Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1868)
- Date
- 1868-05-12
- Page
- Seite 403 (sequence 17)
- Language
- German
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Syst HL- Mu f Preis r'g. ächst jchen nlich ons- Stiihre und ung 15. Uneltfinllig snv eu on wa ler Allgemeine Zeitung -cs Zildenthnms. Femlletmi-Keilage;u tlr. §0. Leipzig, den 12. Mai 1868. Eine Episode ans meinem Leben. Bon Dr. L. PH. «Fortsetzung.) Im Gallop geht es die Straße hinunter. Zu der außergewöhnlichen Natur hat sich zufällig die Kunst gesellt, um ihr eine Eigentümlichkeit mehr zu geben. Die Felsen fallen steil und zackig mit riesigen Wänden zu der schauerlichen Oede des Val Tremola ab, wo den größten Theil des Jahres von den Höhen und Kanten die Lawinen herabstürzen, deren Donnern sich mit dem Brausen des von Fall zu Fall rasenden Tessin vermischt. Die treffliche Kunststraße läuft an den Felswänden im Zickzack hernieder, und so kommt es, daß man wohl zwanzig Male dieselbe Stelle passirt, aber in verschiedener Höhe, bis man zur Thalsohle gelangt, von wo es weniger steil nach dem Thale von Airolo hinuntergeht. So geschieht es, daß bisweilen die Pferde um die eine Ecke der Straße biegen, während der Wagen noch im Umkehren um die vorhergehende Ecke begriffen ist, und die Schnelligkeit des Laufes allein sichert vor dem Umsturz, der Rosse, Wagen und Menschen in die furchtbare Tiefe schleudern würde. Anfangs konnten wir uns der Angst nicht erwehren. Aber die Erwägung, daß diese Straße mehrere Male jeden Tag durch die Post passirt wird, ohne daß man jemals, namentlich im Sommer, von einem Unglück gehört, gab schnell die nöthige Ruhe zurück, um sich dem Genüsse der außer- / ordentlichen Scenerie hingeben zu können. Denn mit 1 v jeder Wendung des Weges bot sich ein wechselndes Bild y von überraschender Größe und Schönheit dem Auge \ dar. Wandte er. sich rechts, so blickte man in das ■' v Schrecken erregende Val Tremola mit seinem Gewirre , von Klippen und Felswänden, mit seinen finsteren ) Schluchten und unabsehbaren Abgründen hinein; wandte er sich links, so schweifte das Auge über das weite, grüne Thal von Airolo mit den sonnenbeglänzten Zinnen der Stadt und dem dreifachen Gürtel grüner Hügel, > steiniger Höhen und schneebedeckter Berge, die hinter einander aufsteigen und von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet waren; und so wurde die Seele hastig von der Empfindung des Schauerlichzu der des Lieblich-Erhabenen getrieben, was das Gemüth und die Einbildungskraft in die angenehmste Verwirrung versetzte. Von Airolo ging es noch nach Faido, aber die Schatten des Abends hatten sich schon über die Erde gebreitet, als wir in dieser ersten, schon ganz italienischen Stadt anlangten. Hier verließen wir die Post und übernachteten. Ich durfte mir zu viele Strapazen nicht zumuthen und wollte auch nicht gern ein Stück dieser paradiesischen Landschaften durch eine Nachtfahrt verlieren. Der Tag hatte vieles Herrliche gebracht und so tiefe Empfindungen erregt, daß sie heute, nach zehn Jahren, noch immer mit frisch anregender Kraft in mir nachzittern. Und ich war doch kein Neuling in Berg und Thal! Noch ehe wir das Lager gesucht, führte der Wirth einen italienischen Vetturino zu uns, der mit einem prächtigen Wagen, von sechs Rossen gezogen, früh am Morgen die Rückfahrt nach Bellinzona machen wollte und uns nur gegen Entrichtung des Preises, den wir für die Post zu zahlen gehabt hätten, mitzunehmen sich erbot. Wir nahmen es an. Wir waren auf dieser Reise ununterbrochen vom schönsten Wetter begünstigt und hatten den Anblick grauer Wolken erst dann wieder, als wir den Boden des theuren Vaterlandes wieder betraten. Ja, noch mehr, eigentlich war die Zeit des Jahres, in welcher wir diesen Streifzug unternahmen, gänzlich ungeeignet, da in der Regel die große Hltze jeden Genuß verhindert. Aber der Sommer war regnerisch und kalt gewesen, und beim Nahen des Herbstes war die Temperatur so lau, die Vegetation noch so frisch und belebt, daß es nichts Angenehmeres geben konnte. Ja, diese Vegetation! Wie verschieden zeigte sie sich uns bald auf dieser Südseite der Alpen von der nordseiligen. Diese Nuß-, Kastanien- und Maulbeerbaumwälder, diese über die Felder hinrankenden und sich dann wieder zu dichten Lauben erhebenden Weinreben, diese tiefgrünen Wiesen. und Gesträucher, von denen jedes Blatt wie lackirt in der Sonne glänzte, wie matt erschienen dagegen die Almen der Rordseite, die Nadelwälder und drunten die Ahorn-, Eschen- und Buchenhaine, die selbst in ihrer Kraft etwas Kaltes und Rauhes zeigen. — An unserem Vetturino konnten wir bereits den Italiener