Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 23 (2.6.1868)
- Date
- 1868-06-02
- Page
- Seite 454 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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454 obigen Grundsätzen zum großen Theile ist das bereits viel verbreitete Gebetbuch von uns*) abgefaßt worden; die Arbeiten von Saalschutz, Maier lStuttgart), das Hamburger Gebetbuch und viele andere bieten ein reiches Material. Vor dreißig Jahren und mehr, als das Bedürfniß nach Umgestaltung des Gottesdienstes erwachte, fehlte es noch an allen Hülfsmitteln. Jetzt sind bereits die allermeisten Lücken ausgefüllt. Kommen wir nun schließlich zur Besprechung der Mittel und Wege, um factisch vorwärts zu kommen. Zwei Gegensätze. Es hat uns längst Wunder genommen, daß bei der allgemeinen Theilnahme, welche das Schicksal der rumänischen Juden in Europa gefunden, sich bis jetzt nicht Gegenstimmen verlautbar machten, welche mit dieser Verwendung für die Unglücklichen nicht einverstanden sind Jeder setzt Voraus, von welcher Seite her wir dies erwarten können. Von Seite der Klerikalen und Ultramontanen. Nach langem Zögern ist es denn auch so gekommen. Wir wollen jedoch hier die beiden Gegensätze zusammenstellen. Ein wenig geschmeicheltes, aber zutreffendes Bild der jetzigen Zustände Rumäniens entwirft die Revue des eux Mondes in ihrer letzten politischen Rundschau. Sie sagt, daß die Fragen der confessionellen Freiheit gegenwärtig „in London mit dem ganzen Adel des parlamentarischen Lebens, in den Donaufürstenthümern aber in gemeinen und änwidernden Verfolgungs-Episoden zu Tage treten". Die europäische Diplomatie könne aber nicht dulden, daß es in einem unter ihren Auspicien gebildeten Staate noch Judenverfolgungen gebe, Gewissensfreiheit sollte nirgends mehr als in jenen Provinzen zu Hause sein, auf denen seinerzeit muselmanische Bedrückung schwer gelastet habe. Und doch finde dort gerade das Gegentheil, und zwar in doppelter Richtung statt, indem man einerseits ein Verfolgungssystem in verwegener Weise durchführe, oder es andererseits unter einem sich liberal nennenden Ministerium, an dessen Spitze Jon Bratiano stehe, dulde und gleichzeitig verhehle. Schon *) Neues israelitisches Gebetbuch für die Wochentage, Sabbathe und alle Feste zum Gebrauche während des Gottesdienstes und bei der häuslichen Andacht. Von Dr. Ludwig Philippson, zweite Auflage. Berlin, Louis Gerschel.1864. (U/3 Thlr. Velin 2 Thlr.) die Galaczer Gewalttätigkeiten hatten die Aufmerksamkeit der europäischen Consuln wachgerufen und Oesterreich bewogen, mit einem gewissen Nachdrucke die Beseitigung solchen Thuns zu fordern; die rumänische Regierung habe damals die ganze Schuld den Türken beigemessen. Seit einigen Monaten würde jedoch die Judenverfolgung in Rumänien massenhaft uud systematisch von den Behörden selbst betrieben. Hätte es sich nur um vorübergehende Excesse einer unwissenden und verblendeten Volksmasse oder um übermäßigen Eifer einiger Localbehörden gehandelt, so könnte die Sache noch hingehen und ein entschiedenes Auftreten der Regierung würde die Ruhe ohne Preisgebung der unglücklichen Juden wiederhergestellt haben; aber der Schwerpunkt des Ganzen liege eben in dem Umstande, daß die Verfolgung das Resultat einer politischen Situation sei. Die „Revue" schildert nun, wie Bratiano, ohne hinreichenden Partei-Anhang im Lande, um sich auf denselben zu stützen, durch das verwerfliche demagogische Mittel der Aufstachelung der religiösen Verfolgungssucht und des Brotneides in den unteren Gesellschaftsschichten, bei den Pächtern, den kleinen Gewerbsleuten und Krämern einen Anhang zu bilden versucht, die Einbringung des Gesetzes der Einunddreißig patronisirt und die schmachvollen Vorgänge in Bakeu habe gewähren lassen in seiner staatsmännischen Kurzsichtigkeit, ohne Ahnung des Sturmes, den er von Seite des gebildeten Europa gegen sich heraufbeschwöre; wie er dann, als dieser losgebrochen, sich durch ebenso plumpe wie unverschämte Winkelzüge zu helfen gesucht und „Thatsachen in Abrede gestellt habe, die früher von den Consuln der Großmächte nach einer sorgsamen Enquöte constatirt worden sind." Die „Revue" schließt ihre Philippika mit einer Parallele zwischen dem mittelalterlichen Treiben der rumänischen Regierungspartei und der unbedingten religiösen Toleranz, sowie der administrativen und socialpolitischen Reformen, welche in der Türkei sich, Beweis dessen sei unter Anderm die Inauguration des Staatsrathes, anbahnen. Den Gegensatz nun bildet das klerikale Finanzblatt in Brüssel Ja finance'4, dasselbe Blatt, welches zuerst die grundlosen Beschuldigungen gegen die großen pariser Blätter brachte, welches in den Angelegenheiten des Verkaufs der italienischen Kirchengüter sich so wüthend gegen die Juden benahm und so große Lügen gegen dieselben auftischte, weil anfangs einige jüdische Finanziers sich damit befassen zu wollen schienen, und das seitdem nicht aufhört, in echt ultramontaner Weise auf die Juden