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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1868-03-31 · Heft 14 (31.3.1868) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
32 (1868)
Issue
Heft 14 (31.3.1868)
Date
1868-03-31
Page
Seite 280 (sequence 18)
Language
German
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280 der einen Ecke stand ein Bett, und neben diesem saß Wilhelmine. Aber das Bett war leer, und das Mädchen saß zusammengesunlen, mit dem Haupte in die Hände gestützt da. Es war still und öde und kalt im Zimmer. Ich trat näher an sie heran, aber sie hörte meine Schritte nicht. Da legte ich sanft meine Hand auf ihren Kopf und sprach ihren Namen aus. Da hob sie das Haupt empor und rief im Tone des tiefsten Schmerzes: „Sind Sie es, Herr? O! das ist gut! O Herr, sie haben mir meine Mutter fortgetragen und wollten mich nicht mitnehmen — ich wollte doch so gern sterben und mit ihr unter dem Rasen schlummern — nun bin ich so verlassen und einsam — und ich wußte mir nicht zu helfen, als daß ich zu Ihnen sandte. Sie waren ja unser Bote Gottes, Sie haben die letzten Tage meiner Mutter so friedlich und so glücklich gemacht — o können Sie mir nicht helfen, daß ich zu ihr komme — ich kann nicht leben ohne meine Mutter!..." Dabei schlug sie die Hände zusammen und senkte ihren Kopf zwischen die Arme... Welche Veränderung war in dem lieben, schönen Angesicht vorgegangen! Eine aschfarbene Blässe hatte sich darüber gelegt, tiefe Furchen waren in Stirn und auf Wangen eingegraben, ihre Augen eingesunken in die Höhlen, wie von irren Lichtern glänzend, der Mund so bleich und die Lippen zitternd. Da mit einem Male stürzte ein Stroin von Thränen aus ihren Augen, ein convulsivisches Zittern lief durch ihre Glieder. Ich war wie angedonnert, und auch mir füllten sich die Augen mit Thränen. Ich ließ ihren Schmerz austoben, und faßte nur ihre Hände, die ich herzlich drückte, indem ich von Zeit zu Zeit die Worte aussticß: „Armes Mädchen!..." Nach einiger Zeit richtete ich beruhigende Worte an sie, suchte sie zu trösten, versicherte sie meiner väterlichen Theilnahme und deutete darauf hin, wie die göttliche Vorsehung Niemanden verlasse, und mich durch wundersame Fügung ihr zugesandt, bevor sie den größten Schatz ihres Lebens, ihre Mutter, verlieren sollte. Sie fing an meine Worte zu hören und zu verstehen; sie begann sich zu beruhigen, und ihre Thränen flössen milder. Ich konnte die Frage an sie richten: „Sagen Sie, wie ist es gekommen?" Sie richtete ihr Antlitz zu mir auf und sprach: „O Herr Doktor, das ist schrecklich, das ist entsetzlich! Doch ich will Ihnen Alles erzählen, und Sie werden außer sich fein, wie ich selbst, und mir in meiner Verwirrung rathen, was ich thun soll." Es war in der Nacht drei Tage vor diesem, als ihre Mutter schlaflos und von heftigem Husten geplagt war. Wilhelmine war aufgestanden, hatte der Mutter eine Tafle Thee bereitet und saß neben ihrem Bette. Allmälig beruhigte sich die Kranke und begann einzuschlummern. Auch auf die Lider des Mädchens, das den Tag emsig bei ihrer Arbeit zugebracht, senkte sich der Schlaf, und ihr Bewußtsein verwirrte sich in den Nebeln des Traumes. Da mochte sie plötzlich das Oeffnen der Thüre und die Schritte eines Mannes im Zimmer hören; aber im Augenblick, wo sie sich ermunterte, fühlte sie eine Binde um ihren Mund geschlungen und ihre Hände gebunden. Die Mutter schrie auf, aber eine leise, doch furchtbare Stimme rief ihr zu, stillzuschweigen, oder auch sie würde sofort geknebelt werden. Es war Elkan. Sein Aussehen war fürchterlich; die Gluth in feinen Augen, die Leidenschaft in seinen Zügen, das wildverworrene Haar flößten Schrecken ein, auch ohne die Waffen aller Art, mit denen er sich ausgerüstet. Dann sprach er zu Wilhelminen: „Du hast es mir angethan, Mädchen, Du selbst bist Ursache alles deflen, was geschieht. Ich liebe und hafle dich zugleich. Du hast mir den Sturm in die Seele geworfen und willst ihn nicht beschwören, und nun rast er auch über dich hinweg und zerschmettert vielleicht uns beide. Noch kannst du einhalten. Ich ertrage diese wilde Unruhe, die mich Tag und Nacht treibt, nicht mehr. Willst du mein werden, und es soll Alles gut werden, und ich werde deine Mutter und dich mit allem Glück umgeben, das ihr nur wünschen könnt. Aber ich bin nicht umsonst gekommen und gehe nicht wieder, wie ich gekommen. Hülfe ist nicht in der Nähe, und jedes Sträuben ist vergebens. Ich habe Helfer. Willst du mein werden? Sprich." Da richtete sich die halbtodte Mutter auf und rief mit verzweiflungsvoller Stimme: „Nein, nein, nimmermehr! Du bist ein Scheusal, ein Greuel, ein Verbrecher, der nicht werth ist, nur die Hand meiner Tochter zu berühren! Dir sie übergeben, heißt sie der Hölle übergeben! Der Geist meines Mannes steigt herab und wehrt uns, und wird dir wehren, und wird sein verlassenes Kind vertheidigen! Hinweg von hier, oder der Fluch dessen wird dich treffen, der dir einst das Leben gerettet! Mögest du deine Helfershelfer rufen, die Diener der Gerechtigkeit sind nahe und werden dich ergreifen und dich dem Henkerbeile übergeben, du Räuber und Mörder!" Ihre Worte versetzten den gewaltthätigen Mann nur in um so größere Wuth. Er blickte zuerst starr der Frau ins Gesicht, dann schnellte er empor, ergriff das Mädchen am Arme und riß sie, ohne ein Wort zu sprechen, mit unwiderstehlicher Gewalt zum Zimmer, zum Hause hinaus. Dort war noch ein Mann aufgestellt, und beide eilten nun, jeder einen Arm des Mädchens ergreifend, trotz deren Sträuben, zum Dorfe hinaus und in den Wald. Dort stand ein Pferd, auf das sie Wilhelmine setzten und festbanden; Elkan ergriff die Zügel , der andere ging, die Büchse im Arm, nebenher. Als die Mutter ihre Tochter fortschleppen sah, war sie vor Entsetzen stumm und vermochte keinen Laut hervorzubringen. Ob sie einige Augenblicke nachher ihrer Verzweiflung Luft machen konnte und mit ihrer schwachen Stimme den Hülferuf in die schweigende Nacht, in den etwas entfernten Häusern unvernommen, hinausgeschrieen, oder ob von dem Schrecken des Frevels und von dem

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