Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1868)
- Date
- 1868-05-05
- Page
- Seite 385 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Es war im Herbste 1858, als ich nach beendeter Badekur zur Erholung und zur Befriedigung eines alten Verlangens einen Abstecher nach Oberitalien zu machen mich entschloß, wenn auch nur für wenige Tage, da mein Urlaub bald abgelaufen war. Ich wollte wenigstens den Boden Italiens betreten, seine klangvolle Sprache gehört, sein eigenthümliches Volk gesehen haben. Wir nahmen, ich und meine Frau, den Weg über die Gotthardtstraße, die schönste, welche vom Norden nach der apenninischen Halbinsel führt. Ich will hier keine Reisebeschreibung liefern; wer aber könnte diesen Weg zurückgelegt haben und an ihn denken, ohne aus dem Schatze erhebender Erinnerungen einige farbige Bilder vor seine Seele treten zu sehen? Wir hatten die Fahrt über den Vierwaldstädter See von Luzern nach Flüelen auf dem Dampfschiffe gemacht und übernachteten in Altorf. Wer seinen Schiller kennt, weiß von diesem im engen Thale aus geringer Höhe gebetteten Flecken, seinem Marktplatz und der Tellstatue, welche den Platz jener famosen Stange mit dem Hute einnehmen soll. Von dem Augenblicke, wo das Dampfboot um die scharfe Felsenecke in den Urner See, den südöstlichen Theil des Bierwaldstädters, einbiegt, schwelgt die Seele in einem Meere von Entzücken. Die Natur ist die grandioseste. Die aufgeregten Wellen des Sees rollen zum Fuße starrer Felsen, ungeheurer Bergstöcke, die bis zum Gipfel von grünen Almen, auf dem Gipfel mit ewigem Schnee bedeckt sind; links die Frohnalp, der Axenstein, rechts der Urirothstock, der seinen eisbedeckten Scheitel hoch in die Wolken streckt, im Hintergründe die Windgäle. Aber um die Majestät dieser Natur wand zugleich die Dichtung ihre farbigen Kränze, und die erregte Phantasie belebt sie mit den Bildern großer Menschen und Vorgänge. Da kommt hinter Bürgten die Tell's Kapelle, die Felsplatte des Axensteins, rechts grüßt uns das Rütli herüber und die Glocke von Seligsburg. 3m Hintergründe links öffnet sich das Schächerthal, wo das Haus Tell's gestanden. Mag an diesen Plätzen viel mehr Sage als Geschichte haften, die Muse Schiller's hat sie mit dem Dufte historischer Dichtung umzogen, mit dem Farbenschimmer edelster Poesie bekleidet, und dieser Duft und dieser Schimmer berauschen die Seele des Hindurckfahrenden. Wir befuhren diesen See zum fünften Male, aber sein Zauber war nicht schwächer geworden. Heute lagerte eine finstere Gewitterwolke auf dem riesigen Urirothstock, deren Schatten die westliche Hälfte des Sees stahlgrau färbten, während die östliche von den Strahlen der Sonne beglänzt war und die grünen Wellen mit silbernen Schaumköpfen hell beleuchtet dahintanzten. Da verbanden, sich die Schrecken drohenden Unwetters und die Hoffnung, daß das goldene Tagesgestirn am blauen Himmel siegen werde, in der Seele des Reisenden. Ich stand aus dem Verdeck mit einem angesehenen Bürger von Zürich, den ich schon früher kennen gelernt und zufällig hier wieder getroffen. Wir waren ziemlich vertraut mit einander geworden, und als wir am Axenstein vorüberfuhren, sagte ich zu ihm: „Ihr Schweizer seid doch undankbar in allen Beziehungen, die Ihr zu Deutschland habt. Diese ganze Gegend, so herrlich sie aus der Hand des Schöpfers hervorging, hat doch noch einen besonderen Reiz durch Schiller's Dichtung erhalten, durch welche zugleich das ganze Schweizer Volk eine getreue edle Zeichnung, ja eine hohe Glorie erhalten und das Nationalbewußtsein besonders im Herzen der gebildeten Jugend erhöht worden ist. Warum habt Ihr ihm in dankbarer Anerkennung nicht irgend ein Gedenkzeichen hier herum aufgestellt?" „Und wie sollten wir dies, erwiderte der Schweizer, wenn es ein würdiges sein soll?" „Ich verstehe Sie, antwortete ich. Es müßte dieser majestätischen Natur, des großen edlen Volkes und des erhabenen Dichters zugleich würdig sein. Ja, fuhr ich erregt fort, keine Bildsäule, kein monumentales Bauwerk dürste es sein, denn solches verschwände hier wie nichts gegen die gigantischen Maße der Natur. Aber dort, an den glatten Felsen des Axensteins, müßten ebenfalls in gigantischen Zügen, daß sie von den Fahrzeugen aus lesbar wären, etwa die Worte geschrieben stehen: „Friedrich Schiller, dem Sänger der schweizerischen Freiheit, zu erhebender Erinnerung die dankbare Schweiz." Der Züricher Bürger reichte mir die Hand und sagte: „Ja, das wäre schön, wäre würdig." Es freute mich, später bei der Jubiläumsfeier Schiller's, die auch in der Schweiz lebhaft begangen wurde, eine gleichartige Aeußerung in den Zeitungen zu lesen; doch blieb es mir unbekannt, ob sie ausgeführt worden. In Altorf telegraphirten wir nach Luzern, um Plätze im Cabriolet des Postwagens zu belegen. Denn der Reisende, der so unglücklich ist, ins Interieur zu kommen, kann wenig von der Gegend sehen, weshalb auch die Sitze im Cabriolet um die Hälfte theurer sind. Aber die Antwort lautete ungünstig; man vermöge nicht, die Bestellung anzunehrnen, weil die Tour schon in Paris beginne und die früheren Paffagiere die einmal eingenommenen Plätze behalten. Aber das Glück war uns noch günstiger. Die Post kam überfüllt an, und wir erhielten deshalb eine Deichaise, eine schöne, offene Kutsche, worin wir in Gesellschaft eines Sizilianers, eines vielgereisten und angenehmen Mannes, Platz nahmen, und darin über den ganzen Gebirgspaß bis nach Arrolo hinunter verblieben. Bis Andermatt hinauf, also das