Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1868)
- Date
- 1868-05-26
- Page
- Seite 448 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Vergleichende Studien über den Talmud. Von Nabb. D. Oppenheim in Gr. Beeskerek. VII. Oie schweren und mächtigen Dinge. In dem apokryphischen sogenannten 3. Buche Esra wird von dem Wettstreite der drei Jünglinge, was das Mächtigste sei, weitläufig erzählt. Der eine behauptete: der Wein ist das Mächtigste; der andere behauptete: der König ist das Mächtigste; und der dritte schrieb: die Weiber sind das Mächtigste, über alles aber siegt die Wahrheit. Dieselbe Erzählung berichtet auch mit einigen Verschiedenheiten und Abweichungen Iosephus, Alterth. XI. 3. 4„ worauf wir, bloß um nicht zu weitläufig zu sein, den Leser verwegen müssen. Der Midrasch knüpft an die Stelle des Predigers 7, 26: „Und da fand ich bitterer als den Tod das Weib, jene, deren Herz Netze und Schlingen, und deren Hände Fesseln sind u. s. w." eine ähnliche Betrachtung. Vierzehn Dinge giebt es, schwer und unbesiegbar, doch ist das eine stolzer und gewaltiger als das andere. Mächtig und unergründlich ist der Abgrund, stolz erhebt sich die Erde darüber. Schwer besiegbar ist die Erde, stolz erheben sich die Berge über sie. Hart und unerschütterlich ist der Berg, stolz bricht das Eisen ihn. Fest und unbeugsam ist das Eisen, Feuer löst es schmelzend auf. Unwiderstehlich ist die Macht des Feuers, stolz löscht das Wasser es aus. Reißend ist die Kraft der Fluth, Wolken tragen sie von dannen. Schwer besiegbar sind die Wolken, Wind wehet sie muthig auseinander. Mächtig,waltet wohl der Wind, doch die Wand stemmt sich gewaltig entgegen. Felsenfest ist die Mauer, Menschenhände reißen sie nieder. Schwer besieg- und bezähmbar ist der Mensch, Leiden machen ihn mürbe. Allgewaltig und hart sind oft die Leiden, Wein begräbt sie in Vergessenheit. Schwer besiegbar ist der Wein, Schlaf treibt ihn aus. Groß ist die Macht des Schlafes, Krankheit verscheucht ihn. Hart und unbeugsam ist die Krankheit, der Todesengel nimmt sie nebst dem Leben hinweg. Doch schlimmer und härter als alles Böse ist die böse Frau! Eine andere noch sinnreichere Darstellung „von den zehn gewaltigen Dingen" erwähnt der Talmud, Sabbat 10 g, zur Erläuterung des Salomonischen Spruches: Wohlthun und Gerechtigkeit retten vom Tode (I 1,4), die wir hier nach der Bearbeitung des l)r. Sachs, Stimmen vom Jordan und Euphrat, S. 256, wiedergeben. „Hoch ragt der Berg, Du kannst zu seiner Höh' nicht dringen, Doch wird das Eisen ihn, das mächtige, bezwingen. Wie wirst bewält'gen Du das Eisen, das so hart'? Des Feuers Flamm' erweicht auch, was unbeugsam starrt. Unwiderstehlich brennt des Feuers mächt'ge Gluth, Doch noch ein Stärkres giebt's: es ist des Wassers Fluth; Und einen Mächt'gern noch, als Fluth und Wasserwogen: Die Wolke ist's, von der die Fluth wird aufgesogen. Und stärker als Gewölk ist Windes mächtiger Zug, -Er treibt es vor sich her, und jaget es im Flug. Und über Wind und Sturm die Kraft des Menschen geht, Die ungebeugt dem Zug des Windes widersteht. Doch auch des Menschen Kraft hat ihre Schranke wieder: Die Furcht, die lähmende, beugt auch Gewalt'ge nieder. Der Wein verscheucht die Furcht mit seiner Wunderkraft, Des Schlafes größre Macht doch hat ihn fortgeschafft, Gewaltiger ist Eins als alles dies — der Tod. Was giebt's, das uns erlöst aus seiner Qual und Noch? Das gute fromme Thun, die milden Liebesspenden, Erlösen uns, so heißt's, selbst aus des Todes Händen." Diese Ansicht von den mächtigen Dingen findet sich auch bei den Indern und Griechen, und wie Weber ibid. S. 19, richtig vermachet, obwohl demselben die talmudischen Quellen unbekannt waren, ist dieselbe jüdischen Ursprungs. Die Handelsverbindungen mit Alexandrien haben zugleich unter den Völkern einen solchen Austausch der Vorstellungen und.Ideen befördert. — Zur klareren Uebersicht lassen wir hier aus den „Fabeln des Bidpai", Calila und Dimna, übersetzt von Ph. Wolf, S. 219, die mit der talmudischen Darstellung am meisten ähnliche Stelle folgen. Es war einmal ein Mönch, dessen Bitten alle von Gott erhört wurden. Einst saß derselbe am Ufer des Meeres, da flog ein Vogel vorbei, der in seiner Klaue eine Maus hielt und sie in den Schooß des Mannes fallen ließ. Aus Mitleiden nahm der Mann die Maus mit nach Haus. Da er aber befürchtete, daß die Erziehung der Maus seinen Leuten beschwerlich sein möchte, so richtete er eine Bitte an seinen Herrn, daß er diese Maus in ein Mädchen verwandeln solle — und die Maus wurde wirklich in ein Mädchen verwandelt. Als das Mädchen herangewachsen war, sagte der Mann zu ihr: Töchterchen, Du hast nun das Alter erreicht, wo Du einen Gatten nehmen mußt; Du kannst Dir dazu wählen, wen Du willst. Das Mädchen entgegnete: Da Du mir freie Wahl gelassen, so soll mein Gatte werden, was das stärkste Wesen ist. Worauf der Mönch: Du meinst wohl die Sonne? Er wandte sich an die Sonne mit den Worten: O mächtigstes Geschöpf, ich habe ein Mädchen, die wünscht sich zum Gatten das stärkste Wesen. Willst Du Dich mit ihr verbinden? Die . Sonne entgegnete: Ich kann Dich an Jemand weisen, der stärker ist als ich, nämlich an die Wolke; denn diese verdunkelt mich und hält meine Strahlen zurück und verfinstert meine Lichter. Da ging der Priester zu der Wolke und trug ihr dasselbe vor, was er der Sonne vorgetragen. Die Wolke entgegnete: Ich kann Dir Jemand weisen, der stärker ist als ich; gehe zu dem Wind, denn er treibt mich vor und rückwärts und führt mich nach Morgen und Abend. Darauf ging der Mann zu dem Winde und dieser antwortete: Ich kann Dir Jemand weisen , der stärker ist als ich, und das ist der I Berg, denn ich bin nicht im Stande ihn in Bewegung M