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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-05-19 · Heft 21 (19.5.1868) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 21 (19.5.1868)
Date
1868-05-19
Page
Seite 428 (sequence 22)
Language
German
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428 ergreife. Ich befahl also, einen Fiaker zu holen und gab dem Manne anheim, ob er dem Wagen folgen wolle oder nicht. Meine Frau wollte mich nicht allein lassen und fuhr mit. Ich beruhigte sie, soviel ich es vermochte. Ich hatte niemals gegen Oesterreich etwas Besonderes, Directes geschrieben und garnicht Gelegenheit gehabt, irgend eines seiner Gesetze zu verletzen; mein Paß war in genauester Ordnung; es könnte also nur eine Neugierde des Herrn Polizeidirectors sein, mich persönlich kennen zu lernen, und da diese Leute keine Zeit haben,- sich zu Unsereinem zu begeben, müßte man zu ihnen kommen. Dieser Scherz verfing bei ihr nicht, und sie blieb voll Angst im Wagen, während ich mich in das Gebäude hineinbegab. Eine starke Wache hielt Portal und Untergeschoß besetzt, und der Hof wimmelte von Polizisten und Gensdarmen. Man wies mich zum zweiten und zum dritten Hof, links in ein großes Bureau. Hier empfing mich ein baumlanger Mensch, schwarz gekleidet, ein Italiener, der gebrochen Deutsch sprach. Er nahm mir meinen Paß ab, hieß mich auf ein Sopha niederlassen und entfernte sich in ein Seitengemach. Bis jetzt klang dies garnicht unhöflich. Aber die Zeit verrann, eine Viertelstunde nach der anderen. Niemand erschien in dem Gemach. Aus dem Seitenzimmer drang nur von Zeit zu Zeit ein Geräusch; ich glaubte auch das Ticken einer Telegraphenmaschine zu vernehmen. Ich wurde ungeduldig, unruhig, besorgt. Da öffnete sich die Thüre, und meine Frau trat herein. Sie hatte es im Wagen nicht mehr aushalten können und wollte lieber mein Schicksal theilen. Froh, mich wiederzusehen, setzte sie sich neben mich auf das Sopha. Wir warteten nunmehr gemeinschaftlich, was die Sache jedoch nicht erträglicher machte. Das Schicksal wollte nicht kommen, bis es nach fünfviertel Stunden, in Gestalt des langen, schwarz gekleideten Mannes wieder erschien. Er trug meinen Paß und einen Aktenbogen, den er mir alsbald vorlas. Darin war geschrieben, daß ich und meine Frau binnen 24 Stunden auf demselben Wege, auf welchem wir gekommen, uns aus den Grenzen der österreichischen Staaten zu entfernen hätten, widrigen Falls wir schwererStrafe unterworfen würden; bei gleicher Ahndung dürften wir niemals die Grenzen Oesterreichs wieder betreten. Ich war zwar überrascht, aber kaum schmerzlich berührt. Ich antwortete lächelnd: „Da hätten Sie sich die Mühe sparen können, denn ich war eben in Begriff, abzureisen, und an die Wiederkunft hätte ich lange nicht gedacht. Nun aber, bitte ich Sie, können Sie mir nicht sagen, warum dieses Verbannungsdekret? Warum diese Ausweisung einem Manne, der gegen den österreichischen Staat niemals etwas gethan, der niemals vor den Schranken weder einer Polizei, noch eines Gerichtes gestanden?" Der italienische Polizeimann sah mich grimmig an, sagte aber endlich: „Ich brauche es Ihnen eigentlich nicht zu sagen; aber damit Sie es wissen: Sie haben eine Büchergesellschaft gegründet, und da» will der österreichische Staat nicht. Solch! Leute dulden wir nicht!" > Ich versichere auf meine Ehre, daß dies wörtlich! wahr, und wenn die mailändischen Pvlizeiakten jene» Tage noch vorhanden, müßte man es darin finden! Denn dieser Italiener konnte unmöglich etwas vom „In! stitute zur Förderung israelitischer Literatur" wissen, de» Grund mußte also in den Akten stehen und von Wien! aus mitgetheilt sein, wie denn auch mein langes Warten! wahrscheinlich durch telegraphische Meldung nach Wien! verursacht worden. Ich überlasse es überhaupt mit Po-I lizeisachen erfahrenen Männern, aus diesem ganzen Vor-I gang, wenn es ihnen beliebft Schlüsse auf die Polizei-! vrganisatiou zu ziehen, die damals in Oesterreich vor-I Händen. Denn das Eigenthümliche war es, daß dies! gerade in Italien geschah! So war also das harmlose! „Institut" die Ursache meiner Ausweisung, das Institut,! welches ausdrücklich diesen Namen bekommen, um den! Charakter eines „Vereins" gänzlich zu vermeiden, das auf seinen Quittungen ausdrücklich „alle Politik und Polemik" ausschloß. Allerdings war es demungeachtet in Oesterreich damals verboten, aber den Eingang seiner Schriften konnte man doch nicht verwehren; sie wurden offen und regelmäßig eingeführt, der österreichischen Censur unterzogen, und da keine einzige seiner Schriften! gegen diese verstieß, wurden sie unbeanstandet an die Abonennten vertheilt. Vielleicht wußte man dies, und da man kein gesetzliches Mittel hatte, die Bücher auszuwcisen, wies man den Urheber aus.*) Ich mußte das Protokoll unterschreiben. Das Lächerlichste dabei war, daß in demselben auch meine Frau aufgeführt war, und auch diese unterzeichnen mußte. Wir nahmen Abschied von der k. k. Polizeidirection, von Mailand, von der österreichischen Grenze. Als wir im Wagen saßen, und meine Frau sich noch immer entrüstet über diesen Vorgang aussprach, sagte ich zu ihr: „Sei ruhig, die Strafe wird bald kommen. Diese österreichische Zwingherrschaft trägt unverkennbar hier die hippokratischen Züge." «Unter hippokratischen Zügen versteht man die Züge eines Sterbenden kurz vor dem *) Während ich dieses uiederschreibe, kommt mir das Schreiben eines Freundes aus Wien zu, der mir zufällig «ine Anekdote aus jener Zeit darin erzählt. Er wollte sich damals um die Zulassung des Instituts bemühen nnd meldete sich deshalb beim Polizeidireetor. Um seine Person durch Etwas zu legitimiren, ließ er sich durch den ihm sieundlichst zugeneigten v. Berger eine Empfehlungskarte geben. Der Polizeidireetor maß ihn vom Kops bis aus die Füße, und fragte ihn : „Durch wen sind Sie empfohlen?" — „Durch den Herrn v. Berger, wie Sie sehen." — „Und wer empfiehlt den Herrn v. Berger?" — Dieser Herr v. Berger ist heute Minister. Es versteht sich, daß die Verwendung nutzlos blieb, das System duldete nichts, was geistige Thätigkeit und Entwickelung fördern könnte. Ich bemerke noch, daß ich vier Jahre früher unbeanstandet in Prag und Wien verweilte, da damals das Institut noch nicht gegründet war, woraus erhellt, daß dieses in der That die wirkliche Ursache der Ausweisung war.

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