Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1868)
- Date
- 1868-05-12
- Page
- Seite 406 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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von diesen? Warum redest du nicht?" Und, um gleichsam die Schiffe hinter sich zu verbrennen, 'rief er mit lauter, starker Stimme: „Meine Herren!" In demselben Momente wurde die Menge aufmerksam und stumm, und schon hatten Einige den jungen Mann auf ihre Schultern genommen, er ragte über die Menge empor: ein römisch geschnittener Kopf, dem das kurz geschorene, dunkelbraune Haar einen noch charakteristischeren Ausdruck gibt, die hellen Augen leuchten von starker innerer Erregung, und mit wohltönender, weithin vernehmbarer Stimme spricht er folgende, hier heute zum erstenmale mitgetheilte Gedanken in fliegenden, zündenden Worten: „„Es ist ein großer, bedeutungsvoller Tag, an dem wir uns hier zusammenfinden — ein Tag, an dem die Stände Niederösterreichs sich da oben versammeln, um nach langer, langer Zeit die Wünsche des Volkes auszusprechen und den Ideen der Zeit an den Stufen des Thrones Ausdruck zu geben. Damit dieser Tag erfülle, was er zu verheißen scheint, müssen wir auf der Höhe desselben stehen. So laßt uns denn die Männer, die da oben tagen, durch unfern Zuruf ermuntern, durch unsere Zustimmung kräftigen und durch unser Zuthun zum erwünschten Ziele führen. Wir haben heute eine ernste Mission zu erfüllen. Es gilt ein Herz zu fassen, entschlossen zu sein und muthig auszuharren. Wer an diesem Tage keinen Muth hat, gehört in die Kinderstube. Die Zeit drängt, vielleicht nur der Moment gehört uns. So sagen wir denn rasch und kräftig, kurz und gerade, was uns noththut, was wir fordern und wofür wir einstehen. Ausführliche Darlegungen überlassen wir den Männeru da oben. Vor Allem verlangen wir Preßfreiheit. Die Wünsche der Individuen, so lange sie nur vereinzelt ausgesprochen werden, bleiben unbeachtet, sie sind wie Wassertropfen, die, wenn sie einzeln niederfallen, vom Boden getrunken werden, im Sande zerrinnen, in der Luft verdampfen. Wenn aber die Einzelwünsche in den tausend Rinnsälen, Bächlein und Bächen der Presse zusammeufließen, dann werden sie allgemach zum mächtigen, unwiderstehlichen Strome der öffentlichen Meinung, und wehe dem Staatsmanne, der das Staatsschiff gegen den Strom zu lenken die Stirn. hätte. Einer der berühmtesten der englischen Parlamentsredner, Sheridan, sagte, von der Macht der Presse sprechend: „Gebt mir ein serviles Oberhaus, gebt mir ein feiles Unterhaus, aber lasset mir die freie Presse, und ich will sie herausfordern, auch nur Eine der Freiheiten Alt-Englands anzutasten!" Betonen wir daher vor Allem mit stärkstem Accente die Freiheit der Presse. Aber diese Freiheit allein ist ungenügend. Nicht blos durch den Mund der Presse seine Wünsche auszusprechen, ist des Volkes Recht, es soll auch durch den 406 Mund der Geschworenen sein Rechtsbewußtsein zur Geltung bringen und durch den Mund seiner Vertreter seinem Willen Ausdruck geben, dort, wo über seine Geschicke, sein Wohl und Wehe entschieden wird. Ferner sollen die Gewissen entfesselt und soll die Lehre frei werden in Oesterreich! Eine übelberathene Staatskunst hat die Völker Oesterreichs auseinandergehalten, sie müssen sich jetzt brüderlich zusammen finden und ihre Kräfte durch Vereinigung erhöhen. Die Schwächen der einen Nationalität werden hiebei in den Tugenden der andern ihren Ausgleich finden und die Vorzüge Mer durch ihr Zusammenfassen eine Steigerung erfahren, welche, für die Zwecke des Staates benützt, Oesterreich auf eine ungeahnte Höhe der Wohlfahrt und Macht bringen muß. Denken wir uns die hochstrebenden, Dem Idealen zugewendeten Deutschen, die zähen, fleißigen und ausdauernden Slaven, die ritterlichen und schwungvollen Magyaren, die gewandten und scharfblickenden Italiener an der gemeinsamen Aufgabe des Staates mit vereinter und dadurch potenzirter Kraft arbeitend, und es kann in uns kein Zweifel entstehen, daß die Stellung Oesterreichs inmitten der Staaten Europas eine imposante werden müsse. Damit diese schöne Aussicht in die Zukunft uns nicht getrübt werde, wollen wir in dieser feierlichen Stunde mit hochpochendem, von Muth und Hoffnung geschwelltem Herzen auf das energischste Mitwirken. Oesterreich unv seine glorreiche Zukunft hoch! Die verbündeten Völker Oesterreichs, sie leben hoch! Die Freiheit hoch!"" Die Menge, die lautlos den öffentlich noch nie vernommenen Gedanken und Worten gelauscht hatte, blieb einen Moment, wie vom Blitz getroffen, betäubt und schweigend; dann aber erscholl es wie aus Einem Munde: „„Der Name des Redners!"" Dieser erwiderte: „„Das Damoklesschwert der Polizei schwebt über meinem Haupte; aber ich sage wie Hutten: Ich hab's gewagt! Ich bin Dr. Adolph Fischhof!"" Nicht enden wollte der Beifallssturm. Fischhof verlor sich in der Menge, um im Ständesaale wieder zu erscheinen. Der Bann war gelöst, die Versammelten sich einiger leitenden Gedanken bewußt." Anekdote. In einer katholischen Schule in Wien soll es neulich vorgekommen sein, daß ein Katechet bei Gelegenheit des Unterrichtes in der biblischen Geschichte bemerkt hat: „Nehmt euch ein Beispiel an Abels christlicher Sanftmuth, denn obgleich ihn sein Bruder erschlagen hatte, rächte er sich doch nicht." Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Di*. H. Lotze.