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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-04-07 · Heft 15 (7.4.1868) · p. Seite 301

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 15 (7.4.1868)
Date
1868-04-07
Page
Seite 301 (sequence 19)
Language
German
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dender Stimme. „Meinen Sie, ich weiß nicht, Sie sind eine Leimruthe, und wenn ich mich darauf gesetzt, greift hinter Ihnen der Vogelsteller nach mir, um mich zu erwürgen!" Schon indem er begann, hatte ich meine Bewegung unterdrückt. Ich wußte, mit wem ich zu thun hatte, und daß sentimentale Regungen hier am wenigsten am Platze seien. „Sie wissen sehr gut, antwortete ich ruhig, daß ich weder eine Leimruthe bin, noch so dumm, mich als solche gebrauche» zu lassen. Ich bin gekommen, weil ich dachte, daß trotz Allem Sie ein teilnehmendes Menschengesicht in Ihrer dunklen Kerkerzelle doch gern sehen würden. Habe ich mich darin geirrt, nun, so kann ich gehen." „Ja, Sie haben sich geirrt. Ich hasse die Menschen, ich hasse sie alle; sie haben sich alle wie Jagdhunde auf mich geworfen, um mich zu Tode zu beißen. Ich bin fertig mit ihnen. Ich habe abgerechnet mit der Welt. Mögen sie kommen, mögen sie mich zum Schaffot führen, ich werde vor Ihrem Henkerbeile nicht zittern. Sie mögen's vollenden, ich bin sie dann los für immer. Aber wissen Sie, was ich dann thun werde?..." Der Mann war mit jedem Worte erregter, heftiger geworden, er hatte sich von seinem Lager erhoben, jetzt sprang er in die Höhe, daß die Kette furchtbar rasselte. Sein Aussehen hatte etwas Gespenstisches, die wildverworrenen Haare, der lange Bart, der regellos im Gefängniß ihm gewachsen, die glühenden Augen, die fahlen, bleichen, verzerrten Züge — es war ein schreckhafter Anblick. Er hob den Arm empor, und rief mit wilder Wuth aus: „Ich werde hinaufsteigen zu diesem Himmel und vor den Richterstuhl dieses Gottes treten, und ihm zurufen: Du trägst die Schuld von Allem, was mir geschehen, Du hast den Sturm in meiner Seele angefacht, daß er mich niederwarf und Alle zerschmetterte, die ich auf meinem Wege fand; Deine Hand hat mich zu diesen Polls und Borckes getrieben, und alles Glück gezeigt und mir wieder verweigert, daß mein Leben zu einer Hetzjagd wurde, auf der ich schmählich stürzte und verendete! Habe ich von Dir gefordert, daß Du mich geboren werden ließest, daß Du mich von herumstreicherischen Eltern in der Kindheit verlassen, von den Menschen verfolgen, von bösen Gesellen mich umstricken ließest, und wo ich Liebe suchte, Haß fand, und wo ich Dank säete, Hohn und Verachtung erndtete... Wohlan, richte, Gott, aber richte zwischen mir und Dir selbst — ich will sehen, wer Recht behält!..." Ich erschrak vor diesem Ungestüm, vor der Wuth dieser Gotteslästerungen. Und dennoch beschlich mich das Gefühl, daß es so gut sei; er reflektirte also; seine Seele war nicht erdrückt, sondern hatte noch Spannkraft, um Vorstellungen zu haben, um zu denken. Jetzt ließ er den Arm sinken, und sein Kopf beugte sich auf die Schulter, die Gluth seiner Augen wandte sich nach innen, seine Lippen klemmten sich zitternd zusammen. Ich erwiederte: „Und sind Sie, Mann, , so ganz gewiß, daß Sie hierbei Recht behalten? Wenn Ihnen nun geantwortet wird: Ich habe den Menschen die Leidenschaft gegeben, aber damit er sie durch die Kraft seines Verstandes und seines Gewissens zügele, beherrsche und überwinde. Wie? Haben wirklich nur die Umstände dich zu dem gernacht, was du geworden, oder du dich selbst? Wenn du dein ganzes vergangenes Leben in einem hellen Spiegel siehst, wirst du dann noch sagen können: die göttliche Vorsehung hat dich immer dahin gebracht, Haß zu schöpfen, wo du nach Liebe dürstetest? Oder nicht umgekehrt, brachte sie dich immer wieder zu Orten, wo du den Frieden lernen konntest, und du hast den Streit und den Kampf gewählt? Sie hat dich im Stamme der Juden geboren werden lassen, und du bist dennoch ein Mann der Gewaltthätigkeit und verbrecherischer Waffen geworden, wie er so selten hier zu Lande unter ihnen; sie hat dich Wochenlang unter dem Dache des Friedens und der Liebe wohnen und Wohlthaten empfangen lassen, und du bist immer wieder freundlich dort ausgenommen worden und zuletzt gingst du nur Verderben brütend von dannen; sie hat dir die Liebe zu dem braven, reinen, tugendreichen Mädchen in das Herz gesenkt, aber sie wurde in dir zu einem Quell des Hasses, um wie eine Löwe seine schuldlose Beute, den Gegenstand seiner Liebe zu zerfleischen. Sv könnte ich Ihnen im Namen der göttlichen Vorsehung antworten, und wie Vieles, Vieles könnte ich hinzufügen, wenn ich Ihren ganzen Lebensgang überschauen würde, wie es das Auge des Allwissenden thut. Oder haben Sie niemals verrathen, sondern sind imrner nur verrathen worden? Haben niemals gehaßt, sondern sind immer nur gehaßt worden? Haben niemals eine Grube gegraben, sondern sind immer nur in die gefallen, die Andere für sie gegraben?..." Ich hielt inne, denn ich wollte die Wirkung dieser letzten Worte erst erkennen. Und der Streich hatte getroffen. „O, sie sind ein schrecklicher Mensch, rief er ans, sie sind mein ärgster Feind! Sie zerbrechen mir den Stab, «den letzten auf den ich mich stütze, daß mir die Splitter die Hand durchstechen..." Nach einer Pause, während deren er allmälig in sich zusammengesunken und das Haupt tief auf die Brust gebeugt hatte, sprach er unter einem schweren Seufzer, aber mit einem milden Tone: „Sagen Sie, was macht Wilhelmine?" Ich nahm einen herben Ton an, in welchem eine bittere Anklage deutlich hervorklang. „Nun, es ist Ihnen gelungen, die schöne Blüthe ist geknickt, kein Frühling, keine linde Sommerluft vermag sie wieder aufzurichten und herzustellen. Seit dem letzten Schlage siecht sie unrettbar hin." Aber ich hatte mich geirrt, denn stürmisch fiel Man ein: „Nun, so sei es! So wird wenigstens der Zahn der Eifersucht nicht an meinem Herzen nagen, daß ein

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