Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-05-26 · Heft 22 (26.5.1868) · p. Seite 447

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 22 (26.5.1868)
Date
1868-05-26
Page
Seite 447 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226658--26118-3261644
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zeitvttg des Zndcnthums. Feuilleton-Seilage }u Nr. 22. Leipzig, den 26. Mai 1868. Der Abend. i. Der Abend naht. Die Sonne sinkt im Westen. Die Lerche steigt zum letzten Lied empor Und streut die Perlen ihrer Töne nieder. In dunklen Büschen hebt die Nachtigall Den Sang der sehnsuchtsvollen Liebe an. Die Sonne legt auf Wald und Wies' und Saat Die goldnen Strahlen mild, und drüben breitet Der stolzen Bäume schwanker Schatten sich, Denn stärker zieh'» des Abendwindes Wellen Durch Wipfel hin und flüsterndes Gezweig. Heimkehrt der Mensch, die Heerden wandern heim, Der Glöcklein Klang wallt ihrer Heimath zu. Der Friede strahlt, der Friede tönt im Thale — Dem trauten Frieden öffne dich, Gemüth! Wie? Hebt ein Flammenmeer im West sich auf, Schwillt höher, steigt und breitet seine Wogen? — Die Sonne sinkt hinein, die Feuer lecken Bis in die weißen Wölkchen, die sie röthen — Und dort im Ost thürmt sich die Wolkenwand, Die schwarze, auf, und feuerroth entquillt Des Mondes Scheibe ihrem dunklen Schooß — Da, aus der Schlucht, der finstern, zieht heraus Des weißen Nebels weitgestreckter Streif, Zieht um die Brust der Berge schwere Gürtel, Hüllt ihre Höh'n in graue Schleier ein — Es funkeln Sterne hier und dort und leuchten, Doch rascher schlägt die Schwingen schon der Wind Und hebt die Wolken zu den Sternen auf, Daß sie verschwinden in der dunklen Hülle. Was deutet dies? Wirst du, Gewölk, zum Wetter, Das Donner rollt und Blitze schleudert nieder Und Hagel schüttet auf die Saaten aus? Wirst du zum Sturme, leiser Abendwind, Der wirbelnd stürzt des Waldes Riesensöhne Und von den Hütten reißt die Firsten nieder? Du Silberbächlein, das vom Felsen rieselt, Willst du zum Strom Verderben bringend wachsen, Der durch das Thal in wildem. Wüthen rast, Die Dämme bricht, und Hütt' und Baum zerknickt Und Felsentrümmer auf die Fluren rollt? Was wirst du bringen, dunkle Schreckensnacht, Die sich so furchtbar, so gewaltig kündet? O trauter Friede — bist du schon entschwunden? Beginnt noch einmal Kampf und Schlachtgewühl? Nach schwerem Tage zog der Abend ein — Doch statt der Ruhe holden Angesichtes Streckt mir die Angst ihr Schlangenhaupt entgegen?- Ich bin am Abend. Mühvvll war der Tag. Der Morgen schon zog seine Purpurflügel Schnell vor dem düstren Grau des Trübsals ein — Der Mittag hellte sich, doch sonnenheiß Erschwert' er Schritt vor Schritt des Wandrers Gang Und gab ihm Gluth statt kühlen Trunks zum Lohne. Am Abend bin ich — doch ich ring' und ringe — Wie leicht? Gewölk verschleiert meine Sterne — Der Abendwind schwillt an zum wilden Sturm — Es irrt mein Aug' am Horizont voll Sorge, Ob sich ein Wetter hier, ob dort erhebe — Und ob auch nicht — mag trauter Friede noch Im stillen Thale Licht und Schatten einen, Und heimwärts schon mit sichrem Schritt ich ziehen — Es ringt in mir. Wonach ich ring und ringe? O nicht nach Wahrheit mehr! Was wahr mir scheint, Das schloß ich fest in meine Seele ein, Das füllt des Geistes Herz und Adern ganz Und rinnt als heißes Blut durch alle Glieder — Wahr ist mein Gott, der diese Welt geschaffen, In Lieb' und Weisheit fort und fort sie schafft — Wahr ist mein Gott, der sühnend und versöhnend Dies Leben leitet zu dem höh'ren Ziel — Wahr ist Natur, ihr ewiges Gesetz — Wahr ist das Recht und wahr die Liebe, Eines Ist Beider Quell, der unerschöpflich fließt! Dies ist die Wahrheit, die mir zweifellos, Und was darüber, ist dem Blick verschlossen. Wonach ich ringe? Ach, nach Klarheit, Klarheit, Um dieses Lebens, dieses Menschen Räthsel, Die ungelöst, verwirrend uns umdrängen, Von Neuem stets den dichten Knoten schürzen Und ihn voll Hohnes um das Herz uns schlingen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.