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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-05-26 · Heft 22 (26.5.1868) · p. Seite 432

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 22 (26.5.1868)
Date
1868-05-26
Page
Seite 432 (sequence 2)
Language
German
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t * * 4 -' * r«f;i| *1*^ v#4*V- 4B2 gestaltung. Man sollte glauben, daß mit der ersteren auch sofort entschieden die zweite auftreten sollte, denn mit einem leeren Raume läßt sich ja nichts anfangen, und die Hinwegräumung des Bestandenen kann nicht eher eintreten, als bis man etwas anderes an die Stelle zu setzen hat. Aber es ist nicht so; es findet vielmehr vom ersten bis zum zweiten Moment ein längerer Weg statt, als man voraussetzen sollte. Man muß zuvor überhaupt wiffen, worin die Umgestaltung bestehen solle; und wenn man dies in genügender Fülle vor sich liegen hat, so muß die Wahl getroffen werden; und wenn die Wahl getroffen, der Plan entworfen ist, so muß eine ausreichende Energie vorhanden sein, um die Umgestaltung ins Werk zu setzen. Und dies ist die eigentliche Klippe, denn eben von dieser Energie ist auf dem Gebiete, auf welchem wir uns heute bewegen, wenig Spur vorhanden. Würde man die Mitglieder der jüdischen Gemeinden versammeln, so würde in der Mehrzahl — Ausnahmen geben wir zu — die Majorität dafür stimmen, daß die ganze bisherige Form unseres öffentlichen Gottesdienstes nicht erhalten werden solle — wir sprechen selbstverständlich hier nur von den europäischen Gemeinden diesseits der Weichsel. Sie fühlen und erkennen auch an, daß diese Form in ihrer Ganzheit ihrem religiösen Bedürfniß, dem, was sie im Gottesdienste suchen und finden wollen, nicht mehr entspricht, vielmehr in vielen Theilen widerspricht. Hiermit ist man aber auch in der großen Mehrheit zu Ende. Wie man verändern und was man an die Stelle des Veralteten setzen solle,. dafür liegt bereits das Ergebniß der mannigfaltigsten Arbeiten vor, und was noch fehlt, könnte bald beschafft werden. Aber schon hier zeigt sich die Mangelhaftigkeit des Bedürfnisses. Sobald man einfach frägt: willst du dies? und jenes? — so geräth die Mehrheit in Schwanken, ins Stocken, und mit dem Ausspruch ihres Verstandes und mit den Gefühlen ihres Herzens kommt die Gewohnheitsliebe, die eingewurzelte Furcht, die Pietät in Widerspruch, und das Bedürfniß der Vernunft und des Herzens zeigt sich schwach gegen den Einfluß der genannten Gewalten. Und wenn nun wirklich ein entschiedenes Urtheil sich gebildet hätte, so stellen sich natürlich der Verwirklichung, der Ausführung die Gegnerschaft der Stabilen und die Nothwendigkeit größerer äußerer Mittel oder wenigstens die Schwierigkeit, die mit jeder Umgestaltung verbunden ist, entgegen, und das Bedürfniß zeigt sich hier noch schwächer — man läßt die Hände finken, man läßt bestehen, was bisher bestanden, man läßt es gehen, wie es bisher gegangen. Die Richtigkeit dieser Bemerkungen wird Jeder zugestehen der sich mit diesem Gegenstände beschäftigt hat. Das religiöse Bedürfniß ist nur in seiner negativen Seite vorhanden, aber viel zu schwach, um bis zur produktiven Seite zu gelangen, um ernstlich und nachhaltig bis zum Schaffen zu kommen. Darin liegt die Erklärung aller Vorgänge und Zustände in den jüdischen Gemeinden namentlich Deutschlands. Das Traurige und Gefährliche, das hiermit verbunden ist, leuchtet bald ein. Viel bester ist es, das Bedürfniß ist überhaupt nicht vorhanden, als daß es blos verneint, lediglich unzufrieden mit dem Bestehenden, daß dies wirkungslos und abstoßend ihm geworden, als daß es hierbei stehen bleibt, und somit nicht allein garnichts hat, sondern sich auch dem Religiösen nach und nach völlig abwendet, und es religiös in ihm ganz still und verödet wird. Wirkt dies schon nachtheilig auf die Generation, welche mit ihrer Kindheit und Jugend noch in dem alten Zustande wurzelt, um wie viel tödlicher übt es seinen Einfluß auf die jungen Geschlechter, wo Gewöhnung, Furcht und Pietät nicht mehr vorhanden, denen der jüdische Gottesdienst in seiner alten Form bedeutungslos, sinnlos, unverständlich, bald auch abgeschmackt und selbst lächerlich erscheint! In ihnen entflieht jedes religiöse Bedürfniß, sie werden allen religiösen Uebungen entfremdet, der Gottesdienst existirt nicht mehr für sie, das Judenthum verflüchtet sich in ihnen zu einigen allgemeinen Sätzen, sie verlieren jedes Interesse für seinen Bestand, es bedarf ganz besonderer, einschneidender Umstände, um sie daran zu erinnern, daß sie Juden, daß sie religionsbedürftige Menschen seien. Wenn dies Alles richtig ist, so bleibt die Hauptfrage: warum ist aber das religiöse Bedürfniß so schwach, daß es aus der Negation nicht herauszukommen vermag und zu schöpferischer Gestaltung sich nicht getrieben fühlt? Es ist ein eigenes Ding um das Bedürfniß. Man verlangt von ihm, daß es sich Beftiedigung schaffe, und doch wiederum entzündet und stärkt es sich erst recht an der Befriedigung, erst wenn Befriedigung für dasselbe vorhanden ist. Wer auf dem Dorfe lebt, wird kein Bedürfniß für musikalische Genüsse haben, weil er sie nicht kennt; kommt er nach der Stadt, wo ihm solche geboten werden, kann er sich bis zum Enthusiasmus dafür steigern; wer in einer solchen Stadt lebt, und nach dem Dorfe versetzt wird, dem stirbt das Verlangen danach allmälig ab, und er sucht jene zuletzt auch dann nicht, wenn er sie haben könnte. Bei der Schwäche des religiösen Bedürfnisses ist also jedenfalls Zwiefaches

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