Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 14 (31.3.1868)
- Date
- 1868-03-31
- Page
- Seite 281 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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281 furchtbaren Geschick ihres Kindes der dünne Faden ihres Lebens gleich zerrissen worden — wer weiß es? Als der Fuß eines Lebenden dieses Zimmer wieder betrat, fand er sie auf die Kissen zurückgesunken und tobt; Angst und Verzweiflung drückten sich noch in den starren Zügen, in den krampfhaft geballten Händen aus. Auf verschlungenen, zum Theil pfadlosen Wegen ging es durch den Wald. Einige Stunden vergingen. Oft hatte das Mädchen das Bewußtsein verloren, dann erwachte wieder das ganze Gedächtniß ihres Zustandes, ihres Schicksales. Es dämmerte; sie erreichten eine Lichtung, auf der es bereits ganz hell geworden. Man ließ das Pferd halten und schlich vorsichtig voraus, um über die Lichtung zu blicken. Das Pferd wieherte, und die Gebüsche knackten. Da fielen plötzlich, als Elkan den ersten Schritt auf die Lichtung gethan, hinter Bäumen Männer hervor und warfen sich auf Elkan. Er schrie: „Verrath!" und zog einen Hirschfänger; aber ebenso schnell war er entwaffnet und nieder geworfen. Drei Gensdarmen hielten ihn fest und legten ihm Handschellen an. Sein Cumpan war unterdeß entflohen. Man hob das Mädchen von dem Pferde, befreite sie von ihren Banden und flößte ihr einige Tropfen Branntwein auf die Lippen. Sie kam zu sich und ihr erstes Wort war: „Bringt mich zu meiner Mutter zurück!" Die Gensdarmen befrugen sie sofort, was mit ihr vorgegangen. Aber sie vermochte kaum zu antworten; ihr Blick voll Entsetzens war auf die Waffe gerichtet, welche man dem Man entrissen hatte. „Das ist der Hirschfänger meines Vaters!" schrie sie, und da der Gensdarm, der ihn hielt, ihn ihr nahe brachte, zeigte sie auf die Buchstaben F. P., die unter dem Griffe in die Klinge eingegraben waren. Sie hatte diesen Griff erkannt, und ihre Vermuthung war durch die Buchstaben als richtig erwiesen. „Ha, rief sie, er ist auch der Mörder meines Vaters!" Auf diesen Ruf stürzten die Gensdarmen noch einmal auf die Lichtung hinaus, fesselten Elkan, der betäubt auf dem Boden lag, noch fester, rissen ihn empor und schleppten ihn fort auf dem Wege nach der Stadt. Einer aber war zurückgeblieben; der suchte Wilhelmine zu beruhigen, half ihr auf das Pferd und führte sie zu ihrer Hütte zurück. Was erwartete sie da! . . . Ähre Erzählung hatte mich auf's Tiefste erschüttert. Ich stand verwirrt und rathlos da. Ich schaute in einen Abgrund hinein, wie tief und dunkel meine Seele ihn nicht fassen könnte. Es ist nicht möglich, rief es in mir, er kann es nicht sein! Ein Mensch, mit dem Blute des Vaters befleckt, kann die Hand nicht nach seiner Tochter ausstrecken! Das rinnende Blut des Vaters muß jede Flamme, auch die teuflischer Liebe, auslöschen! Was er auch an Sünde und Verbrechen auf seiner Seele trägt, das kann er nicht gethan haben — die Wege des Herrn sind geheimnißvoll! hier ruht ein solches Geheimniß der Vorsehung! Aber während wich diese Gedanken durchwühlten, hatte das Mädchen sich ihrem Schmerze wieder ganz überlassen. Sie rang die Hände und rief: „Ja, ich bin die Ursache alles Unglücks! Ich habe meinen Vater und nun auch meine Mutter getödtet! Warum widersetzte ich mich dem schrecklichen Menschen? Warum starb ich nicht lieber, ehe sie starben . . „Nicht doch, nicht doch, liebe Wilhelmine, erwiderte ich ihr. Meinen Sie, Ihre Eltern hätten es ertragen, Sie so unglücklich oder Sie sterben zu sehen? Fassen Sie sich, ein schweres Verhängniß ist über Ihre Eltern und Sie hinweggegangen — Sie haben es ja so kräftig bestanden, Ihre Eltern sind jetzt im Frieden, und die Freude, die sie an Ihnen und Ihrer aufopfernden Liebe gehabt, haben längst jeden Wermuth aus ihren unsterblichen Geistern entfernt. Jetzt haben Sie in dem Sinne Ihrer Eltern sich nur zu fassen und aufrecht zu erhalten; denken Sie, wie schmerzlich es für die Dahingeschiedenen sein muß, wenn sie Ihrer Verzweiflung, Ihrer Trostlosigkeit inne sind!" So sprach ich ihr zu, und bemühte mich, ihren Gefühlen und Gedanken diese Richtung zu geben. Es gelang mir allmälig, und es galt nun zu berathen, was jetzt aus ihr werden solle. Ich rieth ihr, den Schauplatz so unsäglichen Wehes zu verlassen und nach der Stadt zu ziehen, wohin sie doch in der nächsten Zeit wegen der eingeleiteten Untersuchung öfter kommen müßte. Ich hoffte, daß einer ihrer Arbeitgeber sich ihrer annehmen, sie in einer Familie placiren und sie, sobald sie wieder zu arbeiten vermöchte, beschäftigen würde. Ich überlegte wohl, daß der eine derselben, ein Jude und mir sehrbefreundet, auf meine Wünsche am ehesten eingehen möchte. Aber ich wollte dies nicht. Es hätte Aussehen erregen können, wenn das Mädchen bei oder auch nur durch einen Juden ausgenommen worden wäre. Leider war ja schon allzusehr ein Glaubensgenosse in diesen schrecklichen Fall verwickelt. So mußte ich, um allem Gerede aus dem Wege zu gehen, einen der christlichen Prinzipale darum ansprechen und hoffte auf guten Erfolg, da die Theilnahme an dem unglücklichen Mädchen überall eine lebhafte sein mußte. Sie fand sich endlich in meine Rathschläge, und nach einigen Stunden verließ ich sie, mit schwerem, betrübtem Herzen. Es war bald Alles geordnet, und ich konnte nunmehr meine Gedanken auf den unheilvollen Mann richten, der jetzt im Kerker des Gerichtes lag. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenz. Cincinnati, im Februar*). Ich komme meinem Versprechen nach. Ich finde endlich wieder einmal Zeit, ein jüdisches Blatt zu lesen; und was finde ich darin? Nehmen wir den ebenfalls gleich der „Deborah" von Herrn Wise redigirten *) Dgl. Nr. 4 S. 79.