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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-05-05 · Heft 19 (5.5.1868) · p. Seite 377

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 19 (5.5.1868)
Date
1868-05-05
Page
Seite 377 (sequence 11)
Language
German
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377 V. WMttoffctt haben tnt Laufe des vorigen Jahres eine günstige Wendung erhalten. Artikel 3 der norddeutschen Bundesverfassung beseitigte die bisherige Zurücksetzung fremder Glaubensgenossen in Bezug auf Aufenthalt und Aufnahme, mindestens für die norddeutschen Israeliten. Das hiesige Stadtverordneten-Collegium erklärte sich für einen Antrag an die Regierung auf verfassungsmäßige Beseitigung aller in den bürgerlichen und politischen Rechten gesetzlich noch bestehenden Unterschiede und Beschränkungen, welche ans dem religiösen Bekenntnisse beruhen. Der von der Regierung soeben den Kammern vorgelegte Gesetzentwurf, einige Abänderungen der Verfassung betreffend, spricht den Grundsatz aus: der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Glaubensbekenntnisse. Eine der lästigsten Zurücksetzungen: der Judeneid wird demnächst in Folge einer von den Ständekammern im Einverständniß mit der Regierung einstimmig befürworteten Petition des Advocat EmilLehmann durch eine Proceßnovelle mindestens insoweit beseitigt werden, als die Admonition des Rabbiner-Stellvertreters und die Anwesenheit zweier israelitischer Schwurzeugen, sowie der Gebrauch des Chummesch in Zukunft wegfällt." Die Einnahmen der Gemeinde, einschließl. 6280 Thlr. Bestand, waren 13035 Thlr.; die Ausgaben 7461 Thlr., sodaß 5574 Thlr. Bestand blieben. Hiervon ist die Schulkasse getrennt, die 1) für die Elementarschule, einschl. 7845 Thlr. Bestand, 9298 Thlr. einnahm und 1479 Thlr. verausgabte, also 7819 Thlr. Bestand hat, 2) für die Religionsschule 340 Thlr. einnahm und ebesnoviel verausgabte. Die Gemeinde besitzt außerdem 4573 Thlr. zur Erwerbung eines Gemeinde-Schulhauses und 13 Vereine, zum Theil mit bedeutenden Fonds, welche zusammen fast 30000 Thlr. betragen. Neue Stiftungen sind zur Verbesserung der Lehrergehalte und zur Unterstützung von jüdischen Theologie Studierenden gemacht. Die Gemeinde zählte 869 Seelen, worunter 124 stimmberechtigte Gemeindemitglieder. Es fanden 18 Geburten, 26 Sterbefälle und 5 Trauungen statt. Rußland. Petersburg 21. April. «Petersburger Briefe III.) In unseren früheren Briefen haben wir die Art und Weise, wie sich die russischen Regierungs- und Preßorgane gegen die Juden Rußlands benehmen, besprochen. In unserem heutigen. Briefe werden wir so zu sagen die inneren Verhältnisse der in Petersburg ansässigen Juden zu besprechen suchen. Leider aber sind wir auch in dieser Hinsicht nicht im Stande Ihnen etwas Erfreuliches mitzutheilen. Schon die Thatsache, daß in Petersburg, ungeachtet der großen Anzahl jüdischer Einwohner (nach manchen Behauptungen über 10,000), bis jetzt noch keine gesetzliche Gemeinde existirt, spricht an und für sich laut genug. Es sind beinahe schon sechs Jahr verflossen, seit wir in Petersburg einen Gemeinde-Rabbiner haben, aber wo die Gemeinde selbst ist, weiß Niemand. Was ich Ihnen da sage, wird Ihnen wohl sehr fremd Vorkommen, doch stehen die Dinge ganz so, wie ich Ihnen hier erzähle. Es ist ein Weites und Breites darüber zu sagen. Ich weiß nicht, was eigentlich einen Ihrer Correspondenten einige Jahre zurück bewogen hatte, die inneren Verhältnisse der Petersburger Judenheit mit den rosigsten Farben zu schildern und solche Personen zn preisen, die hier fast allgemein als Synonyme der List, Unzuverlässigkeit, Heuchelei und dgl. dienen. Da wir uns nichts Anderes vorstellen können, so wollen wir es der großen, glücklichen Naivität desselben zuschreiben, der vielleicht ein schönes Wörtchen und glänzende Phrase für gute That und redlichen Willen genommen, und also, vielleicht ohne es selbst zu wissen, ein Werkzeug in den Händen einer durchaus nicht lobenswerthen Partei geworden. Und dieser Partei nämlich haben wir es hauptsächlich zu verdanken, daß wir bis jetzt in Petersburg noch keine Gemeinde haben und sie ist es auch, die jetzt zu allen möglichen Mitteln Zuflucht nimmt, um die Gründung und Bestätigung einer solchen zu verhindern. Gewohnt in trübem Wasser zu fischen, wollen diese Herren nichts von einer Ordnung wissen, da eine solche doch zur Aufklärung ihrer frühern Wirthschaft — denn in ihren Händen waren bis jetzt alle materiellen Mittel der Gemeinde — führen könnte, was vielleicht so manches fromme Lamm in einen gierigen Wolf zu verwandeln im Stande sein wird. Ueber 20,000 SRbl. jährlich wurde eingenommen, und wohin und wie sie verausgabt sind, weiß Niemand, denn die Herren fanden, daß es überflüssig wäre, Bücher in Ordnung zu halten, oder überhaupt gar welche zu führen. Und nun — „um würdig zu vollenden" — haben diese Herren ihrem Posten als 19*

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