Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1868)
- Date
- 1868-04-14
- Page
- Seite 320 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahre alt; wieder war es'Winter geworden und eine dichte Schneedecke lag auf den Straßen und Dächern. Ich bekam den Gedanken, meinen Kameraden aufzulauern und sie beim Vorübergehen mit Schneebällen zu werfen und mit Schnee zu überschütten. Ich begab mich auf den Speicher an ein Dachfenster, das dicht über der Straße ausging, und siehe, eben lenkte ein Trupp Knaben um die Ecke und mußte vor unserem Hause vorbeipassiren. So weit ich mit den Händen hinausreichte, häufte ich den Schnee zusammen, und als die Knaben das Haus erreicht hatten und ohne etwas zu ahnen vorübergingen, stieß ich mit aller Macht den Schnee hinunter auf ihre Köpfe. Die Knaben sprangen erschrocken und mit Schnee bedeckt auseinander. Aber ich mußte bei dieser Operation viel Ziegeln mit ausgehoben und hinuntergescharrt haben, denn es prasselte und klirrte wie ein Steinregen auf die vom Schnee gereinigten Platten vor der Hausthür nieder. In diesem Augenblicke hatte sich die Hausthüre geöffnet und meine Pflegemutter wollte zu einem Gange hinaustreten. Die Ziegeln fielen wie Hagel dicht vor ihr nieder, als ob das ganze Dach hinunterstürze. Ein jäher Schreck kam über sie, sie schrie und wankte und brach zusammen. Ein lautes Jammergeschrei erhob sich alsbald im Hause, man trug sie herein, brachte sie zu Bette, holte Aerzte; mit vieler Mühe wurde sie aus ihrer Ohnmacht geweckt, aber der Schlag hatte sie. getroffen und einige Stunden später gab sie ihren Geist auf. Ich war außer mir, warf mich auf die Erde, schrie, schlug mit Händen und Füßen um mich, wollte nichts zu mir nehmen, sondern auch sterben. Anfangs wollten alle Menschen über mich her, man wollte mich prügeln und zum Hause hinauswerfen, mich zur Stadt hinausjagen. Aber mein Zustand jammerte sie endlich doch und der unglückliche Moses in seiner unerschöpflichen Herzensgüte hielt seine Hände schützend über mich, und wollte mich nicht fortlassen, wo ich in den öden, beeisten Fluren doch nur umkommen müßte. Ich blieb da, aber das Haus war in tiefe Trauer versunken, und ich selbst schlich leise und unglücklich umher." „Mein Pflegevater mit seinem liebebedürftigen Herzen konnte, als die Zeit erst seinen Schmerz gemildert hatte, diese Einsamkeit nicht ertragen, nahm eine Verwandle, eine alte Jungfer, in's Haus, und heirathete sie nach Jahresfrist. Welch ein Unterschied in meiner Behandlung vor und nach der Hochzeit! Da sie wußte, daß das Herz des Mannes auch an mir hing, schmeichelte sie mir vorher in aller Weise, wußte mein Lob nicht genug zu singen und überhäufte mich mit-Gaben und Geschenken. Nachdem sie aber in die vollen Rechte der Hausherrin eingetreten, änderte sich dies rasch. Was ich that, war nicht recht; Alles war Unart an mir, und da ich ihr Stoff zum Tadel genug bot, ergoß sich bald ein unaufhörlicher Strom von Schelt- und Schimpfworten über mich, dem sich auch bald Püffe und Schläge in Menge beigesellten. Endlich, unter dem Vorwände, einen solchen ungehobelten Landstreicher nicht an ihrem Tische sehen zu können, verbannte sie mich in die Küche und schlug mein Nachtlager in dem Winkel einer verfallenen Dachkammer auf, in welcher Regen und Schnee, Wind und jämmerlicher Frost oft genug mein schlechtes Lager aufsuchten. Der alte Moses trug selbst schwer an dem Jocke, das er sich aufgebürdet, und das abzuschütteln und sich als Herrn des Hauses zu erweisen er nicht Willenskraft genug besaß. Er bewahrte mir seine Liebe, und hatte das Weib nur den Rücken gewandt, so überhäufte er mich mit Schmeichelworten, schenkte mir Leckerbisien und Geld, und weinte auch wohl mit mir über unser Geschick. Hierdurch wurde ich in dem Gefühle, daß mir Unrecht geschehe, nur bestärkt, zu Allem glaubte ich ein gutes Recht zu haben, knirschte und tobte in mich hinein, und sann auf Rache. Ich spielte daher meiner Verfolgerin recht böse Knabenstreiche, verdarb ihr ihre Blumen und Vorräthe, schlitzte ihr die -Kleider auf und dergleichen mehr. Ich war gar nicht darauf bedacht, ihr den Thäter zu verheimlichen, sondern war noch stolz auf meine Heldenstücke. Dies gab denn immer neue Veranlassung zu Spektakel und groben Züchtigungen, gegen welche mein ergrimmtes Herz sich um so mehr auflehnte. Zwei Jahre hielt ich dies aus, bis ich des Lebens überdrüssig ward und mir einbildete, einen Hauptstreich gegen meine Feindin auszuführen, wenn ich davonliefe. Ich dachte mir, mein Pflegevater würde in unbegrenzte Trauer und endlich in Wuth ausbrechen, und da würde er sich endlich aufraffen und meiner Peinigerin den Garaus machen. Wahrscheinlich irrte ich mich darin gänzlich, und der alte Moses war, als ich fort war, gewiß zufrieden, einen Gegenstand des Haders weniger im Hause zu haben. Der zwölfjährige Knabe hatte bald einen Plan entworfen, und, da ihm Niemand hinderlich darin war, auch ausgeführt. Eines schönen Morgens stand ich früh auf, packte meine Siebensachen in ein Bündel zusammen, stieg über den Gartenzaun und kam bald auf die Heerstraße. Da Alles im Hause noch schlief, bemerkte mich Niemand." „Wohin ich wollte, war mir wohl bekannt. Bisweilen passirte ein Pferdehändler mit seinen in Holstein eingekauften Pferden unser Städtchen, und hielt in dem unserer Wohnung benachbarten Wirthshause Rast. Dann gab es in der Nachbarschaft großes Leben. Die schönen, noch ungeschulten, daher wilden Pferde, die Knechte und Pferdejungen, das Anfahren von Futtervorräthen, das Reiten in die Schwemme und was Alles hierbei vorfiel, reizte die umwohnende Jugend und beschäftigte sie lebhaft. Mich hatte dieses Treiben immer besonders angezogen. Ich war den Knechten, wie ich es vermochte, zur Hand gegangen, und stolz darauf, wenn sie mich zu einem Dienste verwandten. Ich wußte, wo der Pferdehändler wohnte, und dahin richtete ich meinen Weg. Die Wanderung mag ohne große Schwierigkeiten vor sich gegangen sein, denn ich weiß nichts weiter davon, als daß ich glücklich ankam und der Pferdehändler, ein