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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-06-16 · Heft 25 (16.6.1868) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 25 (16.6.1868)
Date
1868-06-16
Page
Seite 492 (sequence 2)
Language
German
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492 Judenthums bekämpften, und dieses durch die Verbesserung des Gottesdienstes von Neuem belebt und den Angehögen deflelben theuer und anziehend glaubten. Die Orthodoxen drückten sich zwar anders aus, sie meinten, man hefte dem Judenthume Dinge an, die ihm nicht angehören, und mit denen man nur vor dem christlichen Publikum prunken over auf deffen Grund die Emancipation fordern wolle — was im Grunde auf dasselbe hinausläuft. Wer nicht tiefer schaute, konnte dies wohl auch für vielfach begründet halten. Der Gehalt des Judenthums war noch wenig erkannt, sein Wesen, wie es sich in dieser neuen Zeit herausarbeiten wollte, noch nicht durchforscht und erfaßt — das kann man leicht aus den Erscheinungen jener Zeit erkennen — es war ein Schwanken, Tasten, Nachahmen, daß ein innerer Zusammenhang zwischen dem Kern des Judenthums und den Reformbestrebungen nicht zu erkennen war. Mit einem Worte: allerdings gingen diese Cultusreformen nicht aus den Nützlichkeitsmotiven hervor, welche die Gegner ihnen vorwarfen, doch aber weniger aus prinzipiellen Gründen, als aus dem Gegensatz, der sich bereits zwischen der Bildung und Geistesrichtung der höheren Klaffen der Juden mit der bisherigen, zuletzt gänzlich verwilderten Form des Gottesdienstes herausstellte. Ganz äußerlich war also das Motiv sicherlich nicht, wenn auch noch lange nicht eine innerliche Nothwendigkeit. Daß hier und da die Scham vor der christlichen Welt hinzukam, daß man zeigen wollte, das 3udenthum könne auch in reinlicherer und geschmackvollerer Gewandung erscheinen, und habe nicht nöthig, immer noch mit der Asche auf dem Haupte, den Thränen auf den Wangen, dem Jammerruf auf den Lippen zu erscheinen, geben wir gern zu, besagt aber zuletzt doch nickts weiter, als daß die Kluft zum Bewußtsein gekommen, welche zwischen dem Culturleben, in das die Juden eingingen, und den Cultusformen lag, welche wir aus unseren Ghettis mitgebracht. Aber die Zeit ist nicht nutzlos vorübergegangen, ist darum anders geworden. Das halbe Jahrhundert hindurch, das zwischen damals und jetzt liegt, ist unabläffig gearbeitet worden; die historische Wiffenschaft des Judenthums ist nach allen Seilen hin aufgebaut, ja in einzelnen Theilen schon ausgebaut worden; auf diesem Grunde wurde das Wesen des Judenthums, seine Prinzipien und Consequenzen, seine welthistorische Mission und Stellung, seine moderne Tendenz innerhalb der anderen weltgeschichtlichen Erscheinungen näher erkannt und durchgearbeitet und, was hierin von hoher faktischer Bedeutung ist, diese Ideen, die Resultate der Forschung, wurden in der Masse der jüdischen Bekenner allmälig verbreitet und wachsen nach und nach zur volksthümlichen Anschauung auf. Es versteht sich, daß wir hierbei noch von nichts Vollendetem sprechen, daß es noch lange hin ist, bis der Ausbau als vollständig, der Durchbruch an der großen Menge als geschehen betrachtet werden könnte — aber wir sind doch um Vieles weiter gekommen, und solche innere Gestaltung braucht durchaus nicht schon vollendet zu sein, um auch die äußere Erscheinung gestalten zu wollen, sondern jene fordert dies stets bereits in ihren Anfängen. Dies ist also der Unterschied zwischen den zwanziger und den nächsten Jahren mit der Gegenwart. Damals waren allerdings die Motive, welche zu Cultusreformen trieben, mehr äußerlich und individuell, jetzt innerlich und allgemein; damals war es die Differenz zwischen der allgemeinen Bildung und dem jüdischen Cultus — jetzt ist es das innere Bewußtsein des Judenthums, welches die Umgestaltung des Gottesdienstes fordert. Von in nen heraus verlangt das gegenwärtig immer Heller und stärker werdende Bewußtsein des Judenthums, die neue, in uns Allen lebendig gewordene Anschauung auch im Cultus zum Ausdruck zu kommen. .. Dies ist die Nöthigung zur Cultusreform, wie sie gegenwärtig vorhanden ist, immer bestimmter und drängender wird und dies der Grund, warum wir auf dieselbe mit immer größerer Entschiedenheit zurückkommen. Was anderes ist, kann und muß der Cultus sein, als der Ausdruck der religiösen Gesinnung und Anschauung, wie sie sich in den Führern und der Masse der Bekenner herausgebildet hat und immer mehr herausbildet. So wurde unser Gottesdienst, während der Opfercultus im zweiten Tempel noch lange bestand; so wurde er der Ausdruck des Judenthums im Mittelalter in seinen Anschauungen, in seinen Freuden und Leiden; so drängt er jetzt zu einem neuen Ausdruck auf altem Grund und Fundamente. Der Gottesdienst muß das wahre Abbild, die rechte Abspiegelung des inneren Geistes sein, Wahrheit muß stattfinden zwischen Gedanke und Ausdruck, er darf nicht eine völlige Verschiedenheit zwischen Gedanke, Wort und Form enthalten dürfen. Man muß von ihm konserviren, waö eben feiner inneren Natur nach dauernd und bleibend, dem Wesen des Judenthums entflossen ist; was anders ist, was dem Wechsel der allgemeinen Anschauung widerspricht, läßt sich nicht konserviren ohne großen und nachhaltigen Schaden für das Jndenthum und den Cultus selbst.

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