Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1868)
- Date
- 1868-04-07
- Page
- Seite 302 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Anderer den Becher trinke, der mir vom Munde weggeriffen worden!" Ich war empört, und mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit, mit durchbohrendem Blicke, mit dem Tone tiefster Verachtung rief ich ihm zu: „Wie, fo bedauern Sie nicht einmal die Folgen Ihrer Unthaten? So schreckt es Sie nicht, eine ganze Familie getödtet zu haben? Erst den Vater —“ Bei diesem Worte sprang der Gefangene in die Höhe, ballte die Fäuste gegen mich und schrie: „Den Vater — den Vater! Ich habe ihn nicht getödtet, ich bin unschuldig an seinem Tode; es ist eine höllische Lüge — lch habe Niemanden getödtet, ich habe kein Blut vergossen, kein Tropfen klebt an dieser Hand — sagen Sie es nicht noch einmal — ich habe in meinem ganzen Leben keinen Tropfen Blutes vergossen — also auch Sie, auch Sie glauben es?..." „Können Sie die Zeugnisse, die wider Sie sprechen, die Beweise, die gegen Sie eintreten, widerlegen?" „Ich werde es versuchen. Ob es mir gelingen wird, das weiß ich nicht. Es ist mir auch gleichgültig. Ich werde ruhig sterben. Es wird mir eine Buße sein für die Sünde, die mich drückt, und so werde ich leichter und mit einer Hand voll Recht vor Gott treten." „Aber die Mutter —" „Die Mutter?" rief er erstaunt. „Was ist mit der Mutter?" „So wissen Sie es nicht? In dem Augenblicke, in welchem Sie die Tochter von dem Herzen der Mutter rissen, stießen Sie einen vergifteten Dolch ihr in dasselbe... Als Sie das Zimmer verließen, hatte das Leben das unglückliche Weib verlassen..." Elkan war vernichtet. Er sank auf das Lager zurück und breitete die Hände über sein Angesicht. Es währte lange Zeit. Ich hatte mir den Schemel hergerückt, ließ mich darauf nieder und blickte auf den unbeweglichen Gefangenen. Da ließ er die Hände sinken, und mit einer ruhigen, fast wehmuthvollen Stimme sagte er: „Es muß geschehen. Ich will Ihnen die Geschichte meines Lebens erzählen; ich will es kurz machen und Sie nicht lange aufhalten. Sie sollen Urtheilen, Sie» sollen sagen, was Sie von mir halten." Ich nickte ihm schweigend zu. (Fortsetzung folgt.) Eine Scene aus dem Leben Königs Ludwig I. von Bayern. Ein Jude Namens Efraim erschien eines Tages beim Könige, um ihm einen geschnittenen kostbaren Stein von seltenem Werthe zu verkaufen; er hatte das Kleinod ererbt und konnte für daffelbe keinen Käufer finden, denn derselbe hatte den Werth von einigen tausend Gulden. Dem Könige gefiel vas Kleinod sehr, er zahlte die verlangte Summe und der Jude verließ ganz glücklich den Palast. Eines Tages erschien ein berühmter Englischer Archäolog am Hofe des Königs, dieser ließ den geschnittenen Stein demselben zur Ansicht vorlegen. Der König nannte den Preis, um welchen er den Schatz an sich gebracht. „Ich hätte", sagte der Kenner, „den zehnfachen Werth namhaft gemacht." Der König war hierüber erstaunt, und als von anderer Seite ihm das bestätigt wurde, ließ der König den Juden herbeirufen, um ihm den vollen Werth aüszahlen zu lassen. Efraim weigerte sich, das Geld anzunehmen. „Der Handel ist geschlossen, das geht nicht, sagte er, im entgegengesetzten Falle hätte ich Euerer Majestät auch kein Geld zurückgezahlt." „So hätte ich Sie verklagt und dazu gezwungen," sagte der König. „Majestät hätten den Proceß sicher verloren, denn der Handel ist geschloffen." — „Ich kann mir von keinem meiner Unterthanen etwas schenken lassen," sagte der König. „Und ich nehme auch von Niemandem ein Geschenk an, selbst wenn es mein König wäre," sagte der Jude. „Und wenn ich Ihnen ein Orden gäbe," versetzte Ludwig. „Majestät, ich würde ihn nicht annehmen, denn ich habe ihn durch nichts verdient." „Sie sind der ehrlichste und uneigennützigste Mensch, der mir je vorgekommen ist." „Das verdient keine Auszeichnung, das ist nur meine Pflicht." Der König reichte dem ehrlichen Efraim die Hand und sprach : „Seien Sie mein Freund, ich bitte Sie um Ihre Freundschaft," und schloß den alten Mann gerührt in seine Arme. Efraim ward der Freund des Fürsten; obgleich er nur wenig besaß, erbat er sich doch nie eine Gunstbezeugung. Der König war bestrebt, sich seinem Freunde als Gönner zu bezeugen, er erfuhr, daß Efraim ein bigotter Jude sei, und ließ bei dem Oberrabbi in Fürth die Anfrage stellen, welches die höchste Auszeichnung und Würde sei, welche einem frommen Juden, als solchem, zu Theil werden kann. Die Antwort lautete ganz kurz: „Das Oberrabbinat." In Folge dieses Gutachtens ernannte der König Herrn Efraim zum Honorar-Ober-Rabbi. Das Diplom ward dem Juden zugestellt. Mit Angst und Entsetzen las Efraim seine Ernennung, denn er war ein im Talmud gänzlich unbewanderter Mann, und die Auszeichnung würde ihn nur dem Hohne Preis gegeben haben. In später Nacht eilte Efraim zum König, um diesen zu bestimmen, die Ernennung rückgängig zu machen, ehe dieselbe officiell bekannt gemacht würde. Mit schwerem Herzen mußte der König nachgeben. „Das ist," sagte der König, „der erste Mensch, der mir auf meinem Lebenswege begegnet ist, dem selbst ein König nichts zu gewähren vermag. Efraim ist ein antiker Charakter." Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Letze.