des Judenthums liegt? Literarischer Wochenbericht. Bonn, 5. Juni. In Warschau haben sich einige jüngere Männer vereinigt, eine Reihe Biographien der israelitischen Glaubensgenossen, welche sich in neuerer Zeit ausgezeichnet haben, begleitet von deren Bildnissen, in polnischer Sprache herauszugeben, und hierdurch nach Außen und Innen nützlich und aufklärend zu wirken. Das erste Heft liegt uns in sauberster Ausstattung vor und bringt die Biographie des Sir Moses Montefiore nebst dessen wohlgetroffenem Porträt. Der Titel ist: Wizerunki wslawionych Zydöw XIX&0 wieku. I. Sir Moses Montefiore. Przez Jozefa Goldszmit. Warszawa. Nakladem Autora. Posen bei Leilgeber. Wir wünschen dem Unternehmer einen günstigen Erfolg und Fortgang. — Auch aus Rußland kommt uns soebe eine Predigt: „der Frommen Tage", gehalten zur Feier des 50. Geburtstages des Kaisers Alexanders II. am 17. April zu Tauroggen vom dort. Rabb. Herrn Olschwanger, zu. In einfacher und sehr würdiger Weise führt der Redner sittlich und geschichtlich den alten aristotelischen Satz aus, daß das Wesen der Tugend ün Einhalten des richtigen Maßes bestehe, und findet dies in der Bezeichnung der Tugend durch das Wort (se. nmü) eigentlich Maß, ausgedrückt. Nichts ohne