Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1868)
- Date
- 1868-06-02
- Page
- Seite 461 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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461 wenigen Tagen bis zum September vertagt werden soll, um so bis zu dieser Frist Zeit zu gewinnen, während welcher noch mit Rom verhandelt werden könnte. — Es hat hier Spaß gemacht, daß Gladstone jüngst im englischen Unterhause, indem er aus der Rede Kuranda's, welche dieser bei der Debatte über das interkonfessionelle Gesetz gehalten, einige Stellen citirte, Kuranda für einen Katholiken hielt, und als solchen bezeichnete, worin ihm einige englische Blätter nachfolgten. Die hiesigen Klerikalen moquiren sich darüber, aber eher ist doch dadurch bewiesen, daß Kuranda als Jude über den Katholicismus nur so sprach, wie es ein Katholik auch kann, sich also jedes einschneidenden Angriffs enthalten hat. Hierbei sei für Viele, die es nicht wissen, bemerkt, daß der Bertheidiger im Prozesse derEbergenhi, Herr Dr. Neuda, ein Jude ist, der durch seine glänzenden Eigenschaften sich bereits einen großen Ruf verschafft hat und eben wieder in einem sehr bedeutenden Prozesse zum Bertheidiger gewählt worden ist. Nebenbei gesagt, hat er eine Belohnung von 1500 fl., welche ihm seine Clientin nach ihrer Lossprechung vom Tode übergab, zurückgewiesen. — Das neue Gesetz über die Eidesablegungen ist nun erschienen. Alle Unterschiede der Eidesformeln für die verschiedenen Confessionen sind aufgehoben; der Eid lautet für Alle: „Ich schwöre hei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden einen reinen Eid, daß u. s. w"; Christen haben dabei den Daumen und die zwei ersten Finger der rechten Hand empor zu heben und den Eid vor einem Kruzifixe und zwei brennenden Lichtern abzulegen, Israeliten das Haupt zu bedecken und die rechte Hand auf 2. Mos. 20, 7. zu legen. <Es ist wahrlich wünschenswerth, daß Preußen hierin Oesterreich Nachfolge!) — Eine tiefe Entrüstung bewirkt das immer schroffer hervortretende Streben der Neu- und Hyperorthodoxie in Ungarn, ein Schisma hervorzurufen, eine vollständige Trennung von allen Juden, die zu ihrer Fahne schwören, ins Werk zu setzen. Daß die letzteren nicht einwilligen wollen, obgleich sie, wenigstens in den meisten Städten, die Mehrzahl bilden und die Zukunft für sich haben würden, ist ein schönes Zeichen des Bewußtseins dessen, was sie dem Judenthume schuldig sind. In Deutschland sind sie bekanntlich mit zwei kleinen Ausnahmen, völlig damit durchgefallen, weil sie eben doch nichts hinter sich hatten; in Ungarn ist es von größerer Bedeutung. Wirklich religiöse Motive könnnen sie nicht haben, sondern nur die Herrschsucht, die sie durch die Gewalt selbst über kleine Häuflein befriedigen wollen, während sie in der Gesammtgemeinde nicht aufkommen können. Hierüber ist Niemand im Zweifel. Pest 19. Mai. Graf Wenkheim, der Minister des Innern, hat den Beschluß des Unghvarer Comitös, die eingewanderten russischen Juden zu vertreiben, annullirt. — Der Pester israelitische Handwerkerverein hat beschlossen, sich in einen landwirthschaftlichen zu verwandeln. Zu diesem Faktum macht eine Correspondenz der „N. Fr. Pr." folgende, wie es uns scheint, richsige Bemerkungen: Der Verein zur Verbreitung und Förderung der schweren Handwerke unter den ungarischen Juden hat in seiner gestrigen General-Versammlung den Beschluß gefaßt, sich, nachdem den ungarischen Juden in Folge der Gleichberechtigung jedes Handwerk und Gewerbe offen steht, dieser seiner vorzüglichsten Aufgabe zu entkleiden und sich zu einem Agricultur-Verei ne umzugestalten, der mit der Zeit mit dem von Korizmics projectirten Landes-Agricultur-Verein in Eins verschmelzen soll. Der sogenannte „Handwerkerverein" hat daher de facto gestern zu sein aufgehört, und es fragt sich nur, ob die General-Versammlung mit ihrem diesbezüglichen Beschlüsse nicht zu weit gegangen ist. .- Heute steht natürlich den Juden bei der Wahl ihres zukünftigen Berufes nichts im Wege; aber, fragen wir, thut die General-Versammlung wohl, ihren vorzüglichsten und erfolgreichsten Wirkungskreis so ohneweiteres aufzugeben? Wir glauben schwerlich. Denn man muß sich gegenwärtig halten, daß die Motive, die vor 26 Jahren den „Verein zur Verbreitung und Förderung der schweren Handwerke unter den ungarischen Juden" ins Leben riefen, auch heute noch, wenn auch in verkleinertem Maßstabe, bestehen. Auch damals hatte der Verein ebenso wie heute nicht gegen einzelne, die Juden beschränkende Bestimmungen des Gesetzes, sondern gegen das Zopfthum und gegen die Engherzigkeit gewisser Zünfte anzukämpfen. Dieses Zopsthum und diese Engherzigkeit verschwanden aber mit der Gleichberechtigung der Juden nicht. Wir könnten für diese unsere Behauptung eine Menge Beweise anführen, begnügen uns jedoch damit, dem geehrten Vereine blos die auch ihm bekannte Geschichte von dem jüdischen Rauchfangkehrer ins Gedächtniß 23*