Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1868)
- Date
- 1868-05-12
- Page
- Seite 388 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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v; v.'-SMJ5S9W 388 täusche sich nicht. Das sind Krisen, welche die Menschen immer wiederholt durchmachen, und inittelst derer die echte Aufklärung, d. h. die wahrhaft religiöse und sittliche Bildung des Geistes, ruhig ihren Fortschritt nimmt. Beide Extreme machen sich durch ihre Extravaganzen unmöglich und höhlen sich durch ihre übertriebenen Anstrengungen ihr eigenes Grab. Wollen sie sich aufrech erhalten, so müssen sie sich wider Willen, zum Theil unbewußt, auf ein ganz anderes Piedestal stellen, und sieht man nach einiger Zeit zu, so befinden sie sich schon auf einer ganz anderen Basis als früher. Sie mögen formell ihre alten Dogmen und Grundsätze noch aufrecht erhalten, faktisch vermögen sie dies nicht mehr- Die Folge dieses Artikels wird dafür selbst bei dem Katholizismus dies beweisen, so viel dieser sich auch auf seine Unveränderlichkeit zugute thut. Wer dies beobachtet oder gar durchgemacht hat, der erschrickt nicht vor der Schroffheit der Gegensätze, sondern sieht es lieber/ daß sie gekommen, da die endliche Entscheidung doch nicht zweifelhaft sein kann. Herr Lecky will also die Abnahme des Glaubens an das Wunderbare durch die Aufklärung geschichtlich behandeln und widmet daher sein erstes Kapitel der „Magie und und Hexerei". Wir heben hier zwei Punte hervor; l) den außerordentlichen Umfang, welchen die Verurtheilung und grausame Tödtung der sg. Hexen und Hexenmeister gehabt hat, und 2) daß dieselbe zu einem Dogma der Kirche geworden, für welches die Formeln (des Exorcismus) in das kirchliche Rituale aufgenominen worden, und daß gerade hierin die Reformation nichts geändert hat, so daß allerdings diese scheußliche Verirrung allein durch den Fortschritt der Aufklärung beseitigt worden ist. Hierfür führen wir folgende Stelle an (S. 2.), indem wir jedoch die vom Verf. angeführten Beweisstellen hinweglassen: „Länger als fünfzehn Jahrhunderte glaubte man allgemein, daß die Bibel in der klarsten Weise die Wirklichkeit der Hexerei bestätige, und daß eine Masse von so mannigfachen und umfangreichen Beweisen, die selbst die Möglichkeit des Zweifels ausschlöfien, ihre Fortdauer und Obmacht bezeugten. Die Geistlichkeit klagte die Hexerei mit allem Nachdruck der Autorität an, die Gesetzgeber fast jedes Landes erließen Strafgesetze dagegen. Scharfsinnige Richter, die im Prüfen von Beweisen ergraut waren, erörterten die Frage in zahllosen Fällen und verurtheilten die Angeklagten. Hunderttausende von Opfern starben durch die peinlichsten und verlängertsten Qualen, ohne das mindeste Mitleid zu erregen; und da sie zum größten Theil äußerst unwissend und überaus arm waren, so hatten Sectengeist uud Habsucht nur wenigen Einfluß auf die Sache. Nationen, durch Stellung, Interesse und Charakter vollständig von einander getrennt/ waren über diese eine Frage einig. In fast jeder Provinz Deutschlands, besonders aber in denen, wo der geistliche Einfluß vorwaltete, wüthete die Verfolgung mit fürchterlicher Heftigkeit. Siebentausend Opfer sollen in Trier verbrannt worden sein, sechshundert von einem einzigen Bischof in Bamberg und achthundert in einem einzigen Jahre in dem Bisthum Würzburg. In Frankreich faßten die Parlamente von Paris, Toulouse, Rheims Rouen, Dijon und Rennes Beschlüsse über den Gegenstand, die alle eine Bluternte zur Folge hatten. Zu Toulouse, dem Sitze der Inquisition, starben vierhundert Personen wegen Zauberei bei einer einzigen Hinrichtung und fünfzig in Douay in einem einzigen Jahre. Remy, ein Richter von Nancy, rühmte sich, achthundert Hexen in sechszehn Jahren dem Tode überliefert zu haben. Die Hinrichtungen, welche in wenigen Monaten in Paris statt hatten, waren, nach den emphatischen Worten eines alten Schriftstellers „fast unzählbar." Die Flüchtlinge, welche nach Spanien entrannen, wurden dort eingefangen und von der Inquisition verbrannt. In diesem Lande erstreckte sich die Verfolgung bis auf die kleinsten Städte, und der Glaube hatte so tiefe Wurzeln in dem Volksgeist geschlagen, daß noch >780 ein Zauberer verbrannt wurde. Torqueinada widmete sich ebenso eifrig der Ausrottung der Hexerei, als der des Ketzerwesens, und er schrieb ein Buch über die Abscheulichkeit des Verbrechens. In Italien wurden in einem einzigen Jahre tausend Personen in der Provinz Como hingerichtet, — und in anderen Theilen des Landes rief zuletzt die Strenge der Inquisitoren eine vollkommene Revolution hervor. Dieselben Scenen wurden in den wilden Thälern der Schweiz und Savoyens aufgeführt. In Genf, welches damals ein Bischof beherrschte, wurden fünfhundert überführte Hexen in drei Monaten hingerichtet, achtundvierzig wurden in Constanz oder Ravensburg verbrannt, und achtzig in der kleinen Stadt Valery in Savoyen. 16 70 wurden siebzig Personen in Schweden verurtheilt, und ein großer Theil von ihnen wurde verbrannt. Und dies sind nur wenige der hervorragenderen Fälle in jener langen Reihe der Verfolgungen, welche sich fast über jedes Land erstreckten und Jahrhunderte lang mit ungeschwächter Wuth andauerten. Die römische Kirche verkündete in jeder ihr