Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1868)
- Date
- 1868-06-09
- Page
- Seite 489 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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lebt, und von dort aus folgte er im September einer Einladung seines Bruders, des Tempelpredigers Dp. Naftali Frankfurter in Hamburg, um dessen 25jähriges Dienstjubiläum mitzufeiern. Es ist au anderen Orten diese Feier umständlich geschildert worden, wie aus allen Confessionen und Ständen dem Jubilar Huldigungen dargebracht wurden und man durch ein bedeutendes Kapital, von Freunden dotirt, die Existenz der Familie sicherte. Diese Ehren und Anerkennungen trafen natürlich den Bruder mit, der in Hamburg, trotz seines einfachen Wesens und seiner schwäbischen bideroen Natur von den feinen Hansestädtern in seinem gediegenen Kern erkannt wurde. Sein echt schwäbischer Dialekt ergötzte besonders die feinen Hamburger Damen, deren Ausdruckweise glatt und zierlich den schroffsten Gegensatz zur schwäbischen und allemannischen Sprechweise bildet. Den Aufenthalt in Hamburg zählte er zu den schönsten Tagen seines Lebens; allein getrübt wurde diese Freude dadurch, daß er den theuern Bruder schwer leidend sah und sich nicht verbergen konnte, daß diese Krankheit den Keim zu seinem frühen Tode barg. — Und ehe noch das Jahr seinen Kreislauf geendet, kam die Hiobspost vom Nordseestrande in das Schwarzwälder Dorf, daß der theure Bruder den Leiden erlegen war. Bei dem strebsamen, thätigen Manne blieb Geist und Gemüth immer frisch, aber in Beziehung auf den körperlichen Organismus kamen die Tage, von denen wir sagen: „wir haben an ihnen kein Wohlgefallen." Schwerathmigkeit stellte sich ein und die Ausübung des Berufs war manchmal durch körperliche Leiden gehemmt. Die treue Gemeinde erkannte auch, daß dem geliebten Lehrer der Ruhestand zu gönnen wäre, und bereitete ihm vor Antritt desselben eine öffentliche Anerkennung vor. Die Horber Chronik vom 31. Octob. 1866 berichtet darüber: „Nordstetten 28. October 1866. Schon lange Hegten die Genossen der hiesigen israelitischen Gemeinde den Wunsch, ihrem vieljährigen Schulmeister und Vorsänger Frankfurter ein sichtbares Zeichen ihrer Anerkennung und Werthschätzung zu geben. Es bedurfte daher nur leiser Anregung von Seiten des israelitischen Kirchenvorsteheramtes, um den Wunsch zur That werden zu lassen. Diese kam gestern in angemessener und ansprechender Weise zur Ausführung. — Nach dem Morgengottesdienste versammelte sich die Gemeinde auf dem isral. Gemeindehause, wohin die Mitglieder des Kirchenvorsteheramtes, der Rabbiner vr. Wassermann an der Spitze, den Frankfurter von seiner Wohnung aus abholten. Mit einer kurzen, schwungvollen Ansprache übergab ihm der Rabbiner den von reichlich geflossenen freiwilligen Beiträgen erkauften schönen silbernen Pokal als einen Geber und Empfänger gleich ehrenden Beweis der dankbaren Gesinnung seiner Gemeinde für seine Leistungen in Schule und Synagoge und seinen Eifer für Erhaltung des Friedens und der Eintracht in der Gemeinde. Tief ergriffen sprach der Gefeierte seinen Dank aus." Wir glauben diese Worte, die sich in seinem Nachlasse geschrieben vorfanden, wiedergeben zu müssen, weil sie eine kurze Selbstbiographie und ein Spiegelbild des Verfassers sind: Verehrte Versammlung! Wie soll ich dem Herrn erwidern alle Wohlthat, die er mir erzeigt? — Den Kelch des Heils will ich ergreifen, mein Gelübde bezahl ich dem Herrn, in Gegenwart seines Volkes. Ps. 116, 13 u. 14. Mit diesen Worten des heiligen Sängers erscheine ich heute in der Mitte meiner theueren Gemeinde. Dank, Preis und Anbetung dem Vater in der Höhe, der mich bis heute am Leben erhalten und mir vergönnte, beinahe ein halbes Jahrhundert dieser Gemeinde meine Kraft, meine Zeit, mein Leben zu widmen. Als Jüngling erging an mich der Ruf: ziehe aus dem Orte Deiner Geburt! und im Dienste ergraut, kann ich mich der Gnade Gottes erfreuen, daß mein Auge noch nicht verdunkelt und meine Kräfte nicht entflohen sind. Darum will ich meinen Dank verkünden in Gegenwart dieser Versammlung. — Mit diesem Danke gegen Gott, in dessen Hand unsere Schicksale sind, verbinde ich heute auch den gerührtesten Dank gegen meine geliebte Gemeinde, die mir durch ein Ehrengeschenk eine so glänzende Anerkennung gezollt. Fürwahr ich finde keine Worte auch nur anzudeuten, wie sehr ich mich dadurch gehoben und verbindlich fühle. Man klagt immer, daß das Lehramt das aller undankbarste Geschäft sei, meine geliebte Gemeinde hat Zeugniß abgelegt, daß am Ende eine vieljährige Ausdauer doch Ehre finde. Darum Dank, tausendfachen Dank, Dir meine theuere Gemeinde. Ich werde dem Herrn mein Gelübde der Pflichterfüllung bezahlen, so lange ich im Amte bin und meine Kräfte es gestatten. Ich drücke im Geiste einem jeden die Hand für die mir an meinem Lebensabend bereitete Freude. — Doch es liegt nicht im Sinne der verehrten Gemeinde allzuviel Dankesworte zu vernehmen, und ich beschränke mich darauf, an meiner Jubelfeier einen Rückblick auf meine fast halbhundertjährige Berufstätigkeit zu wenden. — Vor 44 Jahren in Septbr. wurde ich der Gemeinde nicht zugetheilt, sondern zum Lehrer freigewählt. Es wurde dadurch hierorts eine der ersten öffentlichen Schulen in Württemberg gegründet, die zwei Jahre später 1824 unter Staatsaufsicht gestellt wurde. Mit jugendlicher Kraft besiegte ich mit Gottes Beistand unter stetem Kampfe die eingewurzelten Vorurtheile gegen die Neuerung. Die Frucht einer geordneten Methode und besseren Lehrweise blieb nicht aus. Während sonst, außer dem rabbinischen Wissen, alle Wissenschaften ein versiegeltes Buch waren, entstand ein Durst nach höherem Wissen in der Jugend und die öffentliche Volksschule weckte einen Lerneifer, daß mehrere Jünger der Wissenschaft aus meiner Schule hervorgingen, die ich mit Stolz meine Schüler nenne. Schulmänner, Kaufleute und Handwerker erhielten angemessene Vorbildung und kann sich heute die Gemeinde rühmen, daß sie der Intelligenz der allgemeinen Bevölkerung nicht nachsteht. Vierzehn Jahre blieb meine