Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1868)
- Date
- 1868-05-19
- Page
- Seite 429 (sequence 23)
- Language
- German
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Tode.) Ich war hiervon völlig überzeugt. Aber daß die Verwirklichung schon so nahe sei, daß schon sechs Monate später Mailand und die ganze Lombardei trotz Lavino und dem Fort von Mailand den Italienern gehören würden, und kein österreichischer Polizeidirectvr darin zu wirthschaften und ein Heer von Spitzeln zu unterhalten hätte, konnte ich doch nicht ahnen. Woher ich diese Ueberzeugung hatte? Sie war unschwer zu erlangen, selbst in den wenigen Stunden, die ich in Mailand zngebracht. Als wir auf der Eisenbahn nach Mailand fuhren, waren auch österreichische Officiere in unserem Waggon, der nach amerikanischer Weise gebaut, einem großen Saale glich. Die Officiere standen zusammen an der Thüre, und das Publikum ließ einen Zwischenraum zwischen ihnen und sich; kam ein Officier näher, so zog sich Alles vor ihm zurück. Wer in Mailand auf offener Straße ein deutsches Wort sprach, konnte sicher sein, mit Strünken und Schalen beworfen zu werden. Auf einem Gange durch die Stadt konnten wir uns nicht zurecht finden und befragten einen vorübergehenden österreichischen Soldaten. Er führte uns bereitwillig, und bald hob er seine Klage an. Der Satan selbst müsse ihn hierher geworfen haben, denn sie wären in einer wahren Hölle. Geneckt und geschimpft zu aller Zeit, von den Hökern und Krämern mit Hohn entweder zurückgewiesen oder schändlich übertheuert, wenn sie Etwas kaufen wollten, sehnten sie sich nach dem Augenblicke, wo sie das Land verlaßen könnten. Er war aus Gratz gebürtig. Solcher Zustand konnte unmöglich Dauer haben. Früher oder später mußte ein Wuthausbruch stattfinden, und vielleicht hat der Krieg von 1859 die österreichischen Soldaten vor einer sizilianischen Vesper geschützt. Hinzufügen will ich nur noch, daß, als wir in Cvmo die Eisenbahn verließen, wir denselben Galgenstrick sahen, der mich zum Polizeidirectvr berufen, und daß er uns umschlich, bis wir den Postwagen nach Lugano und Bellinzona bestiegen hatten. Zu Hause angekommen , machte ich mir den Spaß, an den österreichischen Minister des Innern, den Herrn Bach, zu schreiben. Ich that dies nicht in groben, aber doch in sehr offenen Ausdrücken. Ich schrieb ihm u. A., ob er denn glaube, daß der Kaiserstaat von einem kranken, halb blinden Manne, der aus dem Bade komme und eine kurze Erholungsreise mache, umgestürzt oder nur gefährdet werden könne? und ob, wenn dies der Fall wär, die Ausweisung eines solchen Mannes ihn zu retten vermöge? Die Sache wäre zu lächerlich, als daß Se. Exellenz davon wiffen oder sie gutheißen könne? Se. Exellenz dachte aber doch anders, und antwortete mir: Er wäre nicht in der Lage, das Verbot aufzuheben. Das war damals Oesterreich. Doch nein! Gerechtigkeit vor Allem und gegen Alle! War es anderswo besser? Zehn Jahre — es ist doch anders geworden! Gallerie vo« Abgeordneten jüdischen Glaubens. 32. Äudah Benjamin. Wenn wir mit Benjamin, wenigstens vorläufig, die Reihe der amerikanischen Abgeordneten jüdischer Religion beschließen, so ist es nicht deßhalb, weil er den letzten Platz verdiente, nein, wenn irgend einer, so ist er es, der es verdient hätte, an die Spitze gestellt zu werden; denn in B. vereinigen sich Eigenschaften, wie wir sie nicht oft bei unseren Staatsmännern beisammen finden. Von Hause aus einer der ersten Advokaten dieses an großen Rechtsgelehrten wahrlich nicht armen Landes, besitzt er eine hinreißende Beredsamkeit, die selbst seinen politischen Gegnern die höchste Achtung einflößte. Seine Sprache ist gewählt und blumenreich, klassisch im vollsten Sinne des Wortes, und im höchsten Feuer der Rede entschlüpft ihm kein ungeeignetes, seine Gegner verletzendes Wort. Er erinnerte an jene schönen Zeiten, als noch ein Henry Clay, ein Daniel Webster die Kammer des Senats schmückten. Hat doch erst neulich der oberste Richter des Gerichtshofes zu London, woselbst Herr B. gegenwärtig die Advokatur ausübt, seiner großen Rechtsgelehrsamkeit, seiner Beredsamkeit, seiner würdevollen Haltung in öffentlicher Gerichtsstube eine wahre Lobrede gehalten. Nicht minder wie als Rechtsgelehrter und Redner, nimmt Herr B. als Staatsmann eine der hervorragendsten Stellungen unter unseren Politikern ein. Wenn wir dennoch die Reihe unserer Abgeordneten mit ihm beschließen, so ist es einfach deßhalb, weil wir trotz aller Mühe und Nachforschungen über seine früheren Lebensverhältnisse nichts erfahren konnten, weil die Nachrichten, die wir über ihn vor seinem Auftreten als Senator erlangen konnten, höchst dürftig sind, so daß wir nicht einmal die Zeit seiner Geburt genau angeben können, dennoch aber nicht länger zögern wollten, unsere Skizzen abzuschließen.' Judah Benjamin wurde in Neu-Orleans im Staate Louisiana um das Jahr 1818 geboren und von seinen, der portugiesischen Gemeinde daselbst angehörenden Eltern für den Advokatenstand bestimmt und demgemäß sorgfältig erzogen. Sein erstes Auftreten als Politiker, von dem wir Kunde erhalten konnten, fällt in das Jahr 1849, wo er von seinem Staate zu einem der Electoren erwählt wurde, die den Präsidenten zu ernennen hatten. Im Jahre 1853 sandte ihn Louisiana auf einen Zeitraum von sechs Jahren in den Senat der Vereinigten Staaten. Im Jahre >856 trug ihm Präsident Buchanan den Gesandtschaftsposten nach Madrid an, den er aber ablehiue. Im Senate diente er als Vorsitzender der Cominission „on private laml daims“ und war Mitglied zweier anderer Ausschüsse: der Ausschüffe für Rechtspflege (judiciary) und Handel. Als im Jahre 1859 sein Mandat abgelaufen war, wurde er auf sechs weitere Jahre wiedergewählt. Vor Ausbruch des Bürger-