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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-04-21 · Heft 17 (21.4.1868) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 17 (21.4.1868)
Date
1868-04-21
Page
Seite 343 (sequence 21)
Language
German
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Zeitung des Zudeuthums. Feuilleton-Leilage M Nr. 17. Leipzig, den 21. April 1868. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. Zweite Erzählung (Fortsetzung.) Elkan hatte in seiner Erzählung innegehalten und bei seinen letzten Worten einen Blick auf mich geworfen, als wenn er die Wirkung derselben auf mich erkennen wollte. Gerade dieser Theil seines Lebens war mir ja aber nicht unbekannt, und da ich ruhig und aufmerksam geblieben, fuhr er in seiner Erzählung fort: „Nun, Herr, ich will diesen eigentümlichen Erwerbszweig, der den Reiz der Gefahr und der List mit dem bedeutenden Gewinns verbindet, nicht vertheidigen. Aber was und wer sollte mich davon zurückhalten? Wenn ich in der Nacht im Walde lag, und der Wind zog rauschend durch das Gezweig der Buchen oder klirrend durch die Gipfel der Föhren, und der Mond goß sein Licht durch den Wald, und meiner Seele gingen die Bilder der Vergangenheit vorüber; welches von diesen sollte mir zurufen: halt ein, du gehst irre!? Etwa meine landstreicherischen Eltern, die mich auf der Straße stehen ließen, und von denen ich noch kaum eine Vorstellung hatte? oder das keifende Weib des gutherzigen, aber schwachen Moses? oder der Pferdehändler mit der Hetzpeitsche? oder der tückische Großhändler, der den armen Markthelfer um seinen Lohn betrog? Und was hatte ich von unserer Religion erfahren? Ich war unwissend darin geblieben, denn die Paar Lehrstunden in der Kindheit waren längst verwischt, und sonst hatte ich nichts weiter gesehen und erfahren, als daß die Leute streng auf das kleinste Gesetz hielten, was diesen und jenen aber nicht abhält, gegen die zehn Gebote zu handeln. Jetzt soll es anders sein, sagte mir Einer, und die Jugend sorgfältig unterrichtet und in den Synagogen schöne Reden gehalten werden. Ich hatte leider keine Gelegenheit, davon zu prositiren. Dennoch stand Eines in meiner Seele unerschütterlich fest: „Du sollst nicht tödten!" Ich nahm mir fest vor, alle Mittel der List zu verwenden, um mein Handwerk vortheilhaft auszuüben, aber die Waffen gegen keinen lebenden Menschen zu führen, selbst nicht, um mich zu vertheidigen; lieber wollte ich sterben — denn ich fühlte, hier wäre die Grenzlinie, überschritte ich diese, sänk' ich in einen bodenlosen Abgrund. Glauben Sie, es gehört oft ungleich mehr Muth dazu, sich den Händen seiner Gegner ohne Kampf zu ergeben, als mit den Waffen darauf loszustürmen, noch dazu, wenn man die Mehrzahl auf seiner Seite hat. Und ich habe es gehalten, gehalten trotz aller Anklagen und trotz aller scheinbaren Beweise! Aber das Schicksal scheint mich vernichten zu wollen — sein Wille geschehe . . ." „Nun, es ging Jahre lang, und der Vortheil blieb nicht aus. Meine Genossen verjubelten, was sie gewonnen, und nur ein geringer Theil kam ihren Familien zugute. Ich dachte an die Zukunft und daß dieses Leben einmal aufhören würde und müßte. Doch Sie wiffen schon was geschah. Eines Nachts wurde eine kleine Streifpartei von uns durch Grenzwächter überrascht. Wir liefen auseinander; in meinem Versteck erhielt ich einen Schuß; einige Stunden später traf mich der Förster Poll. Sie wissen, wie er mich ausgenommen, versteckt und gepflegt hat. Seit ven Jahren vor dem Tode meiner Wohlthäterin, der Frau Moses, hatte ich unter einem solchen Dache nicht geweilt, wo die reinste Herzensgüte, die uneigennützigste Menschenliebe, wo Recht und Frieden so ihren Wohnplatz aufgeschlagen. Und gerade hier sollte mein wirkliches Elend beginnen, gerade hier sollte ich unglücklich werden . . . Sie wissen, daß mir der Förster das Gelöbniß bei Gott abnahm, nie wieder mit dem Schmuggel mich zu befassen. Hier liegt die Sünde, die mich drückt, die Schuld, deren Gedanken ich nicht loswerden kann. Ich wollte sie Ihnen damals bekennen, als Sie mich in meiner Krankheit besuchten. Wäre es doch geschehen — vielleicht wäre es anders gekommen. Ich habe diesen Schwur eine Zeit lang gehalten und ihn dann . doch gebrochen . . . Gott sei meiner Seele gnädig!" Der Mann ließ den Kopf tiefer auf seine Brust sinken, seine geballten Hände ruhten auf seinem Herzen und der Schatten tiefster Traurigkeit war über ihn gebreitet. Welch ein Wirrsal ist das Bewußtsein des Menschen und wie vielgestaltig das Gewissen, das in der Brust des Menschen arbeitet! So Vieles lastete auf der Seele dieses Mannes — und doch fühlte er sich gerechtfertigt für

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