Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1868)
- Date
- 1868-05-05
- Page
- Seite 386 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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ganze Reußthal, waren wir schon früher einmal in Gesellschaft lieber Freunde gekommen, aber die Schönheit, Erhabenheit, Wildheit dieses ganzen Weges thaten wiederum ihre unbeschreibliche Wirkung. Der beständige Wechsel der riesigen Bergformen mit ihren Alpen und zerstreuten Sennhütten, die auch den ödesten Fleck beleben, die Mannigfaltigkeit der Schluchten, durch welche die Reuß von Fels zu Fels stürzt und schäumt und donnert, und doch dabei der einheitliche Charakter, welcher die Stimmung in der Seele festhält, der Blick bald zurück auf die grünen Höhenmassen, an denen wir schon vorübergestiegen, bald vorwärts, wo die Felskuppen sich immer gewaltiger thürmen und immer näher an einander rücken, dann jener überwältigende Punkt, wo die fl g. Teufelsbrücke sich von Fels zu Fels schlägt, über die abwärts rasende. Reuß, welche soeben von einer mächtigen Höhe, ihr Gewässer zur Hälfte als Nebel und Regentropfen in die Luft zerstreuend, sich heruntergestürzt, der dunkle alte Tunnel, das Urner Loch genannt, aus dem heraustretend wir die sonnenbeglänzte grüne Ebene erblickten, an deren Ende querüber das friedliche Andermatt mit schlankem Kirchthurme sich gelagert hat, hinter welchem dann ein Schutzwald von Föhren aufsteigt, um das Dorf vor den Lawinen zu schützen,, die von den hohen schneebedeckten Gipfeln herabgesandt werden, dann ringsum gewaltige Bergmassen, mit dem Blick nach der entfernten Furke — ich spreche nicht davon, um dem eine Vorstellung zu geben, dessen Fuß noch nicht dort gewandelt, wohl aber die Erinnerung zurückzurufen denen, die glücklicher gewesen. Nimm den Wanderstab in die Hand, mein Leser, pilgre hin und grüße mir cttt' ote Herrlichkeiten, die ich wohl niemals wieder erschauen werde, die aber ihre unverwischlichen Bilder mir in die Seele geprägt. Bon Andermatt steigt in zahllosen Windungen die wohlgepflegte Straße bis zur Höhe des Gebirgspasses. Die Felsen treten hier mehr auseinander, aber die Gegend wird immer öder, die Vegetation hört auf und nur Moose und Flechten überziehen noch das nackte Gestein. Jetzt sind wir oben, ein Plateau von geringem Umfange von vier oder fünf massigen Felsenspitzen umgeben, welche zusammen der Gotthardt heißen. Da liegt das Hospiz, ein finsteres, rußiges Haus. Hier werden die Pferde gewechselt, da die Rostnanten, welche uns hinunterfahren sollten, bis dahin hinter den Wagen gingen. Unsere Chaise stand am Rande eineL kleinen trüben Sees, dessen Oberfläche von einer frischen Brise leicht gekräuselt wurde. Es ist der Stella-See, aus welchem die Reuß fließt, in dessen Nähe der Rhein und der Tessin entspringen und weiterhin die Rhone, so daß von diesem Scheitel vier Ströme nach den verschiedenen Weltgegenden in schnellem Laufe die Ebenen suchen. Der Himmel wölbte sich blau über uns, und schon suchte das Auge den über den Rand des Passes sich tief senkenden Horizont auf, als von Nordwest her plötzlich eine Nebelwolke heranfuhr, die gespenstisch in immer wechselnder Gestaltung sich uns näherte. Wir konnten ihr Nahen nach dem Sekundenzeiger der Uhr berechnen. Jetzt hatte sie uns erreicht und umschloß uns mit einem weißen feuchten Nebel; Himmel und Sonne, Felsen und See waren verschwunden; wir waren einsam. Da plötzlich schleuderte wie eine unsichtbare Hand Hagel und Eisstückchen in unfern Schooß — und es war wieder vorüber. Die erhabene Natur in still lächelndem Glanze war wieder da. Wir freuten uns dieser sonderbaren Erscheinung. Aber auf die Befriedigung folgte ein jäher Schreck. Der Hauptwagen war bereits fertig und begann die schnell sich senkende Straße hinunterzufahren, während unser kleiner italienischer Postillon, ein Knabe von ungefähr fünfzehn Jahren, noch mit dem Anschirren der Pferde vor unsere Chaise beschäftigt war. Unsere Rosse, welche den großen Hauptwagen davonfahren sahen, folgten ihm sofort nach ihrer Gewohnheit. Wir schwebten in großer Gefahr, denn die halb angeschirrten Pferde hätten, sowie der Weg steiler hinabging, keinen Halt für den Wagen abgegeben, und im Nu konnte unsere Chaise den furchtbaren Abhang hinuntergeworfen sein. Aber der junge Italiener hatte Einsicht im Kopfe und Muth im Herzen. Er hing sich mit dem ganzen Gewicht an den Kopf des Sattelpferdes und bedrohte es mit . der geballten Faust. So schleppten sie ihn einige Schritte weit, dann blieben sie stehen, dicht vor der Stelle, wo der Weg abwärts in das schauerliche Valtremola hinabzugehen beginnt. ^Schnell hatte er die Stränge geordnet und richtig geknüpft, und nun ging es wie ein Wetter den Berg hinab.' Wir waren uns der Gefahr kaum bewußt geworden, als sie, eben so wie jene Nebelwolke, schon vorüber war. Der Conducteur, der vom Hauptwagen aus diesen Vorgang gesehen und bleich wie der Tod geworden — am Ende traf ihn die Schuld, da er den Hauptwagen hatte zu früh anziehen lassen — war herbeigesprungen, klopfte dem braven Jungen auf die Schulter und verhieß ihm als Lohn, ihn zum silbernen Peitschenstiel zu empfehlen. Da wurde es uns erst klar, welcher Gefahr wir glücklich entgangen. Aber das war schnell vergessen: es ging ja nach Italien hinunter, und schon konnte der trunkene Blick weithin von der Höhe über Berge und Thäler hinweg Airolo, die erste italienische Stadt, in einem weiten Bergkessel gelegen, in den Strahlen der Sonne erglänzend, erschauen. (Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld, Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.