Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 19 (5.5.1868)
- Date
- 1868-05-05
- Page
- Seite 378 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeindevorsteher entsagt, da sie dem Rabbiner sein Gehalt nicht auszahlen konnten, oder wollten, und nicht im Stande waren die von den Gemeindeeinkünften für die hier existirende jüdische Schule bestimmte Summe zu entrichten. Aber das ist die würdige Vollendung noch nicht, die Gemeindeangelegenheiten kamen in noch größere Ordnung als früher, wie wohl man sich zwar eine größere schwer denken kann, und am meisten litten selbstverständlich diejenigen, welche von den Gemeindeeinkünften ihre Existenz fristen. Der hiesige Rabbiner wendete sich daher an den Gouverneur mit der Bitte, eine neue Wahl der Gemeindevorsteher zu veranstalten. Hierbei legte auch der Herr Rabbiner ein Projekt über die künftige Gestaltung des Gemcindevorstandes bei. Aber davon später. Auf Befehl des Gouverneur's luden die frühern Gemeindevorsteher die Mitglieder der nicht existircnden Gemeinde durch die Zeimngen ein, sich in der Synagoge zu einer bestimmten Stunde zu versammeln, um dort die neue Wahl zu veranstalten und über das vom Rabbiner dem Gouverneur eingercichte Projekt zu debattiren. Richtig zur bestimmten Stunde (um 7 Uhr Abends) versammelten sich alle diejenigen, die sich für die Angelegenheiten der Gemeinde intcressiren. Aber die Herren Vorsteher, die die Einladung in die Zeitungen eiurücken ließen, geruhten erst dann zu erscheinen, nachdem man nach beinahe zweistündigem vergebenen Warten zu ihnen einen spcciellen Boten absendete. Endlich, nachdem die Gäste ihre theuren Wirthe zu Gesichl bekommen, wurde die Versammlung eröffnet. Es wurden — nach dem Projekte des Herrn Rabbiners — 3 neue Gemeinde-Vorsteher, die so zu sagen die executivc Macht ausmachen, gewählt, und außerdem eine Control-Comission aus 12 Mitgliedern — je drei von jeden der in Petersburg ansässigen jüdischen Ständen, Soldaten- Handwerker- Kaufmann- und Gelehrten- Staud — eingesetzt. Den gewählten fünfzehn Personen wurde zugleich übertragen neue Statuten für die Gemeindeangelegenhciten und Gcmeindewählen auszuarbeiten, welche sie dann einer Generalversammlung der Gemeinde zur Bestätigung vorzulegen haben. Tags darauf wurde ein von allen Anwesenden unterschriebenes Protokoll dem Gouvernetir zugestellt, und Alles schien froh, daß die Sache nun erledigt ist. Nicht aber war es der Fall mit denen, die früher am Ruder standen. Sich den Anschein gebend als wären sie voller Freude die auf ihnen lastende Bürde von ihrer Schulter zu schütteln, fingen sie an alle Mittel ättzüwendett, damit die neuen Wahlen von dem Gouverneur nicht bestätigt werden sollen. Zu diesem Ende raunte man dem Kanzlei-Chef in's Ohr, daß in Petersburg gar keine Gemeinde existirt, und also auch keine Gemeindewahlen stattfinden können. Dann wurde ihm — im vertraulichsten Tone versteht sich — erzählt, daß die Wahlen ungesetzlich waren, und das alles verrichten diejenigen, die selbst bei den Wahlen Antheil genommen und das Protokoll derselben unterschrieben. Diese lobenswerthe Thätigkeit schreibt man einem der früheren Gemeinde- Vorsteher zu, über welchen man während der Wahlen nicht in's Reine kommen konnte, ob er vom Kaufmannstände — da er während seiner Dienstzeit in jüdischen Angelegenheiten bei einem der Ministerien — durch Ersparnisse versteht sich — sich ein sehr beträchtliches Kapital erworben und jetzt damit Wucher-Geschäfte treibt, oder ob er ein Gelehrter ist, da er den Titel Doctor der Philosophie einer derjenigen deutschen Universitäten trägt, wo die Doctoren schneller als Kuchen gebacken werden, und jetzt nach den Wahlen weiß man nicht, ob er nicht gar auch zu einem dritten Stande — zu dem der Denuncianten — gehört. Nun ist ein Monat verflossen und die Sache schwebt noch immer in Zweifel. Die Jntriguen dauern fort; die Spaltung in der Gemeinde lvird immer größer und das Ende vom Lied ist, daß man sich in den Augen des Gouverneur's compromiitirt, und nicht nur sich selbst, sondern die ganze Judenheit Rußlands. Denn mit Recht kann ein Jeder annehmen, wenn hier, in der Residenz, wo die besten moralischen und materiellen Kräfte versammelt sind, solche Unordnungen, solche Jntriguen nnd Gemeinheiten herrschen, wie sicht es also in der Provinz aus, wo die ebengenannten günstigen Verhältnisse nicht vorhanden sind? Wie oft wird der jüdischen Nation ihr enges Zusammenhalten, ihre Solidarität vorgeworfen. Die Petersburger Juden verdienen wahrhaftig diesen Vorwurf nicht. Es braucht einer von ihnen nur zu behaupten, daß dieser oder jener Gegenstand weiß sei; so wird sich gleich schon einer finden, der ihn durchaus schwarz nennen wird. Man kann von ihnen wirklich sagen: wennzwei zusammenkommen, so werden auch gleich drei verschiedene Meinungen geäußert. Ein jeder lebt für sich getrennt; keine allgemeinen Zusammenkünfte, keine Sammelplätze, wo man das Allgemeine besprechen könnte. Das einzige Verbindungsmittel bildet das' echt