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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-05-05 · Heft 19 (5.5.1868) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 19 (5.5.1868)
Date
1868-05-05
Page
Seite 384 (sequence 18)
Language
German
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384 Ich habe diesen Blattern Über diese traurige Geschichte nicht mehr viel anzuvertrauen. Wilhelmine war in der That eine vom Sturme geknickte oder vom heißen Sonnenstrahle versengte Blume. Wenige Wochen später konnte sie ihr Lager nicht mehr verlassen. Eine schnell fortschreitende Auszehrung nagte an dem Faden ihres jungen Lebens, daß er wie von selbst auseinanderfiel. Die Theilnahme war allgemein; sie wurde mit Allem umgeben, was ihre Lage erleichtern, ihr Herz erfreuen konnte. Ich war oft bei ihr, denn sie bat mich immer wiederholt um meinen Besuch, und meinte, durch meine Worte einen wahrhaften Trost, eine aufrichtige Stärkung zu erhalten. Sie sagte, nicht daß sie die Glaubenssätze ihrer Kirche, die in ihrer Kindheit ihrer Seele eingepflanzt worden, bezweifle oder bestreite, aber nach dem Beispiele ihres Vaters und ihrer Mutter fühle sie durchaus, daß nur da die Wahrheit sei, wo Lehre und That sich mit einander vereinigen, wo die Lehre nicht ohne die That begriffen und von dieser letzteren allein die Rechtfertigung und die Gnade Gottes abhängig gemacht werde. Nun möge es viele Diener der Religion geben, in welchen sich dieses erhärte; sie aber habe das Beispiel nur in mir vor Augen, und darum töne ihr jedes Wort der Belehrung und Aufrichtung, das sie von mir vernehme, tief in das Herz. Sie starb fast in meinen Armen. Ich schreibe dieses hier nieder, gewiß nicht um mir einen Ruhm daraus zu machen, vielmehr als eine ernste Mahnung an mich, denn ich weiß wohl, wie weit ich dahinter zurückbin, und weil es mir einen Kernpunkt unserer erhabenen Religion zu treffen scheint. Ruft uns doch die Schrift immer zu: Erkenne den Ewigen, deinen Gott, liebe und ehrfürchte ihn mit ganzem Herzen, und wandle in seinen Wegen — dies ist es, was von dir gefordert wird! Also nicht das Erkennen allein, denn das ist kalt und einseitig, nicht die Gefühle allein, denn diese führen zur leeren Schwärmerei und zu Hochmuth, auch nicht die That allein, die erst durch ihren Inhalt und ihre Triebfedern den Werth erhält — sondern die Bereinigung aller drei: Erkenntniß, ehrfurchtsvolle Liebe und That! Aber auch Elkan kam nicht zum Zuchthause. Gleich nach jener Scene im Schwurgerichtssaale erkrankte er auf's heftigste. Das Fieber, das in ihm nur geschlummert, brach mit großer Wuth wieder aus und wurde zu einem typhösen Nervenfieber. Trotz aller Fürsorge machte es in ihm reißende Fortschritte, und ließ bald jede Hoffnung schwinden. In den Stunden, in denen er zum Bewußtsein zurückkehrte, verlangte er dringend nach mir. Ich beeilte mich jedes Mal, zu ihm zu kommen. Eigenthümlich war es, daß er Wilhelminens mit keinem Worte wieder erwähnte und Alles, was sein Verhältniß mit ihr berühren konnte, durchaus vermied. Ich folgte ihm hierin. Aber was ihn immerfort drückte und ängstigte, und worauf er immer wieder zurückkam, war sein gebrochener Schwur, die verletzte Majestät Gottes. Ich habe an seinem Kranken- und Sterbelager Viel gelernt, besonders aber, daß, wo eine Schuld wahrhaft ju büßen, keine künstliche Theorie zu wirken vermöge, sondern nur die einfachste Lehre von der unerschöpflichen Barmherzigkeit Gottes und von der Versöhnung durch die aufrichtige Bereuung unserer Schuld. Diese konnte ich ihm geben, denn sie allein ist der ganze Gedanke unserer Religion. Welch ein anderer Mensch war dieser Elkan geworden, seitdem ich ihn zum ersten Male in dem verfallenen Hause der Vorstadt gesehen. Zwar in den wilden Fieberphantasien, die über ihn kamen, trat ganz der alte stürmische, wild durchwühlte Mensch wieder hervor — aber so wie er zu sich kam, war er die Sanftmuth, die Ergebung, die Demuth selbst. Zn seiner letzten Stunde war ihm ein hoher Frieden und ein ruhiger Blick in das Jenseits beschieden. Das Wenige, das er noch besaß, bestimmte er für wohlthätige Werke. Nur einige Tage, nachdem sich der Grabhügel über Wilhelminen gewölbt, trugen wir Elkan aus dem Gefängniß zum Friedhofe, und übergaben den Sohn landstreicherischer Eltern seiner Ruhestätte.*) vr. L. PH. Eine Episode aus meinem Leben. Bon vr. L. PH. Jetzt, wo das schöne Kaiserreich ein neues Regime, eine wirklich constitutionelle Verfassung, die nicht wieder durch einen Federstrich beseitigt werden könnte, erhalten hat, jetzt, wo auch in Oesterreich durch zum Gesetz gewordene Grundrechte Jedem seine persönliche Freiheit, ob Einheimischer oder Ausländer, gesichert, Jeder , so lauge er kein Gesetz verletzt, vor willkürlichen Unbilden geschützt ist, jetzt, wo die drei anticoncordätlichen Gesetze der Sanction des Kaisers harren, jetzt, wo statt der Bach's und Thun's Männer wie Giskra, Berger, Herbst, Auersperg u. s. w. die höchsten Räthe der Krone sind, jetzt zur Feier dieser großen Umwandlung gestatte ich mir als einen kleinen Beitrag zur richtigen Beurtheilung der Vergangenheit und der Gegenwart des Kaiserstaates, folgende anspruchslose und wahrheitsgetreue Erzählung meinen Lesern vorzulegen. Ich bin kein Freund davon, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Person zu lenken und in den Zeitungen Lärm zu schlagen, sonst würde ich gleich nach dem Vorgänge in den öffentlichen Blättern davon gesprochen haben. Aber wozu sollte es damals dienen? Die großen Staatsveränderungen tre- Red. *> Der Nachdruck ist nicht gestattet.

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