Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1868)
- Date
- 1868-06-02
- Page
- Seite 467 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Feuilleton-Leilage ju Nr. 23. Leipzig, den 2. Juni 1868. Bernhard Frankfurter. Eine Lebensskizze entworfen von Alexand er Elf ässer. Der Prediger Dräseke sägt: „Es ist schön, Verdienste zu haben; es ist eben so schön, Verdienste zu ehrend Mit dem Entwurf dieser Lebensskizze will der Verfasser einVerdien st ehren, einem Hingeschiedenen ein Denkmal setzen, und die Inschrift desselben soll das Leben und Wirken eines Mannes darstellen, der bescheiden im Volke seinem Lehramte lebte, aber dabei weit hinaus über M Grenzen seiner Ortsmarkung und seines engeren Vaterlandes wirkte. Bernhard Frankfurter, Lehrer und Vorsänger der israelitischen Gemeinde in Nordstetten bei Horb auf dem württembergischen Schwarzwalde, war geboren am 15. Marz 1801 in Oberdorf im Rieß, wo sein Vater, Moses Frankfurter, Rabbiner war. Im elterlichen Hause waltete frommer Sinn bei spärlichem Einkommen, großes Gottvertrauen bei kärglichen Mitteln, und noch ehe die Schulzeit um war, mußten die Knaben hinaus in die Welt, um an einer Talmudschule Wissen und an Freitischen den täglichen Bissen sich zu verschaffen. Das gleiche Loos wie den älteren Brüdern, die schon im Knabenalter in die Fremde zogen, wurde auch unserem Bernhard zu theil. Noch nicht 13 Jahre alt, brachte ihn sein Vater nach Ansbach zu einem gelehrten Collegen in die Talmudschule. Dort genoß er Unterricht im rabbinischen Wissen; des Knaben geweckter Geist gewann ihm die Liebe seiner Lehrer und besonders sein Landsmann Rabbiner Wassermann, der zu jener Zeit in Ansbach als Erzieher fungirte, förderte ihn im Wissen und verschaffte ihm in braven jüdischen Familien Kosttisch und Unterhalt. — Das rabbinische Studium hatte damals durch den Mendelssohn'- schen Geist eine Umgestaltung erlitten und kann der Periode in der deutschen Literatur verglichen werden, in welcher der Scholasticismus durch das Wiedererwachen der elassischen Studien aus dem Felde geschlagen wurde. Durch Mendelssohns Bibelübersetzung und durch seine exegetischen 'Sprachforschungen in der heiligen Schrift, trat die geistige und spitzfindige Klopffechterei im Talmudstudium — Pilpul — vor der Erforschung des Bibelworts in den Hintergrund, und wenn auch die Talmudschule in Fürth im fanatischen Auto-rla-fe diese Bibelübersetzung verbrannte und anathematisirte, so wirkte gerade dieser übertriebene Eifer das Gegentheil. Fromme Rabbinen verbreiteten das Werk und trieben mit Eifer Bibelstudium an der Hand der Grammatik. Der jüdische Oberrichter — Dajan — so nannte man den Rabbinen, weil er auch die Jurisdiction bei den Juden zu verwalten hatte, — in Ansbach, war ein gewissenhafter Mann und klarer Denker, er förderte bei seinen Schülern grammatikalisches Wissen und ließ sie schöpfen aus dem Urquell des heiligen Brunnens, der Bibel. Frankfurter führte bald das Privatsecretariat bej seinem Lehrer und verfaßte Contracte in hebräischer Sprache; er las die Schriften des Maimon ides, die hebräischen Bibelcommentare Mendelssohn's, die hebräischen Dichtungen Wessely's, ohne nur die Existenz eines Goethe oder Schiller zu ahnen. Er versuchte sich selbst in der Fertigung hebräischer Gedichte, denen die Kritik seiner Lehrer oft den Preis der poetischen Begabung und der sprachgewandtlichen Darstellung zuerkennen mußte. Unter seinen Lerngenossen galt er bald als ein tüchtiger Hebräer, der besonders durch sein Sprachtalent glänzte; aber mehr noch als sein Wissen erwarb ihm sein Character, der sich in einer reichen Gemüthsfülle aussprach, Freunde und Gönner. Mit seinem älteren Bruder, Maison-Frankfurter, der damals schon als Hauslehrer thätig war, stand er in stetem Briefwechsel, die Correspondenz wurde aber nur in stylgerechtem Hebräisch, in der heiligen Sprache, geführt: Räthsel, Epigramme, Disticha in hebräischer Sprache wechselten die Brüder in ihren Briefen gegenseitig aus und die Reste dieser Correspondenz beweisen, daß Beide mustergiltig die hebräische Sprache handhabten. Aber die Poesie und ihr Genius sättigen den hungernden Magen nicht, besonders wenn Theurungsjahre wie 1816 und 1817 kommen. Unser „fahrender Schüler," der jeden Tag an einem anderen Tische das Mahl suchen mußte, ging oft hungernd zu Bett und wußte beim Erwachen nicht, wie er heute sein Leben fristen