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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-05-12 · Heft 20 (12.5.1868) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 20 (12.5.1868)
Date
1868-05-12
Page
Seite 404 (sequence 18)
Language
German
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404 von echter Race beobachten. Er lenkte die drei Rossepaare, die in ununterbrochener Schnelligkeit und ohne anzuhalten von Faido nach Bellinzona während fünf Stunden liefen, mit großer Gewandtheit. Er hatte rechts eine große, links eine kleine Peitsche an seinem Sitze aufgepflanzt, die erstere für die Vorder-, die letztere für die Hinterpferde. Aber er brauchte sie selten, überschüttete jedoch sein Gespann mit unaufhörlicher Rede, bald drohend und scheltend, bald schmeichelnd und liebkosend, dann und wann auch eim kurzes Liedchen einflechteud. Das war aber noch nicht Alles. Er hatte nicht viel Ruhe auf seinem Sitze, sondern war bald oben, bald unteü, neben dem Wagen einherlaufeud, immer ohne seine Rosse in ihrem Laufe aufzuhalteu. Dabei hatte er es jedoch noch auf etwas Anderes abgesehen. Auf einen Hinteren Sitz, wo die Bedienten der zu fahrenden Herrschaften Platz zu nehmen pflegen, hatte er noch einen Passagier ausgenommen, mit dem er aber wegen des Preises noch nicht einig geworden zu sein schien. Es begann daher bald ein lebhaftes Gezänk; der Eine schrie den Anderen mit ungeheurem Pathos an, der sich von Minute zu Minute steigerte, während der Wagen immer weiter rollte. Mittendrein sprang der Betturino wieder auf seinen Sitz und plauderte und schalt mit seinen Pferden. Plötzlich war er wieder herunter, und der Streit begann von Neuem. Der Passagier warf ein Frankenstück herab, der Vetturino hob es auf und schleuderte es Jenem in den Schoß zurück. Jetzt wurden sie Beide wüthend, der Wagen hielt an, der Passagier sprang herab, Beide schrieen gewaltiger, hoben drohend die Fäuste gegen einander — im Augenblicke, wo wir voll Schreckens sie auf einander mit Peitsche und Messer losgehend fürchteten und ich mich anschickte, möglichst dazwischen zu kommen, machten sich die Männer eine Reverenz, der Passagier setzte sich ruhig wieder an seinen Platz, der Vetturino sprang auf den seinigen, und Alles war zu Ende. Da der lange Streit im Landesdialect und mit großer Heftigkeit geführt worden, hatten wir so gut wie gar nichts davon verstanden. Und so trafen wir es in den folgenden Tagen öfter. Auf dem Quai von Lugano lungerte viel Volk, Lastträger und Schiffer umher, mit kurzen braunen Mänteln auf der einen Schulter. Jede Minute erhob sich ein Streit unter ihnen, der mit fürchterlichem Geschrei* und wüthendsten Geberden geführt ward, und in den sich die Anderen lärmend und tobend mischten. Jeden Augenblick fürchtete der Reisende, daß eine blutige Katastrophe erfolgen werde. Aber im Nu war Alles ruhig, plötzlich ward es still, wie es plötzlich laut geworden, der Haufe löste sich, man schritt ruhig an einander vorüber, während an einem anderen Ende es von Neuem anhob. Doch, meine Leser, ich wollte von einer kleinen Episode erzählen, und meine Erinnerung hat sich in die Reisebilder so vertieft, daß, wenn ich so fortfahren wollte, ich noch lange nicht zu dem gelangen würde, was ich eigentlich berichten will. Daher Nichts weiter von dieser Fahrt nach Bellinzona, nach Magadino, den Lago Maggiore hinab nach Jsola Bella und von da schräg über den See nach Luino. Vielleicht ein anderes Mal. Nach dem französischen Sprüchwort: en mangeant vient Vappöiit, möchte ich wirklich noch weiter erzählen und im Detail zeichnen. Doch heute nicht! Damals war das westliche Ufer piemontesisch, das östliche österreichisch, zum lombardo-veuetianischen Königreiche gehörend. An diesem östlichen Ufer starrten, von smaragdenen Bergen überragt, die Mauern des stark befestigten Laveno empor, mit einem Kriegshafen, in welchem sich Kriegsboote und 'Kanonenschaluppen befanden. Bon weit her glänzten die Waffen der österreichischen Krieger von den Wällen der Beste in den Strahlen der italienischen Sonne. Damals, im Jahre 1858, lastete nicht blos der schwere Druck noch auf den Lombardo- Benetianern, sondern in ganz Europa war eine bange Furcht vor diesem österreichischen Koloß verbreitet, und eine gewisse Scheu hielt von seinen Grenzen Alle ab, die nichts Besonderes daselbst zu suchen hatten. Es war eine schwüle Atmosphäre, die Einen anwehete, sobald man sich jenen Grenzpfählen näherte, von denen der breite, doppelköpsige Adler drohend herabsah. Die revolutionären Bewegungen von 1848, durch welche Oesterreich am Boden zu liegen und dem Auseinanderfall preisgegeben zu sein schien, waren mit solcher Energie und Rachsucht niedergeschlagen worden, Oesterreich hatte sich, dem schwachen Preußen gegenüber, so schnell emporgerafft und nach kurzer Zeit seine Waffen bis an die Nord- und Ostsee geschickt, in Deutschland eine so beherrschende Stellung wieder genommen, dabei im Innern eine so unbegrenzte Reaction geübt, eine drakonische Polizei über die Justiz und Politik gestellt, das Concordat abgeschlossen und war so sehr nichts als feudal und klerikal, als Militair- und Pfasfenmacht geworden, daß der Schrecken noch den Abscheu übertraf, welchen Freisinn und Bildung vor ihm empfinden mußten. So ging es Jedem, der von draußen kam. Wer länger in dem Reiche weilte und tiefer zu beobachten Gelegenheit hatte, mochte wohl bald zu einem anderen Urtheile kommen. In Italien, so weit es dem österreichischen Scepter unterworfen war, konnte man es schon in wenigen Tagen erfahren. Doch ich will nicht vorgreifen. Wir hüteten uns wohl, nach diesem mit Kanonen gespickten Laveno, das späterhin irr so unrühmlicher Weise ohne Kampf sich ergab, zu fahren und den Plackereien einer österreichischen Festung uns zu unterziehen. Wir steuerten mit dein Boote nach Luino. Als wir vorn Hause fortfuhren, hatten wir uns mit Paßkarte und Paß, letzterer von unserem Minister des Innern und vom österreichischen Gesandten in Berlin unterfertigt, wohl versehen. Aber bis wir die Landungsbrücke von Luino betraten, hatten diese Documente, die damals mehr nach der Sicherung der Staaten vor den Individuen, als nach der Sicherung der Individuen in

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