Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 15 (7.4.1868)
- Date
- 1868-04-07
- Page
- Seite 299 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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All ge« t i tt t Zeitung des Zn-enthnms. Femlleton-öeilage M tlr. 15. Leipzig', den 7. April 1868. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. Zweite Erzählung (Fortsetzung.) Eine tiefe Abneigung herrschte in mir vor, den gefangenen Mann wiederzusehen. Er erschien mir jetzt mit so vielen Verbrechen belastet, von einer Verderbtheit, für welche ich gar keinen Maßstab in mir trug, daß meine ganze Seele erzitterte, wenn ich daran dachte, vor ihn zu treten. Ja, es giebt eine Solidarität der Menschen unter einander, und wenn diese zumeist in den Stunden der Gefahr und der Noch sich durch Mitgefühl und Thaten edler Aufopferung äußert, so tritt sie auch hervor, wenn wir vor einem großen Verbrechen, vor einer schwarzen Unchat stehen; wir tragen gewissermaßen an der Schuld mit, wir fühlen uns beschämt, daß diese gvttebenbildliche Natur des Menschen so tief sinken, so sehr entstellt werden konnte. Tragen wir nicht dieselben Gefühle in unserem Herzen, aus denen eine so große Entartung herausgewachsen? Sind wir nicht auch schwach und hinfällig, und verdanken es oft nur dem Gange unseres Lebens, günstigen und schützenden Umständen, daß wir nicht fielen, daß wir nicht auch verdarben?... Und dennoch zog es mich wieder zu ihm hin. War er wirklich so schuldig, wie ihn der Schein machte/ wie ihn die Menge verdammte? Und mußte ich nicht, wenn ich es vermochte, ihm die Hand entgegenstrecken, um ihn etwas aus dem tiefen Abgrunde heraufzuheben? War ich nicht verpflichtet, wenigstens zu versuchen, einiges Licht in seine Finsterniß zu bringen?... Ich habe mich oft auf einer. gewissen Schwäche ertappt, und dann immer gestrebt, um so mehr Kraft zu sammeln, jene zu überwinden. Sträubt sich wein Gefühl gegen etwas, so halte ich ein, und untersuche die Sache um so schärfer. Ist es aber ein bloßes Zagen, das mich zaudern läßt, so ist mir dies gerade ein Zeichen, daß ich rasch zuschreiten müsse. Ich wandte mich daher an den Untersuchungsrichter, um die Erlaubnis zu erhalten, den Gefangenen zu besuchen. Aber er wies mich ab, da die Untersuchung so im Gange wäre, daß Niemandem der Zutritt zu den Gefangenen gestattet werden könne, auch nicht den geistlichen Berathern. So vergingen einige Wochen. Da sandte der Untersuchungsrichter zu mir, und zeigte mir an, daß die Untersuchung zwar noch nicht geschlossen, es aber wünschenswerth sei, dem Jnkulpaten geistlich zuzusprechen. Denn er beharrte in den Hauptpunkten auf seiner Leugnung, und vielleicht würde ich im Stande sein, sein Gemüth so weit zu erweichen, daß er sich zu einem freimüthigen Geständnisse herbeiließe. Es sei dies zwar unwahrscheinlich bei dem harten und ungestümen Charakter des Mannes, aber es dürfe doch nichts versäumt werden. Auf gewisse Einwendungen , die ich erhob, beruhigte mich der Richter, indem er mir sagte, daß ich in keiner Weise verpflichtet sei, ihm, dem Richter, mitzutheilen, was mir etwa der Angeschuldigte anvertraue, und daß ich keineswegs mein Amt und meinen Beruf zur Spionage entwürdigen müßte, vielmehr sei der Zweck meines Besuches nur, die Herzenshärtigkeit des Verbrechers wo möglich zu schwächen und ihn der Wahrhaftigkeit näher zu bringen. Ich erlaubte mir den sehr würdigen und menschenfreundlichen Richter, den ich aus meinen amtlichen Verrichtungen näher kannte, zu fragen, wie der Stand der Sache für den Gefangenen, ob mehr oder weniger gravirend, sei? Der Richter machte ein ernstes Gesicht und schüttelte mit dem Haupte. „Die Indizien für die Hauptanklage, die Tödtung des Försters Poll, haben sich gemehrt. Es ist so gut wie erwiesen, daß Elkan mehrere Rencontres mit Poll gehabt, in welchen sie beide sehr heftig wurden, und daß gerade am Tage vor der Nacht, in welcher Poll erschossen ward, sie sich beide getroffen, ein starker Wortwechsel stattgefunden, Poll den Elkan beschimpft habe, und dieser mit lauten Drohungen und Flüchen davongegangen sei. Die Beweise hierfür scheinen unerschütterlich, und verbinden Sie hiermit den Umstand, daß Elkan im Besitz der Waffe des Getödteten, die man alsbald bei dem Leichnam vermißt hatte, gefunden worden, und daß Elkan ein Mann ist, zu dem man sich solches versehen kann und der seine Gewaltthätigkeit gegen die Familie Poll fortgesetzt hat, so daß es an Motiven, die That zu erklären, nicht fehlt: so schießen die Fäden zu einem Netze zusammen, welches für den Kopf des Gefangenen zu einer unzerreißbaren Schlinge zu werden scheint. Der Anklagesenat hat denn