Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-05-19 · Heft 21 (19.5.1868) · p. Seite 414

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 21 (19.5.1868)
Date
1868-05-19
Page
Seite 414 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226657--26084-3261609
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

414 thums die Art und Weise gerügt, in welcher verschiedene neuere Romanschriftsteller Juden und Judenthum in ge-' hastiger Weise zu schildern suchen und hierin der lieentia poeiica allzu weiten Spielraum lasten. Ein ferneres Beispiel findet sich in dem im vorigen Jahre erschienenen Roman „Hamlet" von Brachvogel. In diesem historischen Romane, dessen hauptsächliche Helden Shakespeare und Graf Essex sind, und der das Leben und Treiben am Hofe der Königin Elisabeth von England schildert, wird verschiedentlich der Juden in gehästiger Weise gedacht. Namentlich ist dies in den ersten Capiteln des dritten Bandes der Fall, die hauptsächlich vom „Kaufmann von Venedig" handeln. Es wird dort erzählt, daß der Wohlstand der zu Stratford am Avon wohnhaft gewesenen Familie Shake-' speares durch einen jüdischen Wucherer Jonas Combe, Helfershelfer des Shakespeare sehr feindlich gesinnten Friedensrichters Sir Luor, vernichtet ward. Sodann heißt es hinsichtlich des Shylock: „Shakespeare hatte in ihm eine Frage angeregt, die namentlich „dem bürgerlichen Publicum tief in der Seele brannte, den „Haß gegen das Judenthum, die Stellung dieser verachteten „Klasse von Fremdlingen der christlichen Welt, und die „furchtbare Rache, welche sie für dieselbe an Gut und „Blut von Hoch und Niedrig damals zu nehinen ver- „standen." In einem spätern Capitel wird der Jonas Combe als ein Hausbesitzer von Stratford bezeichnet. Ueber die dem „Kaufmann von Venedig" zu Grunde liegende Fabel, die nach Brachvogel schon in einem deutschen Gedichte aus dem Jahre 1493, „Von dem Kaufmanne, der dem Juden ein Pfund Schmeer aus seiner Seite versetzt hat" Vorkommen soll, aber auch sonst mehrfach in anderer und zwar auch umgekehrter <daß ein Jude der Schuldner und ein Christ der blutgierige Gläubiger war) Version im 16. Jahrhundert erzählt wird, will ich mich hier nicht weiter auslassen. Dagegen kann ich nicht umhin, auf einen sehr wichtigen Punkt ausinerksam zu machen. In England wohnten nämlich zu Shakespeares Zeiten gar keine Juden und durften sich dort auch gar nicht aufhalten. Schon zu den Zeiten der Plantagenets waren die Juden aus England vertrieben worden und blieben für mehrere Jahrhunderte verbannt. Erst unter Cromwell, über 30 Jahre nach Shakespeares Tode, kam Manasse ben Israel nach England, konnte aber trotz Cromwells Geneigtheit die Rückkehr der Juden nach England nicht durchsetzen. Nach der Restauration der Stuarts 1660 kamen erst wenige Juden, anfangs noch verstohlen nach England und einigermaßen zahlreich wurden sie erst unter der Regierung des großen und toleranten Oraniers Wilhelm UI. Es ist demnach mehr als unwahrscheinlich, daß zu Shakespeares Zeiten und unter der Regierung der strengen und in Glaubenssachen eifrigen Königin Elisabeth ein Jude Einwohner und Hausbesitzer in dem Städtchen Stratford und Helfershelfer eines in England so wichtigen Beamten wie eines Friedensrichters gewesen sein sollte. Auf keinen Fall kann aber von einem allgemeinen wucherlichen Treiben der Juden und von dem hierdurch entstandenen Haß gegen dieselben in dem damaligen England die Rede sein, da eben damals keine Juden in England wohnten und sonach dort auch die Christen nicht bedrücken konnten. Shakespeare hat auch offenbar die Juden gar nicht persönlich gekannt, dies zeigt gerade der Kaufmann von Venedig. Ich will hier garnicht von der innern Anlage des Dramas reden, sondern nur darauf aufmerksam machen, daß die in derselben auftretenten Juden durchaus unjüdische Namen „Shylock", „Tubal", „Jessica" führen, was wohl nicht der Fall gewesen sein würde, wenn Shakespeare mit den Juden unv den damals bei denselben gebräuchlichen Namen etwas bekannt gewesen wäre. Der Kaufmann von Venedig mag von Shakespeare gegen die Juden im Allgemeinen, vielleicht überhaupt gegen hartherzige Wucherer gedichtet worden sein, auf keinen Fall aber gegen jüdische Wucherer in England.*) Wenn ein historischer Roman auch gerade nicht in allen Punkten der Erzählung die historische Treue zu bewahren braucht, so hätte man doch von einem Dichter wie Brachvogel erwarten müssen, daß er in der Darstellung der Motive vorsichtiger zu Werke gegangen wäre und die thatsächlichen geschichtlichen Momente genauer beachtet hätte. Allein, wo es sich um Juden und Judenthum handelt, scheint es so manchem Schriftsteller mehr auf Meinungen und Vorurtheile als auf die Wirklichkeit anzukommen. *) Ganz anders und mit historischer Treue werden diese Verhältnisse in dem historischen Roman des l)r. Philippson „Jacob Tirado" Buch IV. dargestellt, wo auch der „Kaufmann von Venedig" von dieser Seite aus gewürdigt wird. mm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.