Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1868)
- Date
- 1868-05-26
- Page
- Seite 433 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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anzuklagen, erstens daß es so schwach ist, und zweitens daß es durch Die nicht geweckt und entzündet wird, welche hierzu berufen sind. Wir wollen hier nicht näher wieder auf die allgemeinen Momente eingehen, welche das religiöse Bedürfniß in den Juden abgeschwächt haben. Die große Culturbewegung in den Juden während des letzten Jahrhunderts fand in ihrer längsten Zeit das Judenthum erstarrt und verknöchert in einem dürren Formenwesen, so daß erst spät mit ihr ein neues, frischeres Leben, ein neuer Aufschwung mit kräftigem Flügelschlage auch für die Religion sich verband, immer aber jene unaufhaltsame Bewegung von der Religion getrennt, ja mit ihr im Kampfe verblieb; die materielle Störung, welche die Juden theils in eine außerordentlich erweiterte Industrie, in einen durch Spekulation und Krisen fieberhaften Verkehr, theils in Luxus und überaus vermehrte Bedürfnisse Hineinriß; das vorwiegende Interesse am politischen Leben, an. den Kämpfen in Staat und Commune; selbst die Bildung in ihrem charakteristischen Zuge nach Allgemeinheit und Aeußerlichkeit, nach Oberflächlichem und Glänzendem; alles Dies drängte das religiöse Leben mehr und mehr in den Hintergrund, schwächte allmälig das Bedürfniß. Der Mangel an Innerlichkeit, an Einkehr in sich selbst, an Leben mit sich selbst ist die Wurzel der religiösen Gleichgültigkeit und Stumpfheit. Aber genügt dies zur Erklärung der Thatsache? Kann der menschliche Geist je das religiöse Moment aus sich herausschaffen oder gänzlich verlieren? Und wenn fein inneres Leben noch so schwach und ungeübt ist, führt es in seiner Consequenz nicht immer wieder zur Religion zurück? Treten in das Leben jedes Einzelnen nicht immer wieder Momente ein, welche ihm die Sehnsucht nach religiöser Stärkung und Aufrichtung immer wieder wecken, ihn immer wieder die Hand nach dem trostreichen Becher der Religion ausstrecken lassen? Äa, wenn das Leben in der Gegenwart wechselvoller, in seinen Erfolgen wandelbarer, in seiner Strömung fortreißender ist als je zuvor, müßten die Menschen nicht um so öfter nach religiöser Befriedigung sich sehnen, und in der Religion den Halt, die Dauerhaftigkeit suchen, die ihnen im weltlichen Leben fehlen? Und wenn der Geist des gegenwärtigen Geschlechts mannigfaltiger gebildet, das Herz zarter und reicher entwickelt ist, müßten dieser Geist und dieses Herz nicht um so häufiger und unaufhaltsamer auf das höchste und lauterste Gebiet des Seelenlebens, die Religion getragen werden? Wenn die gegenwärtigen Eltern auf ihre Kinder blicken, kann ihnen der Gedanke ausbleiben, daß sie ihnen eine religiös sittliche Grundlage für das ganze Leben in ihrer Erziehung geben müssen? Fürwahr, wir müßten entweder die ganze Richtung unserer Zeit als krank und entartet ansehen oder aber zu der vernichtenden Meinung kommen, daß die Religion nur für ungebildete und rohe Geschlechter geeignet sei. Aber beides wird jeder Vorurtheilslose mit Entrüstung von sich weisen. Die großen Errungnisse und Erzeugnisse unserer Zeit stoßen das erste Urtheil ab, und das Bewußtsein der edelsten und geläutertsten Geister bricht über das zweite den Stab. Alles daher mit Gerechtigkeit erwogen, und vieles, was die Religion und das Bedürfniß nach ihr abschwächt, zugestanden, muß sich zuletzt der stärkste Vorwurf darauf wenden, daß bei denen, welche für die Befriedigung des religiösen Bedürfnisses zu sorgen haben, sich eine Indolenz und Schwäche finden, welche in der Regel alles gesunde Schaffen verhindern und eine feige Unthätigkeit hervorriefen, wo rüstig gearbeitet und tüchtig geschaffen werden mußte. Im Judenthume haben bekanntlich die Rabbinen niemals eine hierarchische Gewalt besessen. Sie wirkten als freie Autoritäten im Namen des religiösen Gesetzes; aber je gewissenhafter dieses von den Juden gehalten, je inniger es von ihnen verehrt ward, desto wirksamer war jene Autorität. Als nun in den dreißiger und vierziger Jahren von einer Anzahl Rabbinen die Umgestaltung des Gottesdienstes gelehrt und gefordert, deren Berech-. tigung und Zweckmäßigkeit nachgewiesen wurde, da unterstützte sie die größere Anzahl auch solcher Rabbinen, von denen man es voraussetzen konnte, nicht, sondern, da sie selbstverständlich einigen Kampf in den Gemeinden davon erwarteten, hielten sie sich zurück, um mit dem Strome zu schwimmen, wenn dieser erst seine Richtung entschieden gezeigt hätte. Dadurch bekamen die wenigen orthodoxen Rabbinen in Deutschland den Muth, gegen jede Verbesserung des Gottesdienstes aufzutreten, gewannen die Orthodoxen in den Gemeinden um so mehr Muth, sich dagegen zu erheben. Auf diese Weise entstanden in den Gemeinden, wo die Verbesserung angestrebt wurde, Parteiungen, ja Spaltungen, und zwar mit großem Geräusch. Mit diesen Halbwüchsigen und Vollblütigen verband sich aber noch eine besondere Klasse der Romantiker, Männer, die den Plato und Aristoteles studiert, den Hegel gehört, Gedichte oder gelehrte Abhandlungen machten, und nun für die Aufrechthaltung auch unbedeutender dem Judenthume aufgehefteter Formen schwärmten. Viel- 22*