Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 21 (19.5.1868)
- Date
- 1868-05-19
- Page
- Seite 408 (sequence 2)
- Language
- German
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voluts von Formeln und Formen, die ihr Leben, ihr Berständniß und somit alle Wirksamkeit auf die Religiosität verloren haben, dem Geiste und der Geschichte des Judenthums entgegen ist und geradezu in unserer Zeit zu einem todten Buchstabendienst führt. Der Eifer und die Lebendigkeit, mit welchen unsere Weisen und geistigen Heroen früherer Zeit für den Aufbau, für die Belebung und Bereicherung des öffentlichen Gottesdienstes thätig waren uyd dafür sorgten und arbeiteten, daß alle Leiden und Schmerzen des Volkes, alle dasselbe bewegenden Gedanken und Gefühle in ihm zum Ausdrucke kämen, und ihn daher mit immer neuen Gebetstücken, mit Selichoth, Jozroth, Kinoth u. s. w. versorgten, müssen unsere Nacheiferung erwecken, und wir werden ihnen mehr Ehre anthun, wenn wir in ihrem Geiste und Enthusiasmus ihnen Nachfolgen, als wenn wir ihr, einer ganz anderen Zeit gebotenes Wort, nachdem es im Laufe der Jahrhunderte für die Masse der Bekenner unverständlich und oft widersprechend geworden, als todten Buchstaben für immer bewahren. Haben schon die Lehrer der Mischnah gestattet, selbst die typischen Gebetstücke in der Muttersprache zu beten, haben unsere Väter in der früheren Zeit selbst einzelnen Rabbinen und Chasanim erlaubt, in den Gottesdienst gestaltend eiuzugreifen und z. B. sogar die Keduschah auseinander zu reißen, — wie sollte dies unserer Zeit durchaus verboten sein, nachdem die jüngeren Geschlechter seit einem Jahrhundert eine so große innere und äußere Umwandlung erfahren haben? Darüber läßt sich garnicht mehr streiten. Es kann auf der einen Seite nur die völlige Verneinung mit dem Motiv unveränderlicher Stabilität, ewigen Stillstandes, unbegrenzter Formheiligkeit, mag darüber alles gemeinsame und individuelle Religiöse verloren gehen, auf der anderen Seite das Zugeständniß der Richtigkeit stattfinden. Aber die Sache ist eben, daß von diesem Zugeständniß bis zur praktischen Verwirklichung ein weiter Weg ist. Niemals wurde dieser Gegenstand ernstlicher diskutirt als in den vierziger Jahren; er nahm auch vorzugsweise die Diskussionen der drei Rabbinerversammlungen ein. Die Punkte, welche besonders besprochen wurden, waren: einen Theil der Gebete in der Muttersprache abzufassen; die überflüssigen Gebete zu beseitigen, und so die Dauer des Gottesdienstes, die durch die Reformen sich noch auszudehnen drohte, zu verkürzen; darum auch den dreijährigen Cyklus der Thorahverlesung anzunehmen; die Orgel einzuführen; inhaltlich gewisse Gebete umzuformen, in welchen die Engellehre, die Rückkehr nach Palästina und die Wiederherstellung des Opferdienstes ausgesprochen waren. Es entstanden hierüber vielfache Streitigkeiten. Da man in den Gemeinden zur praktischen Ausführung schreiten wollte, entstanden Parteiungen mit mehr oder weniger reinen Triebfedern, mit größerer oder geringerer Heftigkeit. Zwei Momente machten diesen Streitigkeiten ein Ende: die 1848 eintretende allgemeine politische und sociale Bewegung, welche den liturgischen Streit in den Hintergrund drängte, und die Friedensliebe der Gemeinden im Allgemeinen, welche des Gezänkes überdrüssig ward. Es trat Erschlaffung und Gleichgültigkeit ein, die entweder Alles beim Alten ließ, oder sich mit sehr geringen Veränderungen begnügte, oder selbst schon Erreichtes wieder verfallen ließ. Mit der Zeit änderte sich dieser Zustand wieder an diesem und jenem Orte; einzeln that man hier und da einen Schritt vorwärts; im großen Ganzen blieb es, wie es gewesen, und in den meisten Gemeinden wurden nicht einmal die nvthwendige Ruhe und Andacht herbeigeführt, das alte Geschrei, das Herein- und Hinauslaufen, das Geschwätz, die unanständige Stellung und Geberdung verblieben, obschon diese Unwürdigkeit bei der wachsenden Bildung immer fühlbarer ward. Die nothwendige Folge blieb nicht aus: der Gottesdienst verfiel immer mehr, die Gotteshäuser wurden immer leerer, und füllen sich nur am Rosch-Haschana und Jom-kippur und bei außerordentlichen Feierlichkeiten. Diesem Schicksale verfielen die Synagogen, in welchen der Gottesdienst ganz in alter Weise vollführt wird, aber auch die, in welchen einige Veränderungen stattgefunden, mit geringer Ausnahme selbst die, welche die Piutim abgeschafft, den dreijährigen Cyclus und die Orgel angenommen. Vieles trug hierzu zunächst die Predigt Lei. Denn einentheils begnügte man sich, dieselbe anzuhören und den eigentlichen Gottesdienst bei Seite zu lassen; man kam vor ihrem Beginne und ging nach ihrem Ende. Andrentheils hat die jüdische Homiletik in der letzten Zeit zwar an Ausdehnung gewonnen, aber an Tüchtigkeit verloren. Die Meisten, welche zu predigen übernehmen, haben durchaus keine Vorbildung für dieselbe erworben und üben diesen Theil ihres Amtes mit großer Nonchalance; man glaubte sogar viel zu thun, wenn man das alte Unwesen der Drascha, ihre Formlosigkeit, ihr Schillern mit einer Menge von Sentenzen aus Midrasch und Talmud, ihren Witz u. s. w. in die Predigt hineintrug, so daß selbst die Predigt ihre Zugkraft verlor. Die Gegner der Reform des Gottesdienstes zogen daraus