Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 20 (12.5.1868)
- Date
- 1868-05-12
- Page
- Seite 390 (sequence 4)
- Language
- German
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Tausende auf dem Scheiterhaufen verbrennen, dann wird die Einbildung der Menschen entflammt, der Schrecken ansteckend, und der daraus folgende Wahn vervielfältigt. Päpste und Gesetzgeber, Priester und Inquisitoren thun aber diese Dinge gerade nach Maßgabe der Festigkeit ihres Glaubens an die bezeichneten Vorstellungen nnd der Stärke, mit welcher ihre Einbildung auf diese Vorstellungen durch den religiösen Terrorismus Hingetrieben ist. Wir haben in dem Leben Luthers einen schlagenden Beleg für den Einfluß der Reformation auf die Hexerei und für die Denkungsweise, welche sie eine Zeit lang unterhielt. Kein Zug war schärfer in seinem Charakter ausgeprägt, als das starke und leidenschaftliche Gefühl der Sündhaftigkeit. Er selbst schildert oft in der bilderreichsten Sprache, wie er in der Abgeschlossenheit des Klosters zu Wittenberg unter dem wahren Schatten des Todes gelebt, wie die Pforten der Hölle sich zu seinen Füßen zu öffnen schienen, unv das Gefühl der hoffnungslosen Verworfenheit ihm das Leben selbst zur Last machte. Niedergebeugt von dem tiefsten Gefühle moralischer Unwürdigkeit, wurde er von intellectuellem Zweifel gequält. Er gelangte zu den Lehren des Protestantismus nur nach langer und schwieriger Forschung, langsam sich durch die verschiedenen Phasen des Glaubens hindurch kämpfend, jahrelang unerfreut durch ein einziges Wort des Mitgefühls, und schmerzlich zwischen entgegengesetzten Schlüssen schwankend. Wie bei allen Menschen von lebhafter Einbildung, die in gleichen UnPänden sind, so bildete sich um seinen Geist ein theologischer Dunstkreis, und wurde das Medium, wodurch er jedes Ereigniß betrachtete. Er war sehr vielen wunderlichen Einbildungen und Urtheilsschwankungen ausgesetzt, die er beständig der unmittelbaren Einwirkung des Satans beimaß. In Folge dessen wurde der Satan die herrschende Vorstellung seines Lebens. In jedem bedeutenden Vorfall, in jeder geistigen Aufregung erkannte er die satanische Gewalt. In dem Kloster zu Wittenberg hörte er fortwährend den Teufel in den Zellen poltern, und wurde zuletzt so sehr an die Sache gewöhnt, daß er erzählte, er hätte bei einer Gelegenheit, wo er durch den Lärm erwacht, bemerkt, daß es blos der Teufel' wäre und wäre daher wieder eingeschlafen. Der schwarze Fleck in der Wartburg bezeichnet noch immer die Stelle, wo er ein Tintenfaß nach dem Teufel warf. Inmitten seines langen und schmerzlichen Schwankens über die Lehre von der Transsubstantiation erschien ihm der Teufel und brachte einen neuen Beweis herbei. In solch einem Geisteszustände nahm er natürlich mit unbedingtem Glauben jede Anekdote von den Wundern des Satans auf. Er erzählte, wie ein alter Geistlicher inmitten seiner Andacht von einem Teufel gestört wurde, der hinter ihm wie ein Ferkel grunzte. Zu Torgau zerbrach der Teufel Töpfe und Schalen, schleuderte sie dem Geistlichen an den Kopf, und trieb zuletzt dessen Weib und Mägde halb wahnsinnig aus dem Hause. Bei einer anderen Gelegenheit erschien der Teufel in den Gerichtsstuben, in dem Charakter des Hauptanwalts, dessen Stelle er auf das Vortrefflichste ausgeführt haben soll. Narren, Krüppel, Blinde und Stumme waren vom Teufel besessen. Wohl versuchten Aerzte diese Krankheiten aus natürlichen Ursachen zu erklären, aber jene Aerzte waren Dummköpfe, sie kannten nicht die ganze Macht des Satans. Jede Art Krankheit konnte durch den Satan, oder seine Helfershelfer, die Hexen, bewirkt werden, und keine der Krankheiten, denen Luther ausgesetzt war, war natürlichen, besonders aber war sein Ohrenschmerz teuflischen Ursprungs. Hagel, Donner und Pest waren alle die unmittelbaren Folgen von der Einwirkung der bösen Geister. Viele der vermeintlichen Selbstmörder waren in Wirklichkeit vom Teufel gepackt, und von ihm, wie der Wanderer vom Räuber, erdrosselt worden. Der Teufel konnte nach Belieben die Menschen durch die Luft führen. Er konnte Kinder zeugen, und Luther selbst war mit einein von diesen in Berührung gekommen. Eine starke Liebe zu Kindern war einer der liebenswürdigsten Charakterzüge des großen Reforinators; aber bei dieser Gelegenheit empfahl er den vermeinten Verwandten, das Kind in einen Fluß zu werfen, um ihr Haus von der Gegenwart eines Teufels zu befreien. Als natürliche Folge dieser Denkweise sah er in der Hexerei nicht die geringste Unwahrscheinlichkeit. In genauem Einklang mit dem Geiste seiner Zeit versicherte er fortwährend die Existenz und Häusigkeit des Verbrechens, und schärfte mit Nachdruck die Pflicht ein, die Hexen zu verbrennen. In der Thal, ich kenne wenige sonderbarere und zu gleicher Zeit schrecklichere Bilder, als die, welche die Geschichte der Hexerei während des Jahrhunderts vor und uach der Reformation bietet." So ging denn die Verfolgung der Hexerei ihren Gang ungeschmälert weiter, und Lecky bemerkt mit Recht, daß „die Geschichte der Hexerei in protestantischen Ländern sich von der in katholischen garnicht unterscheidet." Dennoch, fügen wir hinzu, war es ein protestantisches Land, in welchem zuerst die Einleitung von Hexenprozessen verboten