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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-04-14 · Heft 16 (14.4.1868) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 16 (14.4.1868)
Date
1868-04-14
Page
Seite 319 (sequence 17)
Language
German
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lg und;ungsvaß es l tiefste rhalten Zeitung des Indcnthums. Gumindem : traut. Es e Cor- >emacht wahre er die daß in Ätzung >i/Pr. >ert. in 24 nit Letvohn-;egen-;rg. »tag chft;flniLcht chüch e Nu?Lrt rer her». littst Feuilleton-Leiiage M Nr. 16. Leipzig, den 14. April 1868. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers Zweite Erzählung (Fortsetzung.) „Es mag vielen Menschen so gehen, daß sie, was ihnen später erzählt worden, mit den Erinnerungen aus ihrer frühesten Kindheit verwechseln, und sich einbilden, daß ihr Gedächtniß ihnen das Bild von Scenen aufbewahrt habe, die sie erlebt, während sich ihre Seele diese aus Berichten zusammenstellt, die man ihnen später über ihre Kindheit gegeben. Wie dem aber auch sei, aus den ersten Jahren meines Lebens steigen mir Vorstellungen herauf, die einem herumschweifenden Leben angehören. Vater und Mutter waren polnische Juden, die nach Deutschland auf den Bettel gegangen und sich so von einer Gegend zur andern umhertrieben. Nun waren aber Jahre des Mißwachses eingetreten; Noch, Elend und Krankheit herrschten überall, und, wissen Sie, es ist nicht wahr, daß die eigene Noth das Herz des Menschen aufschließt und es, um so zugänglicher macht für den Jammer seiner Mitmenschen. Im Gegentheil, unter dem Drucke der Sorge und des Mangels schrumpft das Herz des Menschen nur um so mehr zusammen, und weist unwilliger Andere von sich ab. Da mußte es meinen Eltern auf ihren Wanderungen sehr schlimm ergangen sein, und das vierjährige Kuäbchen an ihrer Seite, in Lumpen gehüllt, viel Frost und Hunger ausgestanden haben. Denn meine erste Lebenszeit erscheint mir nur als ein schauriges Dunkel, worin Kälte, Hunger und Ermattung meine Schritte begleiteten, mich plagten und mir Thränen aus den Kinderaugen erpreßten. Es versteht sich, daß sie mich zum Bettel anhielten, und mein kindliches Jammern benutzten, wo das ihrige erfolglos geblieben. Sie mögen mir oft genug ein Stück Brod versagt haben, damit meine Klage um so natürlicher sei, und ich glaube mich zu erinnern, wie sie, wenn ich aus einem Hause wohlbeladen mit kleinen Gaben herauskam, über mich herfielen und sie mir entrissen." „Als ich ungefähr vier Jahre alt war, waren wir in das Städtchen R. gekommen, und meine Eltern schickten mich in der Hauptstraße in ein stattliches Haus hinein, um zu betteln. Es war von einem wohlhabenden, gutherzigen Mann im mittleren Alter bewohnt mit seiner Frau, die nicht minder sanftmüthig und liebevoll war. Sie erbarmten sich des halb erstarrten und fast verschmachteten Kindes — es war Winterszeit und ein starker Frost hatte schon wochenlang angehalten — führten mich in ein wohldnrchwärmtes Zimmer, bekleideten mich mit Dingen, die sie vorfanden, und gaben mir zu essen und zu trinken. Sie plauderten mit mir und fragten mir meine traurige Geschichte ab. Meine offenen Antworten, wie sie mein frühreifer Verstand mir eingab — denn die Noch ist ein Schmied, der das Eisen des Verstandes mit seinem furchtbaren Hammer frühzeitig weich und gerade schlägt — mußten ihnen gefallen, denn sie hörten mir theilnehmend zu. So mochte wohl eine halbe Stunde vergangen sein. Sie geleiteten mich selbst zur Thüre des Hauses, aber — meine Eltern waren verschwunden. Ich schrie und weinte, und man schickte Jemanden mit mir Straßen auf und ab, aber meine Eltern waren nicht zu finden. Wahrscheinlich hatten sie sich meiner in guter Weise entledigen wollen, und das war nicht das Schlimmste, was sie mir gethan. Da nun der Bürgermeister mich in das Landarbeitshaus abliefern, der Gemeindevorsteher in das Heldisch bringen wollte, ein verfallenes Häuschen am Eingänge des Friedhofes, wo bei dem grimmigen Todtengräber ein paar blödsinnige Menschen in trauriger Vernachlässigung lebten und die durchwandernden Bettler übernachteten: so willigte Herr Moses nicht ein und behielt nach kurzer Besprechung mit seiner Frau mich bei sich in seinem Hause. Von meinen Eltern hörte ich nie wieder etwas." „Es ging nsir sehr gut; ich wurde wie ein Kind des Hauses gehalten. Später wurde ich in die Schule geschickt, wo ich sehr schnell lesen und schreiben in deutscher und hebräischer Sprache, und andere Dinge lernte. Man rühmte meine Fortschritte, und sah mir darum die ungewöhnliche Wildheit nach, die sich bei mir entwickelte und in der ich es allen Rangen des Ortes gleich that. Meine Pflegeeltern waren über meine Gelehrsamkeit glücklich, und verhätschelten mich um so mehr. Ach, es waren die einzigen glücklichen Jahre meines Lebens. Aber sie sollten nicht lange währen. Ich war neun

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