Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1868)
- Date
- 1868-05-12
- Page
- Seite 405 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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den Staaten schmeckten, ruhig an ihrem Platze in der Brieftasche gelegen. In Deutschland wie in der Schweiz hatte Niemand danach gefragt; eben so wenig auf den italienischen Gewässern. Auf der Landungsbrücke von Luino empfingen uns Polizisten, Gensdarmen und Steuerbeamte; man durchmusterte unser Gepäck bis in die tiefsten Tiefen des Koffers und des Reisesacks; man führte uns in das Polizeigebäude und verzeichnete in Buch und Paß die Zeit und die Art unserer Ankunft. Trotzdem wir keine Contrebande hatten und nach Aussage unseres Passes selbst keine Contrebande waren, dauerte diese Procedur eine geraume Zeit. Wir hielten uns daher nicht weiter auf und mietheten einen offenen Wagen, der uns bald die Höhen hinter dem Städtchen hinaufbrachte. Aber kaum waren wir auf dem lachenden Plateau eine halbe Stunde gefahren, als wir bereits wieder an , einer österreichischen Douane hielten, denn hier begann wieder die Schweizer Grenze, die Grenze des Cantons Tessin, der Italien und Schweiz zugleich repräsentirt. Der Paß mußte von der österreichischen Grenzwache abermals gesehen, unterfertigt und legalisirt werden. Jetzt ging es rasch nach Lugano. Aber du, herrlichster aller Seen, der mit seinen blauen Wellen den Fuß der saftig grünen, schön gewölbten Berge bespült und an seinem anderen mild ansteigenden Ufer anmuthig die Stadt und die reizenden Parke bis zu der von hoher Kirche gekrönten Höhe steigen läßt, sollst mich nicht fesseln, ich fahre an deinem Gestade hin, auf Damm und Brücke über dein Südende hinweg und dann wieder auf ansteigendem Gelände in die Berge und Thäler hinein. Nicht allzu lang, wir halten wieder an der österreichischen Grenze, abermals wird der Paß sorgfältig visirt, das Gepäck noch sorgfältiger durchmustert. Wir sind diesmal auf der Post und es fehlt nicht an burlesken Seeuen. Eine russische Fürstin, die aus Paris kommt, will durchaus nicht ihre vielen und großen Koffer öffnen: das sei ja nun oft genug geschehen. Die österreichischen Douaniers sind durchaus nicht grob und verstehen einen Spaß, zu dessen Pointe einige Banknoten österreichischer Währung, die sich leichter als die Frankenstücke in die Papiere legen lassen, gehören. Wir kommen nach Como und wenden unser Angesicht nach Süden:'wir wollen von dem See nichts sehen, um uns den überraschenden Anblick, den ganzen, plötzlich auf die Seele eindringenden Genuß nicht zu verkürzen; die Rückfahrt soll ihn uns bringen. Der Reisende bildet sich zu einem Gourmand in Natur- und Kunstgenüssen aus, und zwar je weniger er es für Genüsse des Gaumens sein darf. Wir besteigen die Eisenbahn und fahren nach Mailand. Ich bin auf Sommerreisen kein Freund von großen Städten, und verschlägt mich das Geschick dahin, so beeile ich mich, wieder hinaus zu kommen. Die engen Straßen, die hohen Häuser, die drückende Atmosphäre, die ermüdenden Gänge beängstigen mich, das Gewühl der Menschen ist mir fatal, und ich athme erst wieder frei auf, wenn ich die letzten Häuser der Vorstädte hinter mir habe. So wäre ich auch lieber am Luganer und Comer See geblieben und hätte die karg zugemessene Zeit in diesem Paradiese zugebracht. Aber den Wünschen meiner theuren Gefährtin gab ich diesmal nach. Nicht gern, denn Kunstschätze vermag ich wegen der Schwäche meiner Augen nicht mehr zu genießen und habe dann nur das Leidwesen, an die glücklichen Momente früherer Zeit erinnert zu werden, in denen ich aus ihrer Betrachtung in den bedeutendsten Museen des Continents ein eifriges Studium machte. Als wir aber in Mailand einfuhren und vor dem Dome vorüberkamen, dessen weiße Marmorwände mit ihrem Walde von Thürmen und Bildsäulen majestätisch und anmuthig zugleich in den Strahlen der Sonne leuchteten, drückte ich ihr die Hand und sagte: „Du hast Recht gehabt!" (Schluß folgt.) Correspondenz. Nieder-Oesterreich, im April. Fischhof. Die Feuilleton-Beilage zu Nr. 1(> der „A. Z. d. I." brachte den Wortlaut der Adresse eines demokratischen Vereines in Wien an Dr. Fischhof. Es dürste wohl die geehrten Leser dieses gesch. Blattes nicht minder iuteressiren, nachträglich auchüber das erste Auftreten dieses trotz seiner Zurückgezogenheit vom politischen Schauplatze noch heute allgemein geehrten Mannes Ausführlicheres zu vernehmen; was gegenwärtig um so mehr an der Zeit, als das Jahr 1868 dazu bestimmt scheint, die in der Sturm- und Drangperiode des Jahres 18*8 ausgestreuten Körner in vollen Aehren aufschießen zu macheg. Nun theilte der als Dichter und Erzähler so vortheilhaft bekannte und beliebte Di'. L. A. Frankl zur Feier des 13. März in der „N. fr. Pr." „eine Scene aus den Märztagen" mit, und diese Scene ist es, aus der wir hier denjenigen Theil, der auf Di». Fischhof Bezug hat, mittheilen wollen. Dieser lautet wörtlich also: „Am 13. März zogen die Studenten gegen das Landhaus, das bald von Menschen überfüllt war; man wartete auf die Landstände, um ihnen zuzurufen, ihnen das Geleite in die Hofburg zu geben. Es war ein dumpfes Drängen, ein stummes Wogen, doch wurde wenig oder nur ein flüchtiges Wort gesprochen. ^Niemand wußte, was werden sollte. Die Gedanken der Einzelnen wogten ohne Zusammenhang, einzelne Namen wurden genannt, sie gingen in dem Gesurre unter. Da erwachte in einem jungen, in einen dunkelgrünen Mantel gehüllten Manne eine zornige Erregung, daß Niemand den Muth habe, ein Wort zur versammelten Menge zu sprechen und einen bestimmten Gedanken in ihr lebendig zu machen: „Und bist du nicht selbst Einer