Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1868)
- Date
- 1868-06-02
- Page
- Seite 455 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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loszuschlagen. Der Patron dieses Blattes, der bekannte Lagrand Dumonceaux, weiß wohl, warum? Unter der Unterschrift „die Juden Rumäniens" bringt es in seiner letzten Nummer vom 2 t. Mai einen Artikel, den wir nicht unberücksichtigt lassen wollen. Man kennt die bald feine, bald grobe Sophistik, die dialektische Gewandtheit, mit welcher die Ultramontanen aus Schwarz Weiß und aus Weiß Schwarz zu machen verstehen, und daß sie diese ihre Kunst mit einer erstaunenswerthen Unverschämtheit zu üben verstehen. So beruft sich dieser Artikel immerfort auf Logik und gesunden Menschenverstand, während er nur auf Verwirrung der Begriffe, auf künstliche Verdrehung der einfachen Wahrheit und auf Leugnung historischer Thatsachen spekulirt. Er will daher bei Leibe nicht illiberal erscheinen, er stellt sich selbst sehr liberal, aber diejenigen, welche die verfolgten Juden vertheidigt haben wollen, seien nur liberale Heuchler, er, der sie ihrem Schicksal überlassen will, sei wirklich liberal. Dies die Probe. Gehen wir auf Einiges ein. Er frägt zuerst, warum die Mächte sich der polnischen Katholiken gegen Rußland nicht angenommen hätten? Und rechtfertigt dies, denn als Polen hätten sie der Macht des Stärkeren unterlegen, und als Katholiken hätten sie nur das Recht, Märtyrer zu sein! Die Staaten hätten nur das Recht, sich in politischen Beziehungen Anderer anzunehmen, in religiöser Beziehung wären sie nicht dazu berufen, denn das Weltliche und Geistliche müßte immer auseinander gehalten werden! — Wie glücklich wäre die Welt, wenn die Kirche diesen Grundsatz von jeher gehabt hätte, wenn sie niemals die Gewalt über den Staat beansprucht, niemals die staatliche Gewalt zu Zwangsmaßregeln für sich und gegen Alle, die sie für Ketzer erklärte, verwendet hätte! Man sieht hieraus, auf welcher Seite die Heuchelei ist. Die Männer der „finance“ vergessen, daß die europäischen Mächte sich immerfort für die Christen unter türkischem Szepter nachdrücklich verwenden — und wollen sie ihnen hierzu das Recht absprechen? Als Protestanten in Florenz und Madrid ihres Glaubens wegen verfolgt wurden, haben sich die protestantischen Mächte nicht ins Mittel gelegt? Und hatten sie kein Recht hierzu? Unsere Zeit faßt die Solidarität in der Menschheit anders auf, als die Klerikalen thun, und alle wahrhaft Liberalen glauben, daß die Gewissensfreiheit ein Palladium ist, welches zu beschützen Alle berufen und verpflichet sind. Man sieht auch leicht, in welche Verwirrung der Artikel die Angelegenheit bringen möchte. Die ungeheuren Krämpfe, welchen Polen seit einem Jahrhundert ausgesetzt ist und die immer wiederholten Insurrektionen der Polen mit ihren Folgen und den europäischen Brand, welchen eine Intervention der Staaten in die polnischen Verhältnisse bewirken mußte, mit der Austreibung und Plünderung einiger tausend ruhiger, friedlicher Familien ohne Gesetz und Recht, in einem Staate, den die Großmächte erst gebildet haben, beides mit einander auf eine Linie stellen, und aus dem einen das andere ableiten wollen, das heißt doch der Logik ins Gesicht schlagen! Ja, der Art. geht noch weiter, und beruft sich darauf, daß, als die Protestanten aus Frankreich durch die Aufhebung des Edikt von Nantes vertrieben worden, damals die Mächte auch nicht intervenirt hätten. Die Juden, fährt der Art. fort, sind entweder eine Race oder eine Religion. Sind sie eine Race, so hatte das Mittelalter das Recht, und jeder Staat hat noch heute das Recht, sie zu verjagen. Sind sie aber eine Religion, so hat kein Staat das Recht, sich in religiöse Dinge zu mengen. Und diese Sätze hat die finance die lächerliche Frechheit, für logisch zu erklären! Was den ersten Satz betrifft, so würde er aller Barbarei, aller rohesten Grausamkeit, aller Racenverfolgung, aller Nationalitätstyrannei einen Freibrief schreiben. Man Ieht, die Klerikalen stehen noch ganz auf mitteralterlichem Boden. Nein! Niemand hat das Recht, selbst einen Fremdling, wenn er den Gesetzen des Staates sich unterwirft, irgendwie anzutasten, wie viel weniger angesiedelte, seit Jahrhunderten seßhafte Unterthanen, wenn sie auch nicht von der Nationalität der Mehrheit im Lande sind, in ihren Rechten, in ihrem Eigenthum und Leben anzutasten. Und wir rufen dies nicht einmal für unsere Glaubensgenossen an, weil sie in der That in allen Ländern Glieder des Staates und des Volkes sein wollen. Solche Grundsätze predigen die Klerikalen, die sich vorzugsweise Schützer und Stützer der Religion nennen und doch von Religion keine Ahnung haben. Eine andere Escamotage erlauben sich die frommen Herren, indem sie fragen, warum die Mächte Spanien nicht zwingen, dem Protestantismus freien Raum im Lande zu geben? Als ob es nichteine ganz verschiedene Sache wäre mit einem Lande, wo verschiedene Religionen seit uralter Zeit ansässig und nach dem Gesetze beschützt sind, wenn sich hier mit einem Male die rohe Gewalt gegen eine derselben erhebt, und mit einem anderen Lande, welches noch das traurige Prinzip einer einzigen Kirche, außerhalb derer nichts geduldet werde, zu seinen Staatsgrundgesetzen zählt.