Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1868)
- Date
- 1868-04-14
- Page
- Seite 321 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226635-3226652--25986-3261506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wüster Mann, der aber möglichst streng auf die Gesetze unserer Religion hielt, mich bereitwillig unter die Pferdejungen aufnahm. Aus meinem Leben in der nächsten Zeit habe ich nichts zu berichten. Ich blieb über sechs Jahre bei dem Manne und stieg vom Pferdejungen allmälig zum ersten Bereiter. Das Leben, das ich führte, können Sie sich denken. Man hat nur mit Thieren und rohen Menschen zu thun, welche beide man nur mit derselben Rohheit beherrschen kann. Dabei ist der Pferdehandel voller List und Trug, und es ist kein Glied in diesem ganzen-Geschäfte, das nicht die anderen zu übervortheilen sich alle Mühe giebt, ja dazu gezwungen ist, wenn man nicht selbst das Opfer werden will. Mein Herr faßte ein volles Vertrauen zu mir, das ihn jedoch nicht abhielt, sehr mißtrauisch auch gegen mich zu sein, und mir nicht den geringsten Vortheil einzuräumen, den er nicht wußte. Uebrigens konnte man bei dem aufreibenden Leben, und da man beständig unterwegs war, nichts erübrigen, und ich wurde das Metier herzlich überdrüssig. Als ich das 18. Lebensjahr hinter mir hatte, erhielt ich von meinem Herrn den Auftrag, nach Mecklenburg zu gehen und eine Koppel Pferde von dort zu holen. Ich war mit diesen auf dem Heimwege, als ich eines Tages gegen Abend von einem furchtbaren Gewitter mit Platzregen überrascht wurde. Ich und meine Leute hatten genug zu thun, um die vom rollenden Donner und zischenden Blitzen aufgeschreckten Pferde zusammen zu halten, Und alle Decken, in die wir sie hüllten, und die sie alle Augenblicke abwarfen, vermochten es nicht zu verhindern, daß sie vollständig durchnäßt wurden. Wir, die Menschen, wurden es auch; danach wird aber weniger gefragt, als nach den Pferden. Ich war daher sehr froh, als wir in einem Dorfe am Wege ankamen, wo wir sonst freilich keine Station hielten. Der Himmel hatte sich so überzogen und der Regen drohte, die ganze Nacht niederzuströmen, daß ich gar nicht zweifelhaft sein konnte, hier bleiben und meine Pferde einstellen zu müssen. Es wunderte mich zwar, den geräumigen Stall im Wirthshause ganz leer zu finden, aber die Leute sagten, sie hätten einen guten Verkauf mit ihren Thieren gemacht. Am andern Tage schon konnten wir wahrnehmen, daß die Pferde sehr gelitten hatten. Wir schoben dies auf das Unwetter, das uns betroffen hatte, und waren froh, den Tag darauf in der Heimath anzulangen. In der Nacht brach es aber unter den Pferden aus; sie hatten sämmtlich die Rotzkrankheit, und es war offenbar, daß in dem Stalle in jenem Dorfe Pferde gestanden haben mußten, welche an dieser Krankheit gelitten. Man durfte keinen Augenblick anstehen, sie mußten alle gestochen werden, sollte nicht noch größeres Unglück entstehen. So wehe mir dies that, mußte ich mich doch von aller Schuld freisprechen. Am Morgen stand ich auf dem Hofe und putzte am Riemenzeuge, als mein Herr, vor Wuth schäumend, mit einer großen Hetzpeitsche bewaffnet, auf mich losstürzte, und mit dem Rufe: „Schurke, Hallunke, Du hast mich halb ruinirt, ich will es Dir vergelten!" auf mich losschlagen wollte. Entrüstet ergriff ich eine Holzstange, die neben mir lag, und indem ich erwiderte: „Ich habe keine Schuld, verklagen Sie mich, aber rühren Sie mich nicht an, sonst schlage ich ebenfalls zu!" hob ich die schwere Stange gegen ihn auf. Es wäre gewiß zu einem harten Kampfe gekommen, hätten sich die Leute nicht zwischen uns geworfen. „Werft den Hund zürn Hofe hinaus!" schrie der Herr, und das thaten sie auch. Man warf mich hinaus, meine Sachen hinterdrein, und so war ich abermals auf die Landstraße gesetzt, die meine eigentliche Heimath zu sein schien. Dieser Gedanke, keinen anderen Ort zu haben, wohin ich gehörte, wühlte in meinem Herzen, und ich fluchte allen übrigen Menschen, die ein Vaterhaus, und sei es die armseligste Hütte, besaßen. Jeder Baum, jeder Strauch hat seine Wurzel in einem Stückchen Erde und kann dies sein nennen; jedes Thier sein Nest, auch der flüchtigste Vogel — aber ich? ... Doch das half nichts, ich mußte auf ein Unterkommen denken; bei den Pferden wollte ich nicht bleiben." „Wir hatten mehrere Male mit einen: Glaubensgenossen zu thun gehabt, der ein großes Geschäft mit englischen Maaren trieb. Wir hatten an ihn Kutsch- und Lastwagenpferde verkauft. Er war ein freundlicher und freigebiger Mann. Dieser kam mir in den Sinn, und da er die Messen zum Ein- und Verkauf bezog, wollte ich mich bei ihn: als, was man einen Markthelfer nennt, verdingen." „Auch hier fand ich meinen Platz. Auch hier führten wir ein beständiges Wanderleben. Es ging von Messe zu Messe, zum Ein- und zum Verkauf. Ich hatte die Maaren ein- und auszupacken, sie auszulegen, zu bewachen und dergleichen mehr. Mein Herr war mit mir zufrieden, und ich mich ihm. Ich erwarb mir bald eine gute Waarenkenntniß, und da ich auch mit Schreiben und Rechnen Bescheid wußte, schmeichelte ich mir, dereinst Commis und wer weiß was sonst noch zu werden. Aber die Dinge nahmen einen anderen und schnelleren Verlauf. Das Geschick war mir einmal nicht günstig. Nach drei Jahren machte mein Herr Bankerot, und zwar so gründlich, daß er das Geschäft einstellen und uns entlassen mußte. Ich hatte meinen Lohn bei ihm stehen lassen, da ich meine kleinen Bedürfnisse von meinen Trinkgeldern bestreiten konnte. Auch der war nun fort, und ich erhielt mit Mühe ein paar Thaler, um nicht sofortigem Mangel ansgesetzt zu sein. Ich war grimmiger hierüber, als ich selbst bei der Behandlung des Pferdehändlers gewesen, denn dieser hatte doch wenigstens eine Ursache seines Zornes gehabt. Hier hielt ich mich für böswillig betrogen, denn der Mann hätte doch vorher wenigstens seine Diener absinden müssen. Da lieh ich denn auch willig der Verführung mein Ohr. In dem benachbarten Fürstenthum hatte sich eine Schmugglerbande gebildet, hatte sich der Schmuggel ordentlich organisirt. Ich war mit der Sache nicht un- * -