Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1868)
- Date
- 1868-06-02
- Page
- Seite 468 (sequence 18)
- Language
- German
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werde. Der kaum siebzehnjährige Jüngling nahm den Wanderstab und wollte sich sein Brot selbst verdienen. In Kriegshaber bei Augsburg fand er als Hauslehrer ein Unterkommen, nachdem er zuvor noch in Ansbach auch Unterricht in deutschen Fächern genommen und mit angestrengtem Fleiße es dahin brachte, in seiner Muttersprache orthographisch und stylistisch richtig sich ausdrücken zu können. In Kriegshaber entwickelte der junge Mann neben seinem Lehrgeschäfte noch bedeutende autodidactische Thätigkeit. Eine Leihbibliothek lieferte ihm Lesestoff, den er ohne Auswahl wie ein vom Jähhunger Befallener gierig verschlang. Er las wie Friedrich im Wilhelm Meister von Goethe, der von sich sagte, er sei eine „lebendige Canzlei und eine zweibeinige Rechenmaschine"; sein Wissen wurde ein enchclopädisches, sein glückliches und treues Gedächtniß ließ ihn den Stoff massenhaft in sich aufnehmen, den er erst später geistig verarbeitete. Doch am meisten lernte der junge Mann durch das Lehren. Das alte lateinische Wort ckoeemla cki8eimu8 drückt der Talmud sinnreich aus: Von meinen Lehrern lernt' ich viel; Ich lernte mehr von den Genossen, Doch ward durch meine Schüler mir Des Wissens Schatz erst ausgeschlossen. Drei Jahre verblieb ver junge Lehrer in Kriegshaber, dann trat er in eine ähnliche Stellung als Privatlehrer in Aus Hausen, nur eine halbe Stunde von seiner Heimat entfernt, ein. Beim Vater vervollkommnet er sein rabbinisches Wissen, dagegen unterrichtete er d?n jüngeren Bruder Naftali, der sich später als Kanzelredner auszeichnete und 1866 als Tempelprediger in Hamburg starb. Er bereitete den jüngeren Bruder so vor, daß er ins Gymnasium in Ellwangen eintreten konnte. Noch einige junge Leute, die noch als geachtete Lehrer wirken, erhielten von ihm damals Unterricht und ihre Vorbildung für den Lehrerberuf. Im Jahre 1822 wurde die israelitische Lehrerstelle in Nordstetten ausgeschrieben; Frankfurter bewarb sich und wurde gewählt. Die neuerrichtete israelitische Volksschule, eine der ersten im Lande, den königlichen Behörden unterstellt, vom christlichen Geistlichen als Ortsschulinspector beaufsichtigt, erregte in weiteren Kreisen Aufmerksamkeit. Die Beamten in der Bezirksstadt H o r b kamen oft, um dem Unterrichte anzuwohnen, oder in die Synagoge, um die sabbathlichen Katechesen mit anzuhören. Die Thätigkeit des jungen Lehrers war eine vielseitige. Morgens um fünf Uhr waren schon Privatschüler um ihn versammelt, und so ging es fort bis zum späten Abend. Unter seinen Schülern war damals Berthold Auerbach, und Frankfurter hat zu seiner Entwicklung die ersten Grundsteine gelegt. Auerbach führt in seinen Dorfgeschichten, in der Erzählung „Der Lauterbacher" seinen Lehrer selbst ein. Als der Lauterbacher, der neue christliche Lehrer in Nordstetten einzieht, besucht er seinen Amtsvorgänger, den. alten Lehrer und trifft hier auch seinen künftigen jüdischen Collegen. Auerbach sagt: „Wie alle gebildeten Juden aus der älteren Generation hatte der jüdische Lehrer die Sätze der Schrift genau inne, er gedachte an die Bibelstelle: „Liebet den Fremden; denn ihr wäret selbst Fremde in Egypten" und „betrübe den Fremden nicht, denn du weißt, wie es ihm zu Muthe ist." Er gedachte der Freude, die ihm vor Jahren ein freundliches Entgegenkommen bereitet hatte. Er trat auf den Angekommenen zu, reichte ihm die Hand und hieß ihn mit besonderer Herzlichkeit willkommen. Als der neue Lehrer um Anleitung für sein Verhalten am neuen Orte bittet, nahm der jüdische Lehrer das Wort: „Ich kann mir das noch recht gut denken, ich war auch fremd hierher gekommen und kannte keinen Menschen. Ich wünschte mir oft, ich hätte eine Zeit lang incognilo da bleiben können, um die Charactere der Eltern genau zu beobachten, und ohne die Eltern, wissen Sie wohl, ist auch bei den Kindern nichts auszuführen. Bei mir war noch der besondere Umstand, daß ich vor 25 Jahren zum erstenmale eine geordnete Schule hier einzurichten hatte, was die Juden damals noch gar nicht kannten. Ich kam mir in der ersten Zeit vor, als war' ich in eine fremde Welt verzaubert." „Nun, du hast dich bald verzaubern lassen und hast das schönst' Mädle aus dem Ort geheirathet, he, he, und das war auch recht," erwiderte der alte Mann. Der junge Lehrer schreibt in sein Tagebuch: „Hier habe ich Gelegenheit, oft mit Juden zu verkehren. Der jüdische Lehrer ist ein vorurtheilsfreier Mann von Bildung, wie ich noch selten einen getroffen. Er weiß mehr von der Theologie, als von den Naturwissenschaften. In seinem Unterrichte ist mehr Geistreiches, weniger Methode, und Stetigkeit; das ist für minder begabte Kinder nicht gut." Diese Schilderungen Auerbach's werden zur treuen Characteristik unseres Frankfurter viel beitragen. Schon in den ersten Jahren seines Nordstetter Aufenthalts präparirte er „drei" Jünglinge für den Schulstand und „zwei" fürs Gymnasium. Er hat in Nordstetten „sieben" seiner Schüler dem Lehrberufe zugeführt, „drei" derselben haben sich der Wiffenschaft zugewendet und viele andere sind tüchtige Industrielle geworden. Die Gründung der Volksschule wurde ihm nicht so leicht; die Juden mißtrauten noch aus religiösen Scrupeln der deutschen Erziehung und Bildung und der damalige Bezirksrabbiner Gabriel Adler in Mühringen war auch nicht frei von diesem Mißtrauen. Doch Frankfurter schonte die religiösen Ansichten sejner Glaubensgenossen und wirkte mit treuem Eifer in der Schule, an der Pflanzstätte der wahren Cultur. Im August 1829 verehlichte sich der junge Lehrer mit seiner ihn überlebenden Gattin Ester geb. Frank, einer Cousine Berthold Auerbach's. Die Gattin waltete wie das Biederweib der Sprüche Salomonis in den Räumen des Schulhauses. 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