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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-06-02 · Heft 23 (2.6.1868) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 23 (2.6.1868)
Date
1868-06-02
Page
Seite 452 (sequence 2)
Language
German
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Hersagen der Worte ward, welches an sich schon der schuldigen Pflicht genüge. Es bedarf keiner großen Beobachtungsgabe, um zu erkennen, daß die gegenwärtig vorwaltende Anschauung eine ganz andere ist und selbst diejenigen beherrscht, welche jene Verpflichtung zum Absagen der vorgeschriebenen Gebete, sei es privatim, sei es im öffentlichen Gottesdienste, aufrecht erhalten. Von dem Gedanken, daß man sich durch das vorgeschriebene Absagen der Gebete ein Verdienst erwerbe, womit man selbst sittliche Fehler verdeckt, daß die Beobachtung der Form das erste und unumgängliche Erforderniß sei, von diesem Gedanken ist das gegenwärtige Geschlecht abgekommen, und an dessen Stelle hat sich die Anschauung gesetzt: daß wir uns durch Gebet und Gottesdienst in dem Zusammenhang mit Gott, in der Erhebung zu ihm, in der Erfüllung unseres Geistes mit den Gedanken an Gott erneuern, befestigen und stärken, daß wir uns dadurch läutern, in allem Guten und Sittlichen, in reiner, frommer und tugendhafter Gesinnung kräftigen, daß wir im Zwiegespräche unserer Seele mit Gott, Alles, was unser Herz bewegt und drückt, was unseren Geist beengt und beschwert, vor ihm ausschütten, unser Vertrauen, unseren Muth, unsere Kraft erneuern und im Lobpreis Gottes und in der Freude, ihn zu wissen, seine Herrlichkeit, seine Vorsehung, seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu erkennen und bewundernd auszusprechen, die Schwingen unseres Geistes sich lüften und wir in der höheren überirdischen Welt athmen; ferner daß wir im Gebet und Gottesdienst unser Verhältniß als Bekenner des Judenthums, als Träger der Gotteslehre von Neuem bethätigen und kräftigen, unsere Ueberzeugungstreue stählen, und den Inhalt dieser Lehre immer wieder in uns aufnehmen. Diese Anschauung ist zweifellos die gegenwärtig allgemein vorherrschende, ob der Einzelne sie in sich nur dunkel trage, oder ob sie in ihm zur Hellen Leuchte geworden, ob sie in ihm nur selten die Kraft erlange zu Gebet und Gottesdienst anzuregen, oder ob sie zu dauernder Herrschaft in ihm gekommen, eine treibende Kraft in ihm geworden. Wir wollen hier die Ursachen dieser Veränderung nicht untersuchen, auch keinen Vergleich anstellen und kein Urtheil abgeben; wir halten uns objektiv an die Thatsachen, und können darin. auch die Erklärung vieler Erscheinungen finden. Jedenfalls muß, sie uns den Maßstab, das Kriterium für die Umgestaltung des Gottesdienstes abgeben. Diese Anschauung fordert unabweislich ihre Befriedigung, soll nicht der Gottesdienst mit der nächsten Generation schon aufhören. Doch nein! er wird nicht aufhören, denn es ist ein Wahn, daß die Menschen des Gottesdienstes entbehren könnten. Aber es ist Jedermann bekannt, daß es leichter ist, einen immerhin noch gepflegten, wenn auch verwahrlosten Garten wieder zu neuer Fülle und Schönheit zu bringen, als einen seit lange unbebauten, mit Unkraut und Gerölle bedeckten Acker culturfähig zu machen. Innerhalb dieser Anschauungen werden die allgemeinen Forderungen, welche gegenwärtig und für die Zukunft an den öffentlichen Gottesdienst gestellt werden, einfach diese sein: er muß weihevoll, erhebend und heiligend, verständlich und ansprechend sein. Die Religion ist die uns aus den Jahrtausenden überkommene, von uns aufgenommene und in uns entfaltete Lehre, sie ist das ununterbrochen überlieferte Eigenthum der Gesammtheit. Deshalb muß auch der Gottesdienst als ein überkommenes Heiligthum in kontinuirlicher Entwickelung sich auf dem von der Vergangenheit uns überlieferte» Fundamente erheben, nicht wie ein völliger Neubau aus eigener Machtvollkommenheit hingestellt, sondern in seinen Grundformen erhalten und innerhalb derselben der vorherrschenden Anschauung gemäß umgestaltet. Nur so bewahrt er den Charakter der Gesammtheit, die Weihe, die Ehrfurcht, die Heiligkeit des Altüberkommenen und erhält zugleich die Verständlichkeit, das Ansprechende und Ergreifende, das unser Bedürfniß ist. Auf diesem Boden mögen wir jetzt einmal in einfachen Sätzen zusammenstellen, was aus den vielen Arbeiten und Versuchen sich über unseren Gottesdienst und dessen Umgestaltung als Resultat ziehen läßt. I. Vortragsweise: 1. Wir wollen nicht mehr das tumultuose Schreien der Gemeinde und das geschmackswidrige Trillern des Vorbeters. 2. Wir wollen ebensowenig den bloßen Vortrag des Vorbeters und daß die Gemeinde gänzlich schweige. 3. Wir wollen einen musikalischen Theil des Gottesdienstes, der nach den vorhandenen Kräften mehr oder weniger künstlerisch, doch stets dem gottesdienstlichen Charakter entsprechend sei. 4. Wir wollen aber nicht, daß der ganze Gottesdienst vom Vorbeter und mehrstimmigen Chore allein ausgeführt werde und die Gemeinde gänzlich schweige. 5. Der Gebettheil des Gottesdienstes muß daher zwischen Vorbeter und Gemeinde vertheilt sein, und somit theils responsenartig, theils in Liedern stattfinden.

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