Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 24 (9.6.1868)
- Date
- 1868-06-09
- Page
- Seite 472 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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472 müßte, aus welcher sie Stärkung und Unterstützung ziehen könnten, an welche sie, wenn auch nur zu einer gutachtlichen Beurtheilung, in allen schwierigen Fällen zu appelliren vermöchten, und doch wenigstens Trost und Aufrichtung bei unvermeidlichen Nebeln finden dürften. Aber nichts von Allem Dem. Sie stehen vereinzelt da, und wollen dies; sie scheuen nichts mehr als irgend eine Mitwirkung seitens ihrer Collegen, so daß man fast zu der Meinung gelangt: ein Zeder wolle in sein er Gemeinde als die einzig vorhandene Autorität gelten. Da will der Nachbar nichts vom Nachbar wissen; da finden sie sich weder in kleinen, noch in größeren Kreisen zusammen; es mag wohl persönliche Freundschaften unter ihnen geben, von collegialischer Freundschaft sieht man keine Spur. Wenigstens ist dies in Deutschland so der Fall; aus Ungarn hört man öfter von Zusammenkünften der Rabbinen, jedoch nur von orthodoxer Seite, und wenn es gilt, einen Angriff auf irgend Etwas zu machen, was die Zeit und die Bildung als eine unumgängliche Forderung aufstellen. In Frankreich fand vor einer Reihe von Jahren unter dem Vorsitze des sel. Rabbinen Ullmann eine Versammlung französischer Rabbinen statt, die sich aber nicht wiederholte; in Italien schreibt man seit Jahren darüber, bringt aber nichts zu Stande. Will man also auf dem Gebiete unsres kultuellen Lebens irgend einen Schritt vorwärts kommen — und die Unumgänglichkeit haben wir ja genügend besprochen — so ist das einzige Mittel, der Vereinzelung die Vereinigung gegenüber zu stellen. Sie allein ist es, die Nachdruck und Autorität zu gewähren, einen festen Boden zu schaffen und zugleich jenen Vorwurf zu beseitigen vermag, den man bei schlechtem Willen vorzubringen pflegt, daß die Einheit des jüdischen Gottesdienstes zerrissen werde. Wenn es sich nun um Gemeinde-Wohlthätigkeits- oder andere dergleichen Einrichtungen handelte, ja wenn es sich schon um die praktische Ausführung geschehener Beschlüsse, festgestellter Normen handelte, so würde eine Verständigung der Gemeinden, eine Uebereinstimmung derselben sä hoc das wirksamste Mittel sein, aber soweit halten wir noch nicht. Erst müssen noch die Prinzipien festgestellt, die Normen gegeben, das Material vervollständigt sein, und hierzu können wir allein durch Vereinigung und Verständigung der Rabbinen kommen. Erst wenn dies geschehen, tritt die Frage an die Gemeinden, ihre Vorsteher und Repräsentanten heran. Dian verstehe uns wohl, wir fordern jetzt nur Rabbinerversammlungen für die Gestaltung des Gottesdienstes. Alle übrigen Fragen müssen aus vielfachen Gründen bei Seite gelassen werden. Mit dieser bestimmten Abgrenzung des Zweckes und der Tendenz kann das Ziel erreicht werden und können sich ihr Männer anschließen, die jn anderen Fragen weit divergiren. Wir glauben jetzt, wenn die Rabbinerversammlungen 1844 — 1846 sich auf dieses Moment beschränkt hätten, würden sie weniger Widerstand und größere Wirksamkeit erreicht haben. Es gilt also Grundsätze festzustellen, Normen anzugeben und das nöthige Material zu schaffen, um die Lücken auszufüllen, theils aus dem schon vorhandenen, theils neues. Hierzu, zu diesem bestimmten Zwecke sollten sich Rabbiner vereinigen. Haben sie dies bewerkstelligt, so wissen die Gemeinden genau, was sie thun sollen, haben bereit und vor sich liegen, was sie brauchen, und sind nicht genöthigt, immer und immer herumzutasten und doch keine nennbare Autorität anführen zu können. Niemand vielleicht kann die Dringlichkeit dieses besser beurtheilen, als wir. Denn die Anfragen der verschiedensten Gemeinden über liturgische Gegenstände hören bei uns nicht auf und betreffen zumeist Dinge, die man, was ihre Beurtheilung betrifft, längst abgethan glaubt. Es kommt hierbei, dünkt uns, nicht einmal auf eine große und dadurch imponirende Zahl von Rabbinen an, so selbstverständlich es ist, daß das Werk um so mehr gefördert würde, je mehr sich ihm anschließen. Die Hauptsache ist, durch eine Zahl vereinigter Rabbinen ein Werk zu schaffen, das dem drängenden Bedürfniß für die Verbesserung unseres Gottesdienstes ein konkretes, sicht- und greifbares Genüge bietet. Wir bemerken dabei ausdrücklich, daß wir mit den in der vorigen Nummer aufgeführten Sätzen kein Programm aufgestellt haben wollen, sondern nur eine objektive Aufstellung der bisherigen Resultate. Würden zu diesem Zwecke Rabbinen zusammentreten, so wäre zunächst eine Versammlung nöthig, welche die Grundsätze, wie sie als Fragen vorliegen, feststellte. Es ist dies durchaus keine schwierige Sache mehr, und benöthigte nicht einmal lange Reden und Verhandlungen. Denn die Sache ist Jedem so genau bekannt und so viel besprochen worden, daß man aufs Leichteste schlüssig werden kann. Hierbei würden sich zugleich das vorhandene und das noch fehlende Material klar legen und die Wahl einer Commission sich ergeben, welche das letztere zu sichten und herbeizuschaffen hätte. Das Ergebniß der Commissionsarbeiten würde als Manuscript gedruckt und den Mitgliedern der Vereinigung übersandt werden. Der