Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1868)
- Date
- 1868-05-19
- Page
- Seite 427 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zudcuthums. Feuilleton-Leilage zu Ar. 81. Leipzig, den 19. Mai 1868. Eine Episode aus meinem Leben. Bon Dr. L. PH. (Schluß.) Wir hatten für Mailand eigentlich nur einen Tag bestimmt; Mittags langten wir an, und am folgenden Nachmittag wollten wir abreisen, um noch am Corner See zu verweilen und dann die Heimreise über den Splügen, die Via Mala, Chur und den Bodensee anzutreten. Wir sahen uns alsbald in Mailand um, fuhren nach der Arena und dem Friedensbogen hinaus und setzten uns gegen Abend auf dem Platze am Dome vor ein Cafs. Damals war Mailand von einem großen Corps österreichischen Militärs besetzt und durch das außerordentlich starke Fort befestigt. An der Südseite des Domplatzes steht der königliche Palast, aber vor dessen Fronte waren gewaltige Geschütze aufgepflanzt, deren drohende Schlünde gegen die wundersame Kathedrale gerichtet waren. Uns kümmerte dies nicht, im Anschaueu dieses köstlichen Bauwerks versunken, das, als die Sonne untergegangen war und die Straßen zu dunkeln begannen, aus seinen weißen Marmorwänden ein eigenes Licht ausstrahlte, das es wie ein Glorienschein umgab. Am anderen Morgen bestiegen wir um fünf Uhr das Dach und den Thurm des Domes. Das Wetter war uns gerade dies Mal nicht ganz günstig. Der Horizont war umnebelt, die Sonne brach im Osten nicht durch. Doch wir harrten aus, und nach einiger Zeit erhaschten wir, vielleicht während fünf Minuten, einen Sonnenblick auf die Alpen. In einem rothen Feuermeere standen die ganze Kette des vielköpfigen Monte Rosa, die Gipfel und Schneefelder des Simplon, das Finsteraarhorn und der Gotthard vor uns. Dann verschwanden sie wieder im Nebel. Aber es war genug, um die Phantasie zu entzünden, und das leuchtende Bild für immer zu behalten: die gigantischen Massen, mit Rosenlicht überßossen, in welchem sie ihre Umrisse abzeichneten, und die silbernen Häupter schimmernd erhoben. Nach Süden lag die große lombardische Ebene vor unseren Blicken ausgebreitet; über das Häusermeer Mailands hinweg sah man Monza und zahllose Ortschaften und deutlich die Thürme von Pavia. Noch einige Stunden auf dem Dache des Domes; dann die Gallerie Breda besichtigt. Ich ließ mich, während meine Frau die besten Stücke der Sammlung betrachtete, auf einen Divan nieder und die Gestalten der Besucher vor mir vorübergleiten. Vor Allen zogen zwei Franziskanermönche meine Aufmerksamkeit auf skch; es waren zwei blutjunge Männer, als Brüder erkenntlich, von idealer Schönheit, echt italienischer Typus, schlanke Gestalten. Die Füße in Sandalen, die braune Kutte mit dem weißen Strick als Gürtel, und daraus blickten länglich volle Gesichter mit rothen Wangen, weißer Stirn, blitzenden Augen und braunem Lockenhaar. Es war mir ein trüber Gedanke, diese feurigen Söhne des Südens in der Entsagung der Welt und des Lebens, wie würde es in ihnen stürmen und wüthen, wenn die Leidenschaften in ihnen erwachten, und sie sahen aus, als ob sie diesem Schicksal nicht entgehen könnten! ... Wir kehrten nach dem Hotel zurück, um einen Thee und einiges Backwerk als Frühstück einzunehmen, nachdem das Gepäck wieder besorgt war, um uns nach der Eisenbahn zu begeben. Kaum hatten wir uns niedergelassen, als der Wirth einen Mann meldete und einführte, der mir den mündlichen Befehl brachte, sofort auf der Polizeidirection zu erscheinen. Eine österreichische Polizeidirection war damals ein Schreckenswort. Man. dachte dabei an nichts als den Spielberg, jahrelangen Kerker ohne Verhör und Urtheil u. dgl. m. Jndeß so furchtsam und schreckhaft war ich nicht. Der Bote der k. k. Polizeidirection war nicht in Uniform, hatte aber um so mehr das Aussehen eines echten Spions und Galgenstricks. Nicht groß, mager, tief liegende, blitzende Augen, dunkelbraunen Teint, spitze Nase, tückischen Mund. Er sah mir italienisch aus, aber er sprach geläufiges, reines Deutsch. Ich fragte, warum ich dort erscheinen sollte? Das wisse er nicht, nur sollte ich rasch machen und sofort hinkommen. Ob ich meinen Paß mitnehmen solle? Ja, diesen, gerade diesen. Ich stand auf und machte mich zum Gehen bereit. Der Wirth trat zu mir und flüsterte mir zu, ich solle nicht mit diesem Menschen über die Straße gehen, es wäre ein berüchtigter Spitzel, es würde Aufsehen machen, ja ein Auflauf möglich sein, da das Volk gegen diese Menschensorte überall Partei