Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1868)
- Date
- 1868-04-07
- Page
- Seite 300 (sequence 18)
- Language
- German
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auch meine Anträge genehmigt, und die Angelegenheit wird jedenfalls vor die Geschworenen kommen." Ich hatte nun gut meine psychologischen Gegengründe zu entwickeln, und daß gerade die Fortsetzung seiner Bemühungen um die Hand Wilhelminens mir durchaus dagegen zu sprechen scheinen, daß Elkan selbst auch nur zufällig die Tödtung Polls verursacht habe: der Richter lächelte, und meinte, das sei ein prächtiges Motiv für den Vertheidiger, schwäche aber die faktischen Indizien um kein Haar. Ich erzählte ihm von meinen Gesprächen mit Elkan in dem verfallenen Hause, und wie dieser nachgesonnen, auf welcher Seite wohl ein Religionswechsel möglich sei, und meinte, daß der Mörder des Vaters unmöglich mit solcher Ruhe um den Besitz der Tochter zu werben vermöge — bei dem im Kriminalfache ergrauten Richter verfing dies wenig. Ich ließ davon ab, und fragte ihn, ob er mir wohl mittheilen könne, auf welche Weise die polizeiliche Behörde von dem Unternehmen Elkans gegen Wilhelmine Kenntniß erhalten habe? Denn es sei offenbar, daß die Geusdarmen ihm aufgelauert, und doch sei es auffallend, daß sie dann die That nicht verhindert oder doch gleich bei der Ausführung gestört hätten. Dann würde die unglückliche Frau Poll nicht dieses traurige Ende erlitten haben. „Ich kann Ihnen dies sagen," antwortete der Richter, „denn es sind konstatirte Dinge, die keinem Zweifel unterworfen sind, und Sie werden ebenfalls aus diesem Vorgänge die Verderbtheit, oder milder gesagt, die völlige sittliche Verwirrung erkennen, in welcher dieser Elkan befangen ist. Gegen Mittag des Tages, in dessen nachfolgender Nacht Elkan die Polls übersiel, erhielt die Steuerbehörde einen anonymen Brief, in welchem ihr denuncirt ward, daß der berüchtigte Schmngglerhäuptling Borcke in der nächsten Nacht eine großartige Pascherei vorhabe; es wurden Ort, Stunde und Zahl der Schmuggler, selbst die ungefähre Menge der Maaren angegeben. Natürlich wurde die ganze Macht der Grenzwache nebst ver Gensdarmerie der ganzen Gegend aufgeboten, um dem verrathenen Streich zu begegnen. Sie wissen, daß der Erfolg ein glücklicher war. Kaum sah sich Borcke umzingelt und nach heftigem Kampfe gefangen, als er ausrief: „Das kann kein Anderer als Elkan verrathen haben, der die Häscher von Neudorf entfernen wollte, um seinen bösen Streich dort ungehindert auszuführen! Warte, Schurke, dir will ich es vergelten!" Und sofort thcilte er dem Führer der Gensdarmerie mit, was Elkan vorhabe, und wohin verabredetermaßen er gehen wolle. Unsere Leute waren zu weit von Neudorf entfernt und mußten voraussetzen, daß Elkan mit seiner Beute längst von dem Dorfe sich entfernt habe, bevor sie dahin gelangen konnten. Biel näher lag es, ihm auf seinem Wege durch den Wald zu begegnen, .und dazu machten sich so viele auf, wie augenblicklich entbehrt werden konnten. Da sehen Sie den Mann, der unserem Urtheile jetzt unterliegt." „Es ist der alte Spruch von der Grube und der Schlinge, die man Anderen bereitet," erwiderte ich wehmüthig und empfahl mich. Am anderen Morgen wanderte ich nach dem Gefängnisse. Der Inspektor war von meinem Besuche in Kenntniß gesetzt und führte mich alsbald zu der Zelle Elkans. Ich war kein Neuling in diesem Gebäude, das schon, so viele Seufzer gehört und der Freudenthränen sehr wenige gesehen. Aber bisher war ich nur in die oberen Räume gekommen; denn es waren stets nur leichte Vergehen oder Verbrechen, welche Glaubensgenossen dahin geführt, so daß ich zu deren Besuch veranlaßt war. Dies Mal mußte ich die dunklen Stufen zum Schoße der Erde hinuntersteigen. Doch nein, das wäre zu viel gesagt. Es war nur das Souterrain des Gebäudes, in welchem sich diese Zellen befanden, so daß die schmalen Oeffnungen für Licht und Luft, welche in die Zellen mündeten, gerade über dem Boden des Hofes lagen. Aber eine tiefe Gcmüthsbewegung bemächtigte sich meiner, da ich die langen, dunklen Gänge durchschritt. Die feuchte, kühle Luft trug wohl dazu bei. Aber der Gedanke durchschauerte mich, wie schrecklich es ist, daß Menschen die Gesellschaft dazu zwingen, sie ärger als Raubthiere in unterirdische Käfige zu werfen und ihnen Arme und Füße mit Ketten zu belasten, während sie doch dasselbe . Verlangen, dieselbe Sehnsucht nach dem Lichte der Sonne, nach der frischen Gottesluft, nach der freien Bewegung in Freud und Leid auf der weiten Erde in sich tragen! Und doch möchte bei Vielen diese Entbehrung noch das geringste Leid sein, das sie drückt. Ihre Seelen sind wund gerieben von den schweren Banden der Gewissensqualen, von der Bergeslast ihres Bewußtseins, die sie vergebens von sich zu schütteln suchen, von den Schrecknissen der Furcht dessen, was über sie kommen werde; in ihren Geistern ist es finsterer als in diesen Gängen und Zellen; und in ihren Herzen stockt es von dem trüben Gemisch der Leidenschaften und der Sündhaftigkeit. In dem dreifachen Verschluß der eisernen Zellenthür rasselten die Schlüssel des Wärters, die niedrige Pforte knarrte in den Angeln; ich trat ein; hinter mir schloß sich die Thüre wieder. Ich war geschieden von der übrigen Welt, und mit diesem verfehmten und schuldbeladenen Manne allein. Es währte einige Augenblicke, bis meine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt und die Fähigkeit erlangt hatten, die wenigen Gegenstände in der Zelle zü gewahren. Da lag er auf hartem Pfühl hingestreckt, um den einen Fuß die Eisenschelle, von welcher eine schwere, lauge Kette ihn an die Wand schloß. Sie mochte ihm eben einige Schritte in der engen Zelle gestatten. Ein Schemel, ein Wafferkrug, das war Alles. Er lag unbeweglich, das Gesicht gegen den Pfühl gewandt. Es schnitt mir ins Herz, und eine Thräne drängte sich mir ins Auge. Ich trat näher. Er wandte das Gesicht. Er blickte mich finster an, und schien mich zu erkennen. „Was wollen Sie hier?" rief er mit starker, schnei--