Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1868)
- Date
- 1868-06-09
- Page
- Seite 490 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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490 Thätigkert ausschließlich der Jugend zugewendet und ich kann mit dem Patriarchen sagen: „Vierzehn Jahre diente ich deinen Schafen."— 1835 in meinem 14. Dienstjahre wurde ich auch mit dem Lehramte für Erwachsene betraut in der Eigenschaft als Stellvertreter des Rabbinen. — Auch in diesem Amte glaube ich nicht vergebens gewirkt zu haben. Mit Andacht, aber auch mit Nachsicht habt Ihr meinen schwachen Worten gelauscht, ja ich habe nicht tauben Ohren gepredigt. Ich habe aber auch stets bewiesen, daß ich nicht theilnahmslos blieb bei Euren Freuden unb Euren Leiden. Es ist kein Haus in der Gemeinde, mit dem ich in der Freude nicht fröhlich war und im Schmerz nicht mit ihm weinte. In der Gemeindeverwaltung, in die ich mit den Herrn Vorstehern mich theilte, suchte ich stets Frieden und Einigkeit zu erhalten, und wenn solche bedroht waren, sie wiederherzustellen, und mit Gott ist mirs gelungen, so daß ich auch in dieser Richtung auf eine gesegnete Wirksamkeit znrückblicken kann. — Nach Ableben des Vorbeters vor 15 Jahren wurden mir die Funktionen desselben noch auferlegt. Wenn ich auch in dieser Thätigkeit nicht allen Ansprüchen zu genügen vermocht und namentlich denjenigen nicht, die den Vortrag nach der Kraft und dem Wohlklange der Stimme bemessen; so darf ich mir doch sagen, daß ich ein treuer Bote und Vermittler der Gemeinde war, da ich die heiligen Worte der Liturgie, der Thora und den Propheten entnommen mit Verständiß und Andacht vorgetragen habe. Doch will ich die geehrte Versammlung nicht länger mit meinem „Ich" behelligen und spreche zum Schluffe nochmals meinen Dank für den mir gezollten Tribut der Anerkennung aus, der Eurem Herzen gleich viel Ehre, wie mir Freude macht. Ich übernehme nun das kostbare Geschenk, das Gefäß, das mir so ehrenvoll dargereicht wird; es sei mir auf Lebzeiten ein heiliges Angebinde. Und wenn einst Enkel fragen werden: Wie kam ein so kostbares Geräthe in die schlichte Wohnung eines Lehrers? so wird man sagen: Weil Euer Ahn so lange im Weinberge des Herrn gearbeitet, hat der Herr des Weinberges seiner Gemeinde insHerz gehegt, daß sie demWächter ein köstliches Gefäß spende, um den edlen Saft des Wein stockes an seinem Feier-und Lebensabend daraus zu kosten. Nochmals meinen Dank! Mein Wunsch aber geht dahin, daß der Herr, Gott aller Geister und alles Fleisches, mir einen Nachfolger sende, der erfüllt ist mit dem Geiste der Erkenntniß und der Gottesfurcht und geweiht sei von dem Bunde des Friedens. Amen. Berthold Auerbach schrieb an seinen Lehrer: „Indem ich Dir zu Deinem Ehrentage von Herzen Glück wünsche, hoffe ich Dir gelegentlich noch einen besonderen zu bereiten, der länger dauern soll als Einen Tag." Auf die Feier folgte bald die Pensionirung von Seiten der Königlichen Oberschulbehörde am 18. Juli 1867. •— Nicht lange sollte er des Ruhestandes sich erfreuen, die Athmungsbeschwerden nahmen zu und eine Herzwaffersucht warf ihn auf's Krankenbett. Sein Krankenlager wurde ein Schmerzenslager; aber geduldig ertrug er die Leiden. Die Kinder und Verwandten eilten an das Siechbett des Dulders, die Gemeindeglieder wetteiferten in Liebesbeweisen. Als der Rabbiner, Herr l)r. Wassermann, ihn besuchte, wandte er in einer ernsten Unterredung die Worte des Propheten Elias 1. Kön. IS, 4 auf sich an: Es ist jetzt genug, oHerr! nimm meine Seele, denn ich bin nicht beffer als s meine Väter! — Die letzten Worte, die er niederschieb, waren ein Gruß an seinen liebsten Schüler und Freund, an Berthold Auerbach. Am > 3. August hauchte er seine fromme Seele aus und ging ein zu seinen Vätern, in der Woche des Trostsabbaths. Wir schließen diesen Lebensabriß mit den Worten, die der Rabbiner Iw. Wassermann in seiner Grabrede ihm nachrief: Da, wohin er jetzt gegangen, giebt es nur Licht und kein Dunkel. Da glänzen namentlich die Frommen wie der Glanz des Firmaments und die, welche viele in der Gerechtigkeit bestärkt, wie die Sterne ewiglich. Zu ihrer Zahl gehörte der Verblichene nach Beruf und Thätigkeit, und dafür wird er jetzt reichen Lohn empfangen. Notizen. Die Tempelgemeinde Emanuel in NewDork, an der der Rabbiner de. S. Adler fungirt, wird in einigen Monaten ihren prächtigen Tempel, der 600,000 Dollar kostet, einweihen. Uebrigens werden jüdische Prediger in englischer Sprache hier zu Lande bald ein großes Bedürfniß werden. Zwei bedeutende Männer, welche für Religionsfreiheit und bürgerliche Gleichstellung in die Schranken getreten und Bedeutendes gewirkt haben, haben in diesen Tagen ihre irdische Laufbahn geschloffen, der eine in hohem Alter, nachdem er längst vom öffentlichen Schauplatz getreten, der andere noch in der Blüthe der Manneskraft. Ehre ihrem Angedenken! Lord Henri Brougham und Dr. v. Mühlfeld! Verlag von Baumgartner'« Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.