Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1868)
- Date
- 1868-06-09
- Page
- Seite 480 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226660--26153-3261681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eine Hauptschwierigkeit, welche in solchen Fällen gewöhnlich derartige Projekte scheitern macht, der Mangel an Geldmitteln, ist hier nicht vorhanden, da thatsächlich die Mittel zur Errichtung eines Reichsseminars in reichlichem Maße vorhanden sind, da die verschiedenen Kronländer jüdische Fonds haben, in Mähren den Landesmassafonds, in Galizien den Krupkafonds rc. Nachdem das Ministerium hier die Nothwendigkeit der Errichtung eines Seminars erkannt hatte, und die Absicht hegte ein derartiges Institut ins Leben zu rufen, forderte es die Stadthaltereien der Provinzen auf, die Vorstände der bedeutenderen Judengemeinden und sonstige Notabilitäten unter den Juden, die Kenntniß und Verständniß der Sache haben, einzuladen, Gutachten abzugeben, in welcher Weise dieses Seminar eingerichtet sein, wie und was an demselben gelehrt werden soll. In welcher Stadt es errichtet werden soll, ob Proseminare errichtet werden sollen u. s. w. Wir hakten diesen Weg für den correcten. Die Regierung wollte den Juden in dieser Beziehung nichts octrohiren und ging von der Ansicht aus, in solcher Weise am besten das Material zu erhalten, aus welchem sie dann das Beste zu wählen in der Lage sein wird. Nun ist esfreilich wahr, die Ansichten über diese Fragen sind noch nicht geklärt und gehen in verschiedenen Beziehungen weit auseinander. Die Verhandlungen über diese Frage von Seiten der Rabbiner, Lehrer und Gemeindevorstände in Mähren, welche im Herbste vorigen Jahren in Brünn stattfanden, zeigten bereits, wie verschiedenartig die Ansichten über diesen Gegenstand sind. Es kann also vorausgesetzt werden, daß die eiulaufenden Gutachten aus den verschiedenen Kronländern von Personen und Corporationen, welche manchmal ganz entgegengesetzte Ansichten vertreten, eine schwere Arbeit demjenigen auflegen werden, der aus diesem Widerstreit der Meinungen und Ansichten ein Schlußresultat ziehen soll.*) Wir geben uns jedoch der Hoffnung hin, daß schließlich ein günstiges Endresultat erzielt werden wird, und ist es Pflicht, in einer derartigen Frage alle zu hören. Wir *) Unwillkürlich fällt uns eine bekannte Anecdote ein. Ein Witzbold fragte, wie so kommt es, daß im Hebräischen zwei Juden — Jod — ->-> den Namen Gottes bezeichnen? und antwortete: weil sonst zwei Juden, wenn sie. beisammenstehen, unverträglich sind; da diese jedoch ruhig nebeneinanderstehen, so hat man angenommen, daß sie-das höchste Wesen bezeichnen. hege» um so mehr diese Hoffnung, da in den Ländern diesseits der Leitha nicht eine derartige Phalanx vorhanden ist, welche die allgemeine Bildung beim Rabbiner perhorrescirt, wie dies itf Ungarn der Fall ist. Die Stadthalterei in Nieder-Oesterreich forderte de» Vorstand der hiesigen isr. Cultusgemeinde auf, ein Gutachten in dieser Frage abzugeben. Dieser ersuchte den Rabbiner Herrn Lazar Horwitz und die beiden Prediger, die Herren Dr. Jellinek und Güdemann, um ein Collectivvotum. Wie man mir mittheilte, geht die Ansicht dieser Herren dahin, daß das Seminar in Prag errichtet werde. Wie man mir ferner sagte, stimmten die Her ren nicht für Wien, weil es in der Nähe Preßburgs liege, und man hält Preßburg für Wien sehr gefährlich. Wäre die Prager israelitische Gemeinde heute das, was sie früher war, so würden wir diesen Vorschlag verstehen, aber es wird sich wohl Niemand darüber täuschen, Prag hat Vieles von seinem ehemaligen Glanze verloren. Ein Vorgang, der in der jüngsten Zeit sich daselbst zugetragen hat, zeigt, daß manches faul im Staate Dänemark ist. Ein Lehrer der Philologie, der in seinem Fache sehr tüchtig ist, machte in seinem Vortrage in der Talmud-Thora despcctirliche Bemerkungen über die Offenbarung rc. Ein in Prag erscheinendes Journal für jüdische Interessen „die Gegenwart" klagte deshalb den Lehrer wegen Omen laesae religionis an. In einer öffentlicheu Sitzung des Vorstandes wurde hierauf der Gegenstand behandelt, und dieser, die Tüchtigkeit des Lehrers in Betracht ziehend, beschloß zur Tagesordnung überzugehen. Hierauf wendete sich die Redaction des genannten Journals an einen ungarischen Rabbinen, der es liebt sich als Autorität betrachtet zu sehen, um ein Gutachten. Dieser war sofort bereit ein solches zu geben, in welchem wohl einige Böcke gemacht werden, das aber, wie sich von diesem soit-llisant Führer der Orthodoxen voraussetzen läßt gegen den Vorstand lautet. Unserer unmaßgeblichen Ansicht nach haben all die Herren, die bei dieser Affaire mitspielten, unrecht gehandelt. Es war vom Lehrer, der Schüler der Talmud-Thora, angehende Rabinatscandidaten, in den classischen Sprachen zu unterrichten hat, unrecht, religiös-rationalische Borträge zu halten und hatte er deshalb einen Verweis verdient. Es war vom Vorstande nicht recht, diese Frage in einer öffentlichen Sitzung zu verhandeln, da Personalangelegen-