Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 16 (14.4.1868)
- Date
- 1868-04-14
- Page
- Seite 312 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Stavtraths-Abtheilung für jüdische Angelegenheiten, welcher das Gemeindestatut vom Jahre 1868 die Leitung und Verwaltung der Cultusgemeinde überträgt, bei Organisirung von Gemeinde und Schule die Fortschritts-Idee zur Geltung zu bringen. Ihr erster Schritt auf dieser Bahn war die Anstellung eines wissenschaftlich gebildeten Seelsorgers und Predigers im Gegensätze zu den meistentheils unwissenden und culturfeindlichen Rabbinern und Wundermännern. Die lichtscheuen Elemente in der hiesigen Gemeinde schrecken vor dem wohlthätigen Einflüsse der Civilisation, den ein gebildeter Prediger nothwendig ausüben muß, zurück und sind nun bestrebt, die Anstellung des neuen Predigers durch leidige Competenz-Fragen bei der Behörde streitig zu machen. Wie einst die ihnen geistesverwandten galizischen Bauern bei Einführung der Gemeinde-Ordnung, mißtrauen sie sogar der Landesbehörde und trachten den Streitfall vor das Forum des Culmsministeriums zu bringen, wo sie darüber Beschwerde führen, daß der Prediger auch polnisch predigt. Wie wir vernehmen, sollen dieser Tage die betreffenden Actcnstücke von der Statthalterei dem Ministerium für Cultus und Unterricht zur endgiltigen Entscheidung vorgelegt werden, wo man hoffentlich die Ueberzeugung gewinnen wird, daß es hier kein Sprachenkampf ist, wie es die orthodoxe Partei gern glauben machen möchte, sondern ein Kampf gegen jede Sprache und Bildung überhaupt, ein Kampf der Reaction mit der Freiheit, ein Kampf der Unwissenheit mit der Bildung -und Cultur. (Man sieht leicht auch hier heraus, daß die stabile Partei darauf ausgeht, diejenigen in jeder Bewegung, in jeder Befriedigung ihres religiösen Bedürfnisses zu fesseln, welche ihr nicht angehören. Zwang und Druck sollen die Ueberzeugung ersetzen. Die traurigen Folgen ihrer Herrschaft sind dann stets: Jndifferentismus, religiöse Erschlaffung und Weiteres.) Wir haben hier noch Folgendes vom 5. März nachzutragen: Wir meldeten bereits, daß der Vorsteher des israelitischen Tempels in Krakau, Herr Rapoport, sich im Aufträge seiner Gesinnungsgenossen nach Wien begab, um den Schutz der Regierung gegen die reaktionären Bestrebungen eines Theiles der Krakauer Judenge.meinde zu erbitten. Dr. Jellinek und Herr Rapoport begaben sich nun heute zum Cultusminister, Um die Petition der Krakauer FortschrittSparei zu überreichen und den Standpunkt klärzulrgen, von dem aus die Theilung der religiösen Vertretung einer Gemeinde zwischen Rabbiner und Prediger gerechtfertigt erscheint. Gerade die Ernennung eines Predigers reizte die Orthodoxen bekanntlich zur Opposition. Herr v. Hasner erwiedertc die Ansprache Mit folgenden Worten: „Seien Sie überzeugt, daß ich freudig im Geiste der Zeit und des Fortschritts Ihre Angelegenheit entscheiden werde, falls ihr keine gesetzlichen Hindernisse im Wege stehen. Es ist mir übrigens bekannt, daß es auch in der Mitte der Judenheit Starre und Zurückgebliebene gibt, welche der Strömung der Zeit und der freien Regung des Geistes feindlich gesinnt sind." Belgien. Brüssel, 11. März (Privatmitth.) Seit der Zeit daß Herr A. Astruc, unser neuer Großrabbiner, in hiesiger Gemeinde wirkt, bekundet sich ein regeres Leben in ihr; der lethargische Zustand hat aufgehört, die Pulsationen gehen schneller, man sollte glauben, die Gemeinde erhebe sich von einem krankhaften Zustande. Und so ist es auch. Gar viele Kräfte des Gemeindekörpers, das große Contingent der Indifferenten, die lange Zeit verloren waren, sind wieder gewonnen worden; die jünger» Theile des Organismus, die sich ans Mangel an kräftiger, geistiger Nahrung entfernt hielten oder nur schwache Anhaltspunkte mit ihm hatten, sind ihm wieder eng verbunden und verwachsen. Alle Theile erhalten gesunde geistige Speise und Alle tragen auch wieder zum Wohle des Ganzen bei. Es ist früher schon berichtet worden, daß seit einem Jahre eine nicht beträchtliche Summe zum Shnagogenbau bereit liege. Das Geld war in kurzer Zeit gesammelt, das Auffinden eines geeigneten Platzes im Centrum der Stadt nimmt eine längere Dauer in Anspruch und hat bis heute noch kein günstiges Resultat erhalten. Die Gemeindeschule hat durch den Impuls und das thätige Mitwirken des Großrabbiners bedeutend gewonnen. Bei der letzten öffentlichen Preisvertheilung, welcher der Schöffe für den öffentlichen Unterricht beiwohnte, hat derselbe seine Befriedigung mit den Leismngen der Schüler ausgedrückt und auf Ansuchen eine Erhöhung der Subsidien versprochen. In der Sitzung des Stadtrathes vom 9. d. M. wurde das Wort zur That. Die Subsidien wmdett von 600 Fr. auf 2000 Fr. erhöht und stcht eine weitere Erhöhung für nächste Zeit bis auf 4000 Fr. bevor.