Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1868)
- Date
- 1868-05-12
- Page
- Seite 389 (sequence 3)
- Language
- German
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389 zu Gebote stehenden Weise die Wirklichkeit und Fortdauer des Verbrechens. Sie spannte jede Nerve, um die Verfolgung anzustacheln; sie lehrte durch alle ihre Organe, eine Hexe zu schonen, wäre ein unmittelbarer Hohn gegen den Allmächtigen, und ihren unaufhörlichen Anstrengungen ist bei Weitem der größere Theil des vergossenen Blutes zuznschreiben. 148 l erließ Papst Jnnocenz VIII eine Bulle, welche der Verfolgung einen furchtbaren Anstoß gab, und er war es, welcher den Inquisitor Sprenger anstellte, dessen Buch lange das Manual über den Gegenstand war und der Hunderte jedes Jahr zum Tode vernrtheilt haben soll. Aehnliche Bullen wurden 1504 von Julius II und 1523 von Hadrian VI erlassen. Eine lange Reihe von Provinzial-Concilien bestätigte das Vorhandensein der Zauberei und bannte diejenigen, welche sich ihr ergaben. „Die allgemeine Praxis der Kirche war, Magie und Zauberei zu den vorbehaltenen Fällen zu zählen und bei den Predigten die Magier und Zauberer als excommunicirt zu erklären." (Thiers.) Eine Geisterbannungsformel wurde feierlich in das. Ritual eingeführt. Fast alle großen Werke, welche zu Gunsten der Hinrichtungen geschrieben wurden, waren von Geistlichen verfaßt. Fast alle Laienwerke in derselben Richtung waren den geistlichen Würdenträgern gewidmet und von ihnen sanctionirt. Geistliche Tribunale verdammten Tausende zum Tode und unzählige Bischöfe gebrauchten all' ihren Einfluß, die Opfer zu vermehren. Mit einem Worte, viele Jahrhunderte glaubte man allgemein, daß die andauernde Existenz der Hexerei einen wesentlichen Theil der Kirchenlehre bilde, und daß die durch Europa wüthende Verfolgung durch die ganze Kraft ihrer Unfehlbarkeit aufrecht erhalten würde. Dies war die Stellung der römischen Kirche zu diesem Gegenstände, und auf diesem Gebiete stritten die Reformatoren nicht mit ihren Widersachern. Die Leichtgläubigkeit, welche Luther in allen mit dem Teufelswesen in Verbindung stehenden Dingen an den Tag legte, war selbst für sein Zeitalter erstaunlich, und so oft er über Hexerei redete, war seine Sprache emphatisch und rücksichtslos. „Ich will kein Mitleid mit diesen Hexen haben", rief er aus, „ich wünsche, daß man sie allesammt verbrenne!" In England war die Einführung der Reformation die Losung zum sofortigen Ausbruch des Aberglaubens, und dort wurde, wie anderswo, dessen Abnahme von der Geistlichkeit als die unmittelbare Folge und das genaue Maaß des Fortschrittes des religiösen Skepticismus dargestellt. In Schottland, wo die reformirten Geistlichen einen größeren Einfluß als in irgend einem anderen Lande übten, und wo die Hexenprozeffe gänzlich in ihre Hände fielen, war die Verfolgung verhältnißmäßig schauderhaft. Wahrscheinlich war Glanvil,ein Geistlicher der englischen Staatskirche, der geschickteste, und Baxter, der größte Puritaner, einer der einflußreichsten Vertheidiger des Glaubens. Er verbreitete sich mit dem Puritanismus über die neue Welt, und dix Hinrichtungen in Maflachusetts bilden eines der schwärzesten Blätter in der Geschichte Amerikas. Der größte religiöse Parteiführer des letzten Jahrhunderts (Wesley) zählte zu seine» spätesten Bertheidigern." Der Vers, geht nun in die Geschichte des Hexenglaubens näher ein, und zeigt besonders, wie er schon in den ersten Zeiten des Christenthums in diesem Aufnahme fand und schon von den ersten Kirchenvätern als Glaubensartikel angesehen wurde. Er macht hier (S. 45) folgende richtige Bemerkungen: „Damit die Hexerei recht augenfällig würde, mußte die Einbildung der Menschen so nachdrücklich auf diese Glaubensartikel gerichtet werden, daß dadurch ihr gewöhnlicher Gedankengang gefärbt und beherrscht, und eine starke Neigung erzeugt wurde, satanisches Wirken um sich her zu sehen. Eine lange Reihe von Umständen, welche in der Reformation gipfelten, hatten durch die Christenheit einen Schrecken verbreitet, welcher stufenweise den Gedankenhorizont überwölbte, indem er eine allgemeine Unruhe über die Zukunft der Kirche, und eine starke und lebendige Empfindung der satanischen Gegenwart hervorrief. Wahr ist's, diese Einflüsse machten sich ursprünglich nur auf dunkeln Punkten des speculativen Glaubens geltend, allein sie wirkten in zwiefacher Weise auf den gröber« Aberglauben des Volkes. Obgleich die Ungebildeten den verwickelteren Speculationen ihrer Lehrer nicht zu folgen vermögen, können sie doch, wie ich gesagt habe, den allgemeinen Ton und Charakter des Gedankens begreifen, welchen diese Speculationen erzeugen, und sie übertragen sie rasch in ihre eigene Gedankensphäre. Außerdem werden die höheren Klassen, wenn sie von einer Empfindung der fanatischen Gegenwart voll sind, geneigt, an die Wirklichkeit jeder Hexengeschichte zu glauben. Sie verfolgen daher die Hexen und reizen, dem entsprechend, nothwendig den Wahn an. Wenn der Glaube sich auf die niedere Klasse beschränkt, ist seine Existenz schlaff und ohne Fortschritt. Aber wenn Gesetzgeber ihn in ihren Gesetzen und Päpste in ihren Bullen anklagen, wenn Priester auf ihren Kanzeln gegen ihn losziehen, und Inquisitoren 20*