Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 17 (21.4.1868)
- Date
- 1868-04-21
- Page
- Seite 344 (sequence 22)
- Language
- German
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Alles, und senkte das Haupt nur zerknirscht vor diesem einen Fehl! - „Als ich genesen aus dem Försterhause wanderte, fuhr Elkan fort, hatte ich mir meinen Plan fürdie Zukunft schon entworfen. Er war einfach. Ich hatte so viele Jahre mich mit Maaren abgegeben, die mir nicht gehörten, jetzt wollte ich es versuchen mit solchen, die mein Eigenthum waren. Ich fing einen Hausirhandel an, und bei meiner Rüstigkeit, Gewandtheit und Ausdauer siel er vortheilhaft aus, und ich war in dieser Gegend, welche so weit von größeren Städten entfernt ist, überall willkommen. Ich hatte genügend die besten Quellen kennen gelernt, kaufte Alles baar ein, und verschaffte mir daher einen reichen Gewinn in ehrlicher Weise. Ich fühlte mich wieder unbescholten und begann mich glücklich zu preisen. Aber es war ein Traum, und das Erwachen schrecklich genug. Schon als ich verwundet im Forsthause gelegen, dann als ich von Zeit zu Zeit und immer öfter mit meinem Waarenbündel dort einkehrte, erwachte eine tiefe Zuneigung zu Wilhelminen in mir. Wie sollte dies auch nicht sein? Wer konnte sie sehen, sie hören, ihr Wesen beobachten, ihr Thun und Treiben gewahren, ohne sie zu bewundern, zu lieben? Ich bekämpfte diese aufkeimende Liebe in mir, wußte ich doch, daß sie nur geringe Aussicht hatte, ihre Wünsche erfüllt zu sehen — aber gerade durch diese Anstrengung gewann sie immer mehr Kraft, immer mehr Herrschaft über mich. Indem ich sie bekämpfen wollte, stand das Bild des edlen Mädchens erst recht vor meiner Seele; indem ich sie vergessen wollte, dachte ich erst recht an sie. Da ich diese Qual nicht loswerden konnte und weil Wilhelmine stets so freundlich mit mir war, entschloß ich mich endlich, mit ihrem Vater zu sprechen. Er war erstaunt über mein Bekenntniß, entrüstet, und als ich es abermals mich unterfing, empört; er verwünschte seine Gutherzigkeit, mit der er sich des Verwunderen angenommen, er verbot rnir, sein Haus jemals wieder zu betreten. Desto Höher wuchs meine Leidenschaft; ich machte mir nicht deutlich, daß der Förster vollkommen Recht hatte, daß ein Schmuggler kein Bewerber seines Kindes sei, und daß die Religion einen Graben gezogen, den wir nicht überspringen konnten. Ich glaubte ihn -im Unrecht, ich verwünschte ihn. Ich - umschlich sein Haus, um wenigstens aus einem Versteck die Gestalt der Geliebten zu erblicken. Da traf er mich, und es kam zu einem harten Wortwechsel. Er erklärte mir, träfe er mich noch einmal in der Umgebung der Försterei, würde er seine Hunde auf mich hetzen. Ich blieb ihm die Antwort nicht schuldig, ich fluchte und drohte ihm. So gingen wir aus einander. Ich sah ihn nicht wieder; in derselben Nacht ward er eine Leiche. Aber meine Hand hatte sich nicht an ihn gelegt, und ich weiß noch heute nicht, wie er gestorben. Wenn ich im Buche meines Gedächtnisses blättere, und die Gefühle mustere, die mich damals beherrschten, so, ich will es offen gestehen, durchschlich trotz meines Bedauerns über den Tod des Mannes, mich damals eine heimliche Freude. Ich glaubte, daß das bedeutendste Hinderniß für meine Verbindung mit Wilhelminen damit beseitigt sei. Selbst die Roth, welche über die Familie kam, war mir willkommen : hatte ich doch dadurch Gelegenheit, sie mir zu verpflichten. Aber ich wurde in grausamster Weise enttäuscht, das Mädchen wies mich ab, und als ich, von Leidenschaft verblendet, sie dreist umarmte, stießen mich die Frauen zum Hause hinaus und verschmäheten selbst meine Wohlthaten. So zerwühlt vom Sturme, hatte ich längst mein Geschäft vernachlässigt; meine Gedanken waren nur von dem einen Verlangen beherrscht. Mein Herz bäumte sich auf; ich biß in die Schlinge, welche die Leidenschaft um meinen Nacken geworfen, aber sie zerriß nicht und schnürte sich nur um so enger um meinen Hals. Da warf ich mich wieder in die Schmuggelei. Ich wollte Zerstreuung haben; ich bildete mir ein, der Seele Polles dadurch Trotz zu bieten, ihr so die gute That verleidend, die er an mir geübt. Damals wurde ich mit dem wilden Borcke bekannt, der sich zum Häuptling der Bande gemacht. Anfangs nahm ich keinen thätigen Anrheil; ich diente der Bande nur als Spürhund und Spion. Später that ich es doch zwei — drei Mal. Endlich machte ich noch einen Versuch bei der Wittwe Poll, aber sie wies mich in beleidigendster Weise ab. Was darauf geschah, wie ich Tage lang in der Irre umherlief und endlich in das Fieber siel, wie mir andere Gedanken kamen und ich Sie zu mir kommen ließ. Sie wissen es. Aber ich hatte falsch gerechnet. Ihre Güte machte die beiden Frauen unabhängig von mir; Sie gerade schnitten den letzten Faden ab, der mich mit jenen verknüpfen konnte. Ich schäumte vor Wuth; ich sah, daß nur die Gewalt mich zuw Ziele führen konnte; ich scheute vor ihr nicht zurück; ich hatte gerade nur so viel Besonnenheit, um einen Plan auszusinnen. Aber wie immer die Schlechtigkeit zuletzt sich selbst vernichtet, hat das Uebermaß der Vorsicht mich zn Grunde gerichtet, und meine Verrätherei vergalt mir mit Verrath. Da bin ich nun . . ." Eine längere Pause trat ein. Meine Gedanken waren in das düstere Gemälde versunken, das soeben vor mir aufgerollt worden. Dem Manne mochte es wohl selbst so ergehen; wird dem Menschen doch erst selbst ganz klar, was er einem Anderen mit Worten auszudrücken sucht. In der That war hier Schicksal und Schuld so mit einander verflochten, daß es dem sterblichen Auge schwer wird, die Scheidelinie der Ursächlichkeit aufzufinden, und zu sagen: hier beginnt die Schuld, und das Schicksal hätte bekämpft und überwunden werden müssen. Es war eine Stimmung der Verzagtheit über mich gekommen, wo es heimlich in mir flüsterte: hättest du diese Prüfungen bestanden? bist du gewiß, daß du ein Anderer geworden, und anders gehandelt? und doch willst du urtheilen und verdammen? ... Es kam über mich der Gedanke: also läßt es der Herr bereiten, um dem Menschen zu zeigen, du vermagst nimmer