Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-04-21 · Heft 17 (21.4.1868) · p. Seite 326

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 17 (21.4.1868)
Date
1868-04-21
Page
Seite 326 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226635-3226653--25992-3261513
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dorther!. Wie? ziehen diese Herren einen Zustand vor, in welchem ein Land in seinen eigenen Producten erstickt, seine Production dadurch gänzlich lahm legt, nichts ausführt und dafür seine große Einfuhr mit seinem baaren Gelde bezahlt? Dulden doch die Rumänen nicht, daß die Juden Grund und Boden besitzen oder nur pachten, wem kommt also der höhere Preis der Produkte zugute? wem der seit vier Jahrzehenden außerordentlich gestiegene Hauszins? Doch wir vergessen, daß die Unterzeichneten Deputirten wohl meist Leute sind, welche augenblicklich von ihren Kammerdiäten leben, also von dem sich steigernden Volkswohlstände keinen direkten Nutzen haben. Es versteht sich von selbst, daß die Motive weiterhin die Moralität der Juden angreifen und sie nach allen Seiten hin als verderbt und verbrecherisch hinstellen. . Nun, hier begeben sich die Herren geradezu auf das Glatteis. Befragt doch alle Reisenden, welche einen längeren oder kürzeren Aufenthalt in den Donaufürstenthümern genommen, und Ihr werdet über die Moralität, über die sittlichen Zustände in diesen Ländern ein Lied singen hören, das herzzerreißend in die Ohren jedes Menschenfreundes klingt. Wie? wenn es wahr wäre, daß die rumänischen Kaufleute und Handwerker von den jüdischen überflügelt worden seien: woher wäre dies gekommen? Waren jene nicht frei und diese gebunden? oder umgekehrt? Es hätte nur kommen können durch die Unthätigkeit und die Liederlichkeit der rumänischen Kaufleute und Handwerker. Mögen doch diese Deputirtendie Listen der Fallimente und besomers der fraudulosen Fallimente nachschlagen — sie werden sehen, auf welcher Seite die selbst nur verhältnißmäßig größere Zahl steht; ja, sie werden finden, daß die meisten vorgekommenen Fallimente von Juden nur durch die allzu häufigen Fallimente der anderen Seite verursacht worden. Ihr sprechet von Sittlichkeit — gehet doch in die Familien und sehet zu, ob das jüdische Weib der Prostitution ergeben ist, ob die Juden an Sabbath und Festtagen die Schenken füllen, ob die Juden die Straf- und Zuchthäuser bevölkern, und zwar mit Individuen, die Mord, Raub und Diebstahl zu ihrem Gewerbe machen. Gehet doch in die Magistraturen, in die hohen und niederen Staatsämter, von denen doch die Juden vollständig ausgeschlossen waren und sind, wer sind die großen und kleinen Diebe, welche das Mark des Volkes ausgesogen? Würdet Ihr einen Funken von Gewissenhaftigkeit noch in Euren Seelen haben, Ihr würdet Euch vor Euch selbst schämen, derartige Beschuldigungen in die Welt zu schleudern und dadurch die Welt nur um so mehr an Eure eigenen Sünden zu erinnern. Doch in der That ist es eine verlorene Mühe, mit Euch rechten zu wollen: nicht mit Ernst, nur mit Spott muß man Euch begegnen, denn Eure Anklageschrift ist nichts als eine Ironie auf Euch selbst! Es versteht sich, daß Alles, was wir oben gesagt, sich auf genaue, von uns eingezogene Erkundigungen und unwiderlegliche Daten stützt. Wer sich übrigens über den Stand der Dinge aufklären will, der verschaffe sich die Broschüre: La question des Israöliles, trailee par devant la cour d’appel de Jassy, seclion lli&nie ä faudience publique du 6./18. Juin 1867. Jassy 1867. Tipografia societalii junimea. (In französischer und rumänischer Sprache.) Hier kann der Leser die glänzendste Rechtfertigung der Juden aus dem Munde der christlichen Vertheidiger, gesprochen vor dem Appelhofe zu Jassy, und aus dem Munde des Gerichtshofes selbst, der die Angeklagten freisprach, vernehmen. Es waren nämlich drei jüdische Handwerkslehrlinge, ein Böttcher, ein Schneider und ein Schuster, als „Vagabonden" angeklagt, weil sie — zwar bei ihren Lehrherren arbeiteten — aber kein Vermögen aufweisen konnten! — Wir haben leider abermals von einem rumänischen Raubzuge zu berichten und thun dies am besten mit den Worten der „Neuen freien Presse" vom 8. April: „Die auf Täuschung der öffentlichen Meinung des Occidents berechneten Comödien der Bukarester Staatsmänner nehmen immer wieder neue, stets noch wunderlichere Formen an als früher. So wurde den Pariser Blättern die bekannte Interpellations-Beantwortung von Seite Bratiano's wegen der Nationalgarde in Jassy telegraphisch in ganz anderer Weise mitgetheilt als uns. Bratiano habe das Judengesetz als den nationalen Traditionen zuwiderlaufend, bezeichnet und gesagt, dasselbe sei der Barbareien des Mittelalters würdig und müsse die Mißbilligung des Menschengeschlechtes wachrufeu. Die Kammer habe mit 96 gegen 12 Stimmen mit diesen Ansichten des Ministers und seiner Erklärung, „daß er als Rumäne und als Minister gegen jede Solidarität mit jenem Gesetzentwürfe sich verwahren müsse", sich einverstanden erklärt. Wenn eine solche Majorität wirklich den Gesetzentwurf perhorrescirt, warum beeilt sie sich nicht, demselben regelrecht den Garaus zu machen, warum steht derselbe noch immer auf der Tagesordnung? Dieselbe Frage stellen wir auch angesichts einer beschwichtigenden, Alles ableugneri-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.